Sándor Márai und Ilona Matzner
von Krisztián Nyáry

Sándor Márai war 20 Jahre alt, als er sich mit der damals ebenfalls 20 Jahre alten Ilona Matzner 1920 in einem Berliner Teesalon das erste Mal zu einem Rendezvous traf. Beide kamen sie aus Kaschau, kannten sich aber vorher nicht. Der junge Journalist hatte Ungarn aufgrund seiner mit der Räterepublik sympathisierenden Artikel verlassen müssen, Lola hingegen hatten ihre Eltern nach Berlin geschickt, dort sollte sie eine Liebesgeschichte vergessen. Beide spürten, dass ihre Begegnung nicht ein einfaches Abenteuer sein würde, was sie mit Angst erfüllte. „Wir saßen im Teesalon am Kurfürstendamm, seit einer halben Stunde unterhielten wir uns schon, dann schwiegen wir und sahen den tanzenden Paaren zu“, schrieb Márai später. „Ich erinnere mich besonders genau an jede Einzelheit dieses Nachmittags. Wir sprachen sozusagen gar nicht über unsere persönlichen Dinge, und ich saß schon etwas sorgenvoll neben ihr, starrte auf die Tanzenden und überlegte, wovon wir leben würden. Das Kennenlernen, das perfekte Kennenlernen ist nie idyllisch. Traurig trotteten wir nach Hause.“ 66 Jahre blieben sie zusammen. „Wir waren die ersten Hippies, wir hielten keine Hochzeit“ – erinnerte sich der Schriftsteller später. Das lag natürlich auch daran, dass Lolas Eltern den unbekannten Journalisten keineswegs für eine gute Partie hielten. Der jungen Frau befahlen die Eltern, nach Kaschau zurückzukommen, Márai aber fuhr wieder nach Budapest. Schließlich heirateten sie trotz des elterlichen Verbots 1923 standesamtlich. Der Bräutigam war katholisch, die Braut Jüdin, somit hielten sie eine kirchliche Heirat weiterhin für unwichtig. Die Ehe nahm trotz ihrer Liebe zueinander keinen guten Anfang, Lola hatte böse Vorahnungen. „In den ersten Wochen weinte sie viel, sie spürte, dass etwas nicht in Ordnung war. … Ich begann meine eheliche Karriere wie ein alter Ehemann, kam nach Hause, wann es mir gerade einfiel, war oft beleidigt, lärmte herum. Lola beschwichtigte mich wie ein Kind.“ Da sie mehr Zeit im Ausland, fern ihrer Familie, verbrachten, lernten sie rasch, dass sie aufeinander angewiesen waren. Als sie 1928 dann wieder nach Ungarn zogen, war Márai bereits ein bekannter Schriftsteller. Lola wurde nie eine klassische Schriftstellergattin, wenn es ihr möglich war, nahm sie auch an den offiziellen Anlässen nicht teil, und obschon sie ihren Ehemann in allem unterstützte, bewahrte sie immer ihre Unabhängigkeit. Das respektierte auch ihr Mann, in seinen Texten nannte er seine Frau nur selten mit ihrem vollen Namen, im Allgemeinen schützte er ihre Intimsphäre vor der Außenwelt. Dezső Kosztolányi meinte, Lola habe als unsichtbare Muse um ihn geschwebt, und wer ihr begegnete, war von ihrer Schönheit und Intelligenz überwältigt. Mit der Erstarkung des Antisemitismus waren sie 1936 schließlich gezwungen, katholisch zu heiraten, dies bedeutete für Lola eine zeitlang Schutz. Von Anfang an hätten sie gerne Kinder gehabt, doch erst etwa zwanzig Jahre nach ihrem Kennenlernen wurde ihr Sohn Kristóf geboren. Die Freude hielt nicht lange an, denn ihr Sohn starb nach einigen Wochen. Der Verlust belastete Márai mindestens ebenso sehr wie Lola. In Gedichten trauerte um seinen kleinen Sohn, an den er sich vom Tage seines Todes bis zu seinem Lebensende immer wieder in seinen Tagebüchern erinnerte. Vielleicht ist es diesem Trauma zu verdanken, dass ihre Ehe in den vierziger Jahren in eine Krise geriet, sie sich voneinander entfernten. Márai verwickelte sich in kurze Liebesabenteuer, unter anderem mit den Schauspielerinnen Klári Tolnay und Mária Mezey. „Der Pfand für eine erfolgreiche Beziehung ist, dass der eine erträgt, dass die Liebe des anderen stärker ist“ – schrieb er in seinem Tagebuch. Es stellte sich nie heraus, welchen Part er dabei wem zugedacht hatte. In den Kriegsjahren kam das Ehepaar sich dann wieder näher. Lolas Leben war in Gefahr. Sie versteckten sich in Leányfalu, als die Pfeilkreuzler sie in Budapest suchten. Ihre Wohnung in der Mikó-Straße wurde von einer Bombe getroffen, ihre riesige Bibliothek und all ihr Besitz vernichtet. In Leányfalu trafen sie den kleinen Jancsi, einen Waisenjungen, der bei Verwandten groß wurde. Als Márai entschied, das aus einem faschistischen zu einem kommunistischen werdende Land zu verlassen, adoptierten sie Jancsi. Sie verließen Ungarn zu dritt und kehrten nie wieder zurück. „Man verliebt sich zweimal in eine Frau: das erste Mal, wenn man sie kennen lernt, und dann das zweite Mal fünfundzwanzig Jahre später, in der Zeit nach der Silberhochzeit“ – schrieb er über diese Zeit. „Was dazwischen liegt, ist meist verworren, aus emotionalem Gesichtspunkt unbedeutend.“ Sie lebten an vielen Orten, doch am meisten mochten sie ihre Wohnung in der Nähe von Neapel, wo sie bis zu ihrem Alter von 80 Jahren jeden Tag zum Meer schwimmen gingen. 1980 zogen sie endgültig nach San Diego, wo Jancsi als Ingenieur arbeitete. Lola war damals bereits krank. Márai, der in jungen Jahren wenig über seine Ehefrau geschrieben hatte, schrieb von nun an das meiste für sie und über sie. Er beschrieb, wie schön sie in seinen Augen war, auch alt und krank. „Ich wusste bislang nicht, wie sehr eins sie mit mir ist, eine vollkommene körperliche und seelische Einheit. Seit zweiundsechzig Jahren leben wir zusammen, es gab Liebe, Streit, alles was zu einem gemeinsamen Leben unerlässlich dazugehört, aber wie sehr ich mit ihr verwachsen bin, wusste ich bislang nicht.“ 1985 kam Lola ins Krankenhaus. „Im Krankenhaus hielten wir einander über Stunden stumm an der Hand. Aber manchmal streichelte sie mir mit den Fingerspitzen über den Handrücken. So zeigte sie mir, dass sie wusste, ich bin noch da, bin noch da für sie.“ Als Lola am 4. Januar 1986 starb, streute ihr Ehemann ihre Asche ins Meer. Ein Jahr später starb auch der Adoptivsohn an einer Gehirnblutung. Márai blieb alleine, Besuch empfing er nur selten. Anfang 1989, am Jahrestag des Begräbnisses seiner Frau, schrieb er den letzten Tagebucheintrag: „Ich warte auf die Einberufung, ich dränge nicht darauf, aber schiebe sie auch nicht hinaus. Die Zeit ist gekommen.“ Kurz darauf, am 21. Februar, erschoss er sich. Seine Bitte war, die Asche, so wie die Lolas, im Ozean zu verstreuen.
Aus dem Ungarischen von Éva Zádor

