Margit Kaffka und Dezső Szabó
von Krisztián Nyáry

Margit Kaffka und Dezső Szabó lernten sich im April 1911 kennen, als der junge Lehrer aus Székelyudvarhely Mitarbeiter der Literaturzeitschrift Nyugat wurde. Sie unterschieden sich in fast allem, einige Jahre später entwickelte sich aber doch eine Liebesbeziehung. Es ist ohnehin ein Rätsel, wie der mit scharfer Feder schreibende Schriftsteller, der einen entscheidenden Teil seines Lebens eine antisemitische Überzeugung vertrat, und die lyrische Schriftstellerin, die ständig mit der Analyse ihrer eigenen Psyche beschäftigt war, einander fanden. Im Nachhinein erhoben sie sich gegenseitig zu Romanhelden, und doch kann man nur schwer nachvollziehen, was sich zwischen ihnen genau abspielte. Ihre Texte können nicht als authentische Quellen herangezogen werden, zwischen den Zeilen sind nachträgliche Verletztheit und das Bedürfnis der Selbstrechtfertigung herauszuhören. Vermutlich ist es dem Dichter Endre Ady, beziehungsweise ihren Gefühlen für ihn zu verdanken, dass sie für eine kurze Zeit zueinander fanden. Margit Kaffka ließ sich 1910 von ihrem ersten Ehemann scheiden und auch ihre Romanze mit dem geistigen Kopf der Zeitschrift Nyugat, Ernő Osvát, dauerte nur kurze Zeit an: Der Redakteur trennte sich bald von ihr. Die Schriftstellerin suchte verzweifelt nach Liebe. Oft schüttete sie ihr Herz Endre Ady aus, der sie als eine „überaus große Schriftstellerin“ bezeichnete, doch als Mann zeigte er kein Interesse an ihr. So schwärmte Kaffka insgeheim für Ady, ebenso wie Dezső Szabó, der sich Nyugat wegen des Dichters angeschlossen hatte und sich an ihre erste Begegnung wie folgt erinnerte: „Wir setzten uns zu ihnen, und schon flossen Sekt und gute Laune. An meiner Linken saß Ady, rechts Margit Kaffka. Vor Ady stand eine volle Flasche Sekt. Margit säuselte mir in dem fröhlichen Gelärme leise die ewigen Kantilenen ihre seelischen Probleme ins Ohr. Das stach Ady ins Auge, sein Gesicht verzerrte sich böse und er sagte beißend: – Natürlich hat sich Margit neben Dezső gesetzt, sie will Dezső, als gäbe es gar niemand anderen (…) – Na, bitte, wenn sie Margit neben dich gesetzt hat – und er tat so, als wolle er mir die Flasche an den Kopf werfen.“ Ob tatsächlich die Eifersucht aus Ady hervorgebrochen war, wissen wir nicht, jedenfalls imponierte es Szabó wahrscheinlich, dass sich der vergötterte Dichter von der Schriftstellerin in ihren grellen Kleidern und Hüten, die zwar nicht als Schönheit schlechthin zu bezeichnen war, aber bezaubernde Augen hatte, angezogen fühlte. Sie verbrachten zunehmend mehr Zeit miteinander. Im Sommer 1911 verbrachten sie gemeinsam mit Aladár Kuncz ihren Urlaub in Paris, wo sich Szabó verwundert über die durch und durch schriftstellerische Seele Kaffkas äußerte: „Einen Tag erst war sie das erste Mal in ihrem Leben in Paris. Und: sie schaute nicht nach rechts oder links, sondern redete und redete von ihren seelischen Erlebnissen.“ Ein anderes Mal sprach er davon mit mörderischer Ironie: „Die arme Margit war für mich zu sehr Literatur, ein sehr seelisches Problem, und auch ihren Strumpf konnte ich nur selten nicht als blau sehen.“ Ihre Beziehung wurde im Sommer 1913 ernst, als der in Gymnasien in der Provinz unterrichtende Szabó nach Budapest zog. Eines Morgens erschien Margit Kaffka bei ihm und sagte: „Mein Dezső-Spatz, lass uns nach Aquincum gehen!