János Háy: Házasságon innen és túl (Diesseits und jenseits der Ehe)

Empfehlung von Ilka Russy, Übersetzer

„Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich", schreibt Tolstoi. Und so geht es auch den Protagonisten, die die Kurzgeschichten dieses Bandes bevölkern. Alle suchen nach der Liebe, die aber auf Dauer doch nie so richtig gelingen will. Davon berichtet Háy ohne zu psychologisieren oder zu analysieren, mit Distanz aber nie ohne Empathie. Er nimmt die Position des allwissenden Erzählers ein, der die Gedankengänge und sprachlichen Besonderheiten der Figuren übernimmt. Oft geht die wörtliche Rede der Protagonisten in indirekte Rede oder innere Monologe über, ohne dass sich der Übergang genau festmachen ließe. Das macht den großen Reiz der Erzählweise Háys aus und stellt gleichzeitig eine Herausforderung bei der Übersetzung dar.

Háys Sprache ist knapp und sehr genau. Ohne Umschweife und überflüssige Details lässt er in wenigen Worten eine Situation, einen Ort, ein Schicksal vor uns entstehen. Seine Geschichten enden in gelegentlich tragischen, meist aber tragikomischen oder absurden Pointen.

Ich schlage das Buch Házasságon innen és túl zur Übersetzung vor, da es einen umfassenden Überblick über die Vielseitigkeit Háys als Kurzprosaautor gibt und seinen charakteristischen Stil sehr gut vorstellt. Besonders gefällt mir, dass der Verlauf der Geschichten nie vorhersehbar ist. Überraschende Wendungen, falsche Fährten und unerwartete Bilder sorgen für großen Lesegenuss. Und gleichzeitig rühren Háys Geschichten den Leser auch an, weil jeder sich wiederfindet in diesen meisterlich beschriebenen Durchschnittsmenschen, die in ihrer begrenzten Welt mit ihren kleinen Tragödien kämpfen. 

Die 33 Einzelexte dieses Buches können auch nach anderen Gesichtspunkten geordnet, gegebenenfalls um andere Texte erweitert oder nur in einer Auswahl herausgegeben werden, so dass sich eine deutsche Veröffentlichung sehr gut in aktuelle Verlagsprogramme einpassen ließe.