Sándor Márai in deutscher Sprache – eine Auswahl:

Befreiung – Roman, übers. von Christina Kunze, Piper, München / Zürich 2011

Die Schwester – Roman, übers. von Christina Kunze, Piper, München / Zürich 2011

Unzeitgemäße Gedanken. Tagebücher Band 2: 1945 – übers. von Clemens Prinz, Piper, München / Zürich 2009

Literat und Europäer. Tagebücher Band 1: 1943–1944 – übers. von Ákos Doma, Piper, München / Zürich 2009

Die Möwe – Roman, übers. von Christina Kunze, Piper, München / Zürich 2008

Die vier Jahreszeiten – übers. von Ernö Zeltner, Piper, München / Zürich 2007

Das Wunder des San Gennaro – Roman, übers. von Tibor Simányi, Piper, München / Zürich 2007

Die Schule der Armen: ein Leitfaden für Menschen mit geringem Einkommen – übers. von Tibor Podmaniczky, Piper, München / Zürich 2007

Wandlungen einer Ehe – Roman, übers. von Christina Viragh, Piper, München / Zürich 2007

Die Fremde – Roman, übers. von Heinrich Eisterer, Piper, München / Zürich 2006

Die jungen Rebellen – Roman, übers. von Ernö Zeltner, Piper, München / Zürich 2003

Ein Hund mit Charakter – Roman, übers. von Ernö Zeltner, Piper, München / Zürich 2003

Das Vermächtnis der Eszter – Roman, übers. von Christina Viragh, Piper, München / Zürich 2002

Der Wind kommst vom Westen: amerikanische Reisebilder – übers. von Artur Saternus, Piper, München / Zürich 2002

Die Gräfin von Parma – Roman, übers. von Renée von Stipsicz-Gariboldi (überarb. Von Hanna Siehr), Piper, München / Zürich 2002

Himmel und Erde – Betrachtungen, übers. von Ernö Zeltner, Piper, München / Zürich 2002

Lieber Tibor – Briefwechsel, übers. Tibor Simányi, Piper, München / Zürich 2002

Tagebücher 1984–1989 – übers, von Hans Skirecki, Piper, München / Zürich 2002

Land, Land – Erinnerungen, übers. von Hans Skirecki, Piper, München / Zürich 2001

Bekenntnisse eines Bürgers – Erinnerungen, übers. von Hans Skirecki, Piper, München / Zürich 2000

Ohne Anfang und Ende – Betrachtungen, übers. Ernö Zeltner, Piper, München / Zürich 2000

Die Glut – Roman, übers. von Christina Viragh, Piper, München / Zürich 1998

Geist im Exil: Tagebücher 1945–1957 – übers. von Tibor und Mona Podmaniczky, Broschek, Hamburg 1960

Die französische Jacht und andere Erzählungen – übers. von Ludwig Görcz und Tibor von Podmaniczky, Reclam, Stuttgart 1953