Yudit Kiss: Der Sommer, als mein Vater starb

(…) Wenn mein Vater nicht zwischen seinen beiden Arbeitszimmern hin und her pendelte, wenn er nicht unterrichtete und keine Verhandlungen führte, dann streifte er durch die Stadt. Spazieren zu gehen war ihm ein Grundbedürfnis, das er wahrscheinlich von seinem Vater geerbt hatte, so wie auch seine Gründlichkeit und die Liebe zu den Büchern. In der Stadt streunte er, wie er sagte, gerne umher, weil er auf diese Weise abschalten konnte; er sah sich jedes Schaufenster an, las jedes Plakat und ging natürlich in jedes Antiquariat. Mein Vater trennte sich nur aus einem einzigen Grund gerne von seinen Arbeitszimmern: wenn er irgendwohin verreisen konnte. Er war ein ausgezeichneter Reisender. Egal wo er ankam, fand er sich innerhalb von Augenblicken zurecht, er begann, die Sprache zu verstehen, kannte sich mit den Strecken der öffentlichen Verkehrslinien aus und entdeckte selbst die verborgensten Schätze. Er sammelte die Werbeblätter, die auf Bänken und in Zügen vergessenen Zeitungen, Broschüren und Stadtpläne und verbrachte die Abende damit, den Papierhaufen von mehreren Kilo Gewicht zu studieren und die sich ihm auftuende Welt zu deuten.

Diese beeindruckende Versiertheit war gewiss Teil seines geheimen Erbes. Durch die Erfahrungen der ihm vorangegangenen Generationen, die sich ständig auf der Flucht befunden hatten, war die Routine der Ortsveränderung ein Teil von ihm. Die Schauplätze seiner Kindheit hatten verstreut zwischen den damals noch vertrauten Hängen Mittelosteuropas gelegen, und es war ihm seinerzeit ein Leichtes gewesen, sich zwischen ihnen zu bewegen. Diese selbstverständliche Mobilität hatte, als er bereits erwachsen war, ohne jeden Übergang ein Ende. Die Grenzen wurden einbetoniert und mit einem Zaun aus Stacheldraht versehen. Der Grenzübertritt wurde selbst im Fall von befreundeten Ländern zu einer Stunden andauernden, beängstigenden Operation, bei der bewachte Grenzbeamte jedes einzelne Abteil, jeden Sitz und jede Gepäckablage gründlich durchsuchten, und zwar mit einem Gesichtsausdruck, als wüssten sie, dass wir etwas zu verbergen haben, sie uns aber dieses Mal großzügigerweise davonkommen lassen. Meine Eltern taten so, als wäre all das die natürlichste Sache der Welt. (…)

Die erste Reise, auf die meine Eltern uns mitnahmen, führte in die Hauptstadt der DDR, nach Berlin. Für das im Zauber der Betongrenzen herangewachsene Kind, das ich war, bedeutete dieser Ausflug ein ganz besonderes Erlebnis. In der Nacht vor der Abreise war ich so aufgeregt, dass mich meine Mutter kaum ins Bett stecken konnte. Gegen Morgen träumte ich, die Welt jenseits der Grenze sei ganz genauso wie unsere: das Gras grün, der Himmel blau und die Hausdächer rot. Am nächsten Tag stellte ich, als wir mit wild klopfendem Herzen über die Grenze ratterten, enttäuscht fest – was ich allerdings diszipliniert für mich behielt –, dass mein Traum die Wahrheit vorausgesagt hatte. Doch über diesen Schlag hinaus wartete Berlin mit zahlreichen angenehmen Überraschungen auf. Die Stadt durchschnitten mit grauen Würfelhäusern gesäumte Radialstraßen, und es umgaben sie große, miteinander verbundene Seen, auf denen man mit dem Boot rundherum fahren konnte. Die größte Sensation war der bescheidene Vorbote des technischen Fortschritts und der vom Kommunismus versprochenen perfekten Zukunft: eine Rolltreppe in irgendeinem der Kaufhäuser. Stundlang fuhr ich auf ihr auf und ab, im Taumel des Glanzes kommender Zeiten. (…)

Bei unserem Ausflug nach Berlin zeigten uns unsere Eltern auch das Konzentrationslager Sachsenhausen. Im Taxi erklärten sie uns kurz, worum es ging. Zur Zeit des Schnauzers steckten sie diejenigen hier rein, die sie vernichten wollten; alle, die nicht einer Meinung mit ihnen waren, Unschuldige. Dass ein bedeutender Teil unserer Familie in einer ähnlichen