Péter Kántor

Liebestryptichon

 

1.

Wir sind Figuren Andersens: du, im neuen engen Shirt,

näherst dich mit schnellen Schritten aus der Ferne,

ein schlankes Segelboot auf spiegelglatter See.

Und ich erwarte dich am Ufer wie eine Festung,

aus Stein gebaut, unerschütterbar und felsenfest.

Ein Blick auf die Uhr: du bist wieder zu spät,

aber egal; dieses eine Mal kein Wort davon.

Die Jahre kommen und gehen, mag sein,

doch du kommst stets, auf spiegelglatter See,

und unsrer Liebe kann die Zeit nichts anhaben,

was all die anderen auch reden mögen.

Dass der Blick sich verirrt, nach rechts, nach links,

das starrende Auge mal dies, mal das bemerkt:

neue Hüften, Schultern, Knie oder Knöchel,

aus neuem Mund neue süße Wörter zu hören sind.

Mag sein, so wir, doch sind wir Figuren Andersens.

Für mich bist du auf ewig die Tänzerin,

bist du auch wieder zu spät, und du streckst

deine beiden Arme zum Himmel, wie gewohnt,

denn du bist die Balletttänzerin, und ich –

wer sonst? dein standhafter Zinnsoldat.

 

2.

Doch eines Tages, auf dem Weg zum Konzert,

da fiel mir, so von der Seite und die Augen

etwas zusammengekniffen dieses bekannte Pärchen

auf dem Budapester Broadway auf, wie sie stumm

und verärgert voraneilt, er aber absichtlich

die Schritte verlangsamt und zurückbleibt,

die Todsünden an den Fingern abzählt,

damit er nicht auch nur eine vergisst,

damit er nichts Schlechtes verpasst.

Aus einer Seifenoper kenne ich sie:

Teil zwanzig, Idylle am frühen Abend;

sie geht jetzt bei Rot über die Straße,

er wartet, unzählige Wagen kommen,

dann betrachten sie einander aus der Ferne,

von den beiden Seiten des Kleinen Rings,

wie zwei Tennisspieler mitten im Spiel:

Wer hat jetzt Aufschlag? Du oder ich?

Und dann setzt der kalte Regen ein,

es pfeift der Wind, „Mach schon den Mantel zu!”,

„Mach ich nicht!” – aber das sind ja wir:

du gehst dort drüben und hier herüben ich.

 

3.

Einen blöden Fernsehfilm glotzt du selbstvergessen,

und ich sehe, deine Augen sind tränenfeucht.

Mein Gott, wofür vergeudest du sie,

geht es mir durch den Kopf, deine Tränen.

Tagsüber, die schweren Lasten tragend,

wie streng und hart deine Züge da waren.

Du siehst mich an, lächelst zum Schutz,

als schämtest du dich, den Kampf aufgegeben zu haben.

Weine nur! Weinen tut gut; hinterher und vorneweg,

wer weiß, wann es wieder die Gelegenheit gibt.

Ich koche Tee. Oder trinken wir lieber Wein?

Möchtest du etwas dazu essen?

Würdest du wohl alles für mich tun,

wie die Heldin im Film für ihren Liebsten?

Und ich, was täte ich? Ich hole etwas Käse.

Siehst du nicht? Die Frau ist einfältig, der Mann ein Egoist.

Und die ganze Geschichte, wie seicht!

Wie sie vor ihrem Schatten fliehen!

Worauf hoffen die beiden denn noch?

Der Mann ein Träumer, die Frau fällt immer auf ihn rein.

Was geht uns das an? Egal. Na, lass das Weinen sein!

 

Aus dem Ungarischen von Éva Zádor