Bence Svébis
Sehen und Lesen

Noémi Kiss: Fekete-fehér. Tanulmányok a fotográfia és az irodalom kapcsolatáról [Schwarz-Weiß. Studien zur Beziehung von Fotografie und Literatur.] Műút könyvek, Miskolc 2011, 160 Seiten.

In der sich auf den Text konzentrierenden ungarischen Literatur spielte das Bild schon immer eine sekundäre Rolle: Es wurde in der Diktatur der Sprache zur Illustration erniedrigt. Die Texte von Noémi Kiss untersuchen die Beziehung dieser beiden Medien, den Punkt, an dem sie sich begegnen, womit sie ein in der ungarischen Literatur bislang vernachlässigtes Thema in den Vordergrund rücken.

Der Titel des Bandes macht auf die Harmonie der beiden entgegengesetzten Farben – ja, wie wir wissen, handelt es sich hierbei nicht einmal um Farben, denn schwarz ist das Fehlen der Farben, und weiß ihre Summe –, der beiden getrennten Pole aufmerksam. Die zwischen 2003 und 2011 entstandenen, meist in verschiedenen Zeitschriften publizierten Texte zeigen nämlich die duale Beziehung von Fotografie und Text an Werken, bei denen sich das Verhältnis von Unter- und Überordnung verwischt, und eine nebengeordnete Beziehung vorherrschend wird. Sie zeigen, wie sich die beiden künstlerischen Zweige gegenseitig ergänzen, wie sie die einzelnen Werke gemeinsam zu einem vollkommenen Ganzen machen. Wie es ist, wenn man bei einem Buch Leser und Betrachter zugleich ist.

Das Buch besteht aus drei größeren, nummerierten Einheiten. Der erste Teil beinhaltet einen längeren Essay über die Geschichte der ungarischen Fotografie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wobei die Arbeit eines der herausragendsten Fotografen Budapests, György Klösz, in den Vordergrund gestellt wird. Es handelt sich bei diesem Text um eine nützliche Einführung, die dem Leser Informationen zu Theorie, Geschichte und Technik der Fotografie liefert. Die zweite Einheit, die das eigentliche Kernstück des Bandes darstellt, behandelt in erster Linie zwei Bücher von Péter Nádas – Etwas Licht und Der eigene Tod –, deren Bedeutung auch dadurch deutlich wird, dass sie in den Texten, die nicht unmittelbar von ihnen handeln, ebenfalls Erwähnung finden. Hier ist im Zusammenhang mit Etwas Licht das erste Mal die Rede von der in Ungarn weniger bekannten Gattung des Fotobuches, das in jedem Text immer wieder aufs Neue zur Sprache kommt, zu einem Grundbegriff der Beziehung zwischen Fotografie und Text wird und dessen Pionier in Ungarn gerade das Buch Der eigene Tod von Péter Nádas war. Letzteres ist schon allein daher interessant, weil der Text des Buches ursprünglich ohne die Fotografien vom Birnbaum auf den Seiten der Literaturzeitschrift Élet és Irodalom erschienen ist. Die mit den Fotografien illustrierte Form erlangte der Text nur als Buch, und das wirft die Frage auf, inwiefern die Bilder die ursprünglichen Bedeutungsschichten desselben verändern. An dieser Stelle findet sich ein Aufsatz, der etwas aus der Reihe tanzt, ein längerer Text über vier weibliche Autobiografien, der sich mit dem Unterschied zwischen der weiblichen und männlichen Autobiografie aus feministischem Blickwinkel auseinandersetzt und daher nur locker mit dem Thema des Bandes verbunden ist. Den zweiten Block schließt ein Aufsatz, den Noémi Kiss aus Anlass der ungarischen Publikation des Romans Austerlitz von Sebald geschrieben hat.

Der dritte Teil kann auch als eine Art Anhang aufgefasst werden, hier sind fünf kürzere Texte – Rezensionen und Vernissagetexte – zu lesen.

Bedauerlich und etwas traurig ist, dass die Texte des Bandes nicht aufeinander abgestimmt wurden, das heißt nicht zu einem Band zusammenstehen, sondern nach einer bestimmten Logik redaktionell in eine Reihenfolge gestellt sind. Es fehlt ein wenig der Fluss, der Bogen, der die Texte zu einem einheitlichen Band zusammenfügt, die für sich genommen nämlich überaus interessant sind, nur stellen sie jeweils eine eigene Einheit dar und führen nicht zum nächsten hinüber, womit nicht nur die Illusion der Einheitlichkeit verloren geht, sondern sich auch Fehler einschleichen, wie beispielsweise die überflüssige Wiederholung gewisser Informationen und Gedankengänge oder Widersprüche zwischen den Texten. Ein Beispiel für Letzteres ist, wenn wir im Eingangskapitel lesen: „Die Fotografie wurde, wie auch die Literatur, zur Jahrhundertwende auf diese Weise die Metapher für die Erinnerung.“ Im darauffolgenden Aufsatz schreibt die Verfasserin dann: „Es ist fraglich, ob die Fotografie überhaupt Metapher sein kann?“ Zur Wahrheit gehört, dass sie die Frage in einem ursprünglich 2003 erschienenen Text stellt, während sie die Feststellung bereits ein Jahr später äußert, doch im Buch wird gerade diese Reihenfolge ausgetauscht. Eine gründlichere redaktionelle Arbeit und eine nachträgliche Überarbeitung der Texte hätten diese Probleme vielleicht lösen können.

Doch trotz aller Fehler ist das Buch von Noémi Kiss auf jeden Fall ein beachtenswertes Werk, dessen Rezeption noch auf sich warten lässt, doch hoffentlich bald Konturen annimmt, so wie das im Entwickler schwimmende Foto.

Aus dem Deutschen von Éva Zádor