László Végel: Sühne
Texte für unterwegs

Matthes & Seitz Berlin, 2012
Aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer

Rezension von Héla Hecker

Dank des Berliner Verlags Matthes & Seitz ist seit 2007 ein immer größerer Teil des schriftstellerischen Werkes von László Végel in deutscher Sprache zugänglich. Végel, dessen erster Roman 1967 erschien und seit 2011 auch in Lacy Kornitzers deutscher Übersetzung unter dem Titel Bekenntnisse eines Zuhälters zu lesen ist, wurde 1941 in Jugoslawien geboren. Jedoch, so schreibt er, ist „Budapest die Hauptstadt meiner Muttersprache“. Végel lebt bis zum heutigen Tag als Angehöriger der ungarischen Minderheit in Novi Sad und beschreibt somit die osteuropäische Wirklichkeit vom Balkan aus gesehen. Die Textsammlung Sühne ist nicht nur deshalb einzigartig, weil sie auf Ungarisch als Buch bislang noch nicht erschienen ist, sondern vor allem wegen ihrer Palimpsest-Weise.

Diese Essays spiegeln eine Region wider, die durch einander widersprechende Erzählungen beschrieben wurde, ohne den früheren Text auszuradieren – wie etwa die Geschichte des Kaffeehauses in Novi Sad zeigt. Dieses trug in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie den Namen Dornstädter, der durch die neue kommunistische Führung 1945 in Kafana Moskwa geändert wurde. Bis zu dem Zeitpunkt, als Tito mit Stalin in Konflikt geriet und Moskau nicht mehr als der große Freund betrachtet wurde – somit hieß es ab 1948 Café Zagreb. Infolge des Balkankrieges der neunziger Jahre wurde eine erneute Namensänderung zwingend, denn Zagreb zählte fortan zum feindlichen Lager. Die ehemalige Kopie eines Wiener Kaffeehauses wurde auf den Namen Café Athen getauft. „Weil keine authentische Historie existiert, wimmelt es von so vielen Historien in Mitteleuropa […]. Weil keine Einigkeit über die Geschichte existiert, muss man sie immer wieder neu erfinden. In Mitteleuropa wird ein Palimpsest der falschen Geschichte auf das nächste überschrieben.“

Die Schreibweise folgt der Realität. Végels Texte sind wie eine Schachtel voller Schnappschüsse, die auf den Tisch ausgekippt wurden und ihn über und über bedecken. Die Bilder liegen aufeinander, man sieht nur Fragmente einer Momentaufnahme, die von der nächsten sofort überdeckt wird. Der Leser wird durch Jahrzehnte geführt, die lineare Erzählung unterbricht aber immer wieder, weil assoziativ neue Geschichten auftauchen. Gerade steht man noch auf dem Marktplatz von Triest, und schon läuft man durch die Straßen Novi Sads am Abend von Titos Tod, um im nächsten Augenblick bei einer Lesung in Berlin zu sitzen. Und doch fallen die Texte nicht auseinander, denn ihre charakteristische Atmosphäre hält sie wie ein starkes Klebemittel zusammen.

Aus jeder Zeile strömt die Stimme eines genauen Beobachters, der aber keineswegs unbeteiligt ist, da ihn das Gesehene selbst betrifft. Die zum Stereotyp gewordene tiefe ungarische Melancholie vermischt sich mit Selbstironie und Selbstbeschuldigung – denn hier erzählt nicht nur der Leidende, sondern auch der Verstehende. Allerdings kann auch er  – eben da er versteht und die Komplexität erkennt – keinen Ausweg zeigen. Die Probleme wurzeln in einer Tiefe von Jahrhunderten, in einer Alltagsgeschichte, die permanent von der Politik beeinflusst, vergewaltigt, vernichtet wurde. Irgendwann begannen die Protagonisten dieser Erzählung solche Masken zu tragen, die von den Machthabern akzeptiert wurden – als Selbstschutz. Durch die ständige Änderung der politischen Führung waren jedoch immer wieder neue Masken notwendig – ohne dass die früheren abgelegt wurden. So entstand der Palimpsest der falschen Gesichter, unter denen das ursprüngliche, authentische Antlitz verloren ging. So kommt Végel zum Schluss, dass der Ostmitteleuropäer kein Charaktermensch ist. Er existiert nur im Chor, im Wirrwarr der einander ähnelnden Masken, ohne Ich sagen zu können.

Durch den historischen Überblick und die analytische Darstellung gewinnt Végels Textsammlung eine aktualpolitische Bedeutung. Ohne die misslungene Demokratisierung – weil wiederum nur eine Maske – des ehemaligen kommunistischen Ostens zu rechtfertigen, trägt er zum Erkennen und Verstehen des eigentlichen Problems bei. Der Erzähler eignet sich zugleich den kritischen Blick des Westens an und wird dadurch nicht nur der Interpret für den westlichen Leser, sondern auch in einer Person das Gespräch der unterschiedlichen Polen Europas.

Er geht sogar einen Schritt weiter, indem er zeigt, was seines Erachtens die Verbindung, der mögliche Weg zur Versöhnung sein könnte – nämlich die Sühne. Diese schulde Westeuropa dem Osten ebenso, wie Osteuropa ihrer eigenen Geschichte.

Végels essayistische Texte zeigen dem Leser, was von beiden Seiten Gegenstand dieser Sühne sein müsste. Die grausame Geschichte des Balkans wird durch die eigene Familiengeschichte dabei ebenso beschrieben, wie der Einfluss des Westens in Ostmitteleuropa bzw. die wehmütigen Erfahrungen des Erzählers in der ersehnten Stadt der Freiheit, in Berlin. Somit werden die Texte nicht nur zu einer historischen, sondern auch zu einer geographischen Wanderung. Wie der Untertitel des Bandes verspricht, liegen hier dem Leser „Texte unterwegs“ vor, ganz gleich, woher man kommt, wohin man fährt und wo man eintreffen möchte.