Sándor Weöres und Amy Károlyi
von Krisztián Nyáry

Der 33jährige Sándor Weöres und die 37jährige Amy Károlyi lernten sich 1946 kennen und heirateten noch im selben Jahr. Sie waren nicht mehr ganz jung, und doch war es für beide die erste ernste Beziehung. Bis zum Tod von Sándor Weöres lebten sie in einer Art Symbiose zusammen. In den folgenden 43 Jahren konnten viele sehen, wie sie in der Nähe ihrer Wohnung in der Törökvészi-Straße, später der Muraközi-Straße Hand in Hand spazieren gingen. Jeder mochte sie, vor allem Weöres. Bei Sanyika, wie seine Freunde ihn nannten, konnte man auf den ersten Blick nur schwer entscheiden, ob es sich um ein Kind oder einen hundertjährigen Greis handelte. Zu seinem eigenartigen, singenden Tonfall, dem kleinen Körper und den Grimassen paarte sich eine verblüffend umfangreiche Bildung, und dies machte ihn einer alterslosen Märchengestalt ähnlich. „Sanyika hat es leicht, er ist kein Mensch“ – sagte die Dichterin Ágnes Nemes Nagy über ihn. Amy Károlyi aber hatte es sicherlich nicht leicht: Es ist schwer mit einem derart kindlichen Erwachsenen zusammenzuleben, der außer der Lyrik nichts ernst nimmt. An Amy blieben die diesseitigen Dinge hängen, sie musste sich um die alltäglichen Bedürfnisse kümmern, das Geld einteilen und natürlich die Grenzen setzen. Weöres trank gern, aber auch das machte er wie ein Kind, das das erste Mal Alkohol konsumiert. Was man vor ihn hinstellte, trank er ohne nachzudenken und wunderte sich dann über die Wirkung. „Der Alkohol fördert die Poesie nicht – sagte er; ich weiß aus eigener Erfahrung, dass ich betrunken keine Gedichte schreiben kann, nur etwas hinkritzeln und das betrunkene Gekritzel mal psychologisch interessant und selbstenthüllend sein, aber künstlerisch ist es lumpig.“ Es kam vor, dass Amy die Erfahrungserweiterungen Sanyikas im Zusammenhang mit dem Alkohol leid war. Dann ging sie von zu Hause fort und schloss ihren Ehemann in das Arbeitszimmer ein. Weöres bekam Durst, konnte jedoch nicht aus der Wohnung, so bat er die Arbeiter auf der Straße, ihm einige Flaschen Grünen Silvaner zu bringen. Diese teilte er dann brüderlich mit ihnen, und seinen eigenen Teil zog er mit einem Strick in sein verschlossenes Zimmer hoch. Amy versuchte ihm böse zu sein, doch es gelang ihr nie. Kinder konnten sie keine haben, so schrieben sie beide die schönsten Kindergedichte der ungarischen Literatur.
Aus dem Ungarischen von Éva Zádor

Sándor Weöres in deutscher Sprache – eine Auswahl: 

Der von Ungern – Gedichte und Zeichnungen, übers. von Angelika Frischmuth und Robert Stauffer, Suhrkamp, Frankfurt a. Main 1991.

Sándor Weöres – übers. von Annemarie Bostroem, Verlag Neues Leben, Berlin 1978.

War mal eine schöne Lade – Nachdichtung von Heinz Kahlau, Kinderbuchverlag, Berlin 1976.