Béla Hamvas und Katalin Kemény
von Krisztián Nyáry

Béla Hamvas war 39 Jahre alt, als er 1936 die damals 27jährige Katalin Kemény kennen lernte. Er betrachtete die Kunsthistorikerin, die auch als literarische Übersetzerin tätig war, von Anfang an als gleichberechtigte Partnerin. Sein ganzes Leben sehnte er sich danach, in Ruhe und ohne Zwänge schreiben zu können, mit einer Partnerin an seiner Seite, die ein ähnliches Lebensziel verfolgte. Die Arbeit in der Behörde fiel ihm schwer, ebenso wie seinerzeit die schulische Disziplin. Als Katalin Hamvas ihren Eltern vorstellte, äußerte er beim Abendessen: „Wie schade, dass man nicht so wie in der Schweiz mit vierzig in Rente gehen kann.“ Die angehende Schwiegermutter war ganz und gar verblüfft und fragte: „Willst du einen Rentner heiraten?“ Im Jahr darauf fand die Hochzeit statt, und das Paar stellte sich auf ein Leben ein, das dem Lesen und Schreiben gewidmet war. Der Ehemann arbeitete tagsüber in einer Bücherei, abends aber kehrte zu Katalin in ihre als Bibliothek eingerichtete Wohnung auf dem Remete-Berg heim. Die Idylle war jedoch bald zu Ende. Hamvas wurde nach Ausbruch des Weltkriegs dreimal zum Militärdienst einberufen, so war er auch an der russischen Front. Auch während dieser Zeit schrieb er an einem seiner Hauptwerke, der Scienta Sacra. Als seine Truppe nach Deutschland kommandiert wurde, floh er, um seine kranke Frau in Budapest pflegen zu können. Ihre Wohnung auf dem Remete-Berg wurde von einer Bombe getroffen, die über Jahrzehnte sorgsam aufgebaute Bibliothek vernichtet und mit ihr mehrere Tausend Seiten Manuskripte. Für Hamvas war dies ein Schicksalsschlag, schlimmer als der Krieg selbst. „Ich bin zum Bettler geworden. Die Welt des Besitzes ist vernichtet. … Ich bemühe mich, nie wieder an etwas festzuhalten. Bettler zu sein ist schwer, aber gut…“ Es folgten tatsächlich Bettlerjahre. Der Schriftsteller arbeitete nach dem Krieg eine Zeit lang als Redakteur, wurde jedoch nach einer Kritik von Georg Lukács vom Dienst suspendiert und in Frührente geschickt. Zuerst ließ er sich einen Landarbeiterausweis ausstellen und zog gemeinsam mit Katalin in ein Bauernhaus in Szentendre, wo er den Garten bestellte. Von 1951 bis 1964 war er dann Lagerarbeiter bei einem Bauvorhaben des Unternehmens für Kraftwerkinvestitionen (Erőműberuházó Vállalat). Auch in dieser Zeit schrieb er fortlaufend, lernte Sanskrit, übersetzte aus dem Lateinischen, Griechischen, Hebräischen und Chinesischen. Seine Kollegen ahnten nicht, dass ihnen einer der gebildetsten Zeitgenossen Tag für Tag das Werkzeug reichte. In diesen Jahren traf er Katalin nur alle zwei Wochen für ein Wochenende, ansonsten lebte er alleine in verschiedenen vorläufigen Arbeiterunterkünften. Seine Schüler und Biografen beschreiben seine Beziehung zu Katalin auf zwei unterschiedliche Arten. Nach der einen Lesart war sie für Hamvas die perfekte, verständige geistige Partnerin, mit der er gemeinsam „Forradalom a művészetben“ [Revolution in der Kunst] verfasste. Andere meinen, sie sei eine schlechte Ehefrau gewesen, die sich nicht um ihren Mann gekümmert hätte: Sie habe Hamvas in der Arbeiterunterkunft nicht besucht, ihm keine Pakete geschickt, ihn nicht angerufen, auch von den Treffen an den Wochenenden sei er mit leerer Tasche, ohne saubere Kleidung und Kost zurückgekehrt. Gewissermaßen ist an beiden Variationen etwas Wahres dran. Ihre Beziehung war nicht von dieser Welt, wahre Erfüllung fand sie auf den Seiten der Manuskripte. „Das Geheimnis der Liebe ist, dass aus zwei eins wird, das Geheimnis der Freundschaft, dass aus einem zwei.“ – so schreibt Hamvas. „Daher ist die Liebe umgekehrte Freundschaft, sodass aus dem einen immer etwas in das andere hinüberdringt. Die Liebe ist manchmal so, als würde aus einem zwei, obgleich es immer zwei waren und nur durch die Liebe das eine entsteht. Und die Freundschaft ist manchmal so, als ob aus zwei eins würde, dabei war es immer eins und nur die Freundschaft entstehen zwei.“ Außer ihnen wusste niemand, was von beidem auf ihre Beziehung wohl eher zutraf. Hamvas verbrachte die letzten Jahre seines Lebens in Budapest, ohne die Hoffnung auf Publikation schrieb er ganz bis zum 7. November 1968, als er an einer Gehirnblutung starb. Katalin lebte bis 2004 und verwirklichte sich im Alter als Dichterin.

Aus dem Ungarischen von Éva Zádor

Béla Hamvas in deutscher Sprache – eine Auswahl:

Die Melancholie der Spätwerke – Essay, übersetzt von Ákos Doma. Matthes & Seitz, Berlin 2008

Kierkegaard in Sizilien – Essays, übersetzt von Ákos Doma. Matthes & Seitz, Berlin 2006

Silentium – Essays, übersetzt von Jörg Buschmann. Matthes & Seitz, Berlin 2004

Philosophie des Weins – Übersetzt von Hans Skirecki. Matthes & Seitz, Berlin 2004

Bäume – Essays. Edition M Verlag, Szentendre 2000


Zudem sind Teile seines 1.500 Seiten starken Romans Karneval auf http://www.hamvaskarneval.mediatransform.de/index.html zu lesen.