“ Beim Schlendern zwischen den Ruinen fuhr die Schriftstellerin fort: „Wenn du mich heiraten würdest, dann würde man auch in fünfhundert Jahren noch über uns schreiben, als berühmtes Liebespaar.“ Obgleich der Mann auf die Idee von der Heirat nicht begeistert reagierte, schlief er ab da des Öfteren in der Wohnung Margit Kaffkas. Bei diesen Gelegenheiten offenbarte ihm die Frau ihr gesamtes Leben. „In dieser Nacht hatte ich sie sehr liebgewonnen. Es war schon heller Morgen, als ich mich auf dem Sofa ausstreckte und noch ein Stündchen schlief.“ Dabei war die Annäherung nicht leicht: „in den ungeeignetesten Situationen begann sie mit unendlich dahinplätschernden Philosophierereien, die selbst einen Hengst im Frühjahr zu einem Eunuchen gelähmt hätten.“ Am Ende des Sommers wurde Dezső Szabó wegen eines religionsschmähenden Textes als Lehrer nach Sümeg strafversetzt. In dieser Kleinstadt organisierte er einmal einen Nyugat-Abend, zu dem unter den geladenen Gästen nur Kaffka erschien. Er war beleidigt und meldete sich schließlich auch bei Margit Kaffka nicht mehr. Allmählich entfernte er sich von dem Kreis um die Zeitschrift und wandte sich neuen geistigen Strömungen zu. Auch Kaffka schloss die Beziehung für sich ab, später schrieb sie an Lajos Hatvany nur, indem sie auf Szabó anspielte: „Dumm und liederlich habe ich in letzter Zeit ein paar Mal geflirtet.“ In ihrem Schlüsselroman Állomások (Stationen) stellte sie den Schriftsteller als einen lauten, gekünstelten Kerl dar. Kurz darauf fand sie dann ihre große Liebe: Sie heiratet den Bruder von Béla Balázs, den Biologen Ervin Bauer. Ihr Glück hielt nicht lange. 1918 starben sowohl die Schriftstellerin als auch ihr Sohn an Spanischer Grippe. Die Veröffentlichung von Elsodort falu (Das fortgeschwemmte Dorf), in dem sie Szabó in der Gestalt von Margit Liptay als eine unbeholfene jüdische Schriftstellerin darstellte, die sich im wirklichen Leben nicht zurechtfindet, erlebte sie nicht mehr. Und doch: Im Lebenswerk von Dezső Szabó ist Margit Kaffka die einzige Frau, über die er lange und trotz spitzer Bemerkungen sichtlich liebevoll schrieb. Am Ende seines Lebens schrieb er – zurückgezogen in seiner Wohnung im belagerten Budapest – seinen autobiografischen Roman Életeim (Meine Leben). Damals betrachtete er nicht mehr die Juden, sondern die Deutschen, das Horthy-Regime und die Pfeilkreuzler als die Hauptfeinde der Ungarn. In einem für ihn ungewohnten, elegischen Ton erinnerte er sich an seine einstige Geliebte: „Arme Margit, die du mich einst sehr geliebt hast, dann gar nicht geliebt hast, deine ringende Seele, von kleinen Unruhen und großen Sehnsüchten verfolgt, ruht längst, komm, besuche deinen hier gebliebenen Freund auf der Insel der heiligen Ilona, die von den Dämonen des Schreckens, des Wahnsinns und der Zerstörung umlagert wird.“ Einige Monate später verhungerte Dezső Szabó in dem Luftschutzkeller und seiner eigenen ausgebombten Wohnung.

Aus dem Ungarischen von Éva Zádor 

Margit Kaffka in deutscher Sprache – ein Auswahl:

Ameisenhaufen – Roman, übers. von Éva Zádor, Kortina Verlag, Wien / Budapest 2008

Farben und Jahre – Roman, übers. von Ita Szent-Iványi, Verlag Volk und Welt, Berlin 1958