Yudit Kiss: Apám halálának nyara [Der Sommer, als mein Vater starb]

Noran, Budapest 2006. 257 Seiten

Die Ich-Erzählerin schildert die Geschichte zweier ungarischer Familien im Kontext der bedeutendsten Ereignisse in der ungarischen und osteuropäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Der Vater stammt aus einer wohlhabenden jüdischen Familie, die während des Zweiten Weltkriegs fast vollständig vernichtet wurde, die Mutter – ebenfalls jüdischer Herkunft – kommt aus einer der ärmsten Regionen des Landes. Der Vater leugnet seine jüdischen Wurzeln, die Mutter ist sich derselben nicht einmal bewusst. Nach dem Zweiten Weltkrieg werden beide überzeugte Kommunisten, auf dieser Ideologie basierend bauen sie ihr Leben wieder auf und ziehen sie ihre Töchter groß.

Die Geschichte ist um die letzten Tage des Vaters strukturiert. Die Ereignisse, die seinen Tod begleiten, und die Erinnerungen der Tochter rückverfolgen die Geschichte der beiden Familien von den frühen 20er bis zu den späten 90er Jahren des 20. Jahrhunderts. Sie sind begleitet von einem langsamen Entwicklungsprozess, durch den die Erzählerin sich mit den Widersprüchen und Lügen, die Teil des Lebens ihres Landes und ihrer Familie sind, auseinandersetzt. Während dieser faszinierenden und schmerzvollen Reise entdeckt sie ihre jüdischen Wurzeln und wird sich der Unzulänglichkeiten der kommunistischen Ideologie bewusst. Mit der Auseinandersetzung und Reflexion ihrer neuen Erfahrungen sucht sie nach einem Gleichgewicht zwischen Liebe und Revolte, Untergang und möglicher Rekonstruktion, verzerrter Ideologien und fundamentalen Werten. Das Buch – dessen Rahmen der persönliche Verlust des Vaters darstellt – reflektiert die Erfahrungen einer Generation, die in der Zeit des „real existierenden Sozialismus“ aufgewachsen ist, im Kampf gegen das schwere Erbe der Eltern, historisch, künstlerisch und emotional abhängig, doch auf der Suche nach eigenen Werten. 

Tagebuchauszüge, Briefe und Reflexionen über Themen wie Literatur, Politik, Erinnerung und Sprache sind in den Text eingearbeitet. Der Erzählton ist lebendig, mit schwarzem Humor durchsetzt, was einen Gegenpol zu den eher poetisch formulierten dramatischen Abschnitten darstellt.

Der Roman ist 2012 unter dem Titel „The Summer My Father Died“ in englischer Übersetzung erschienen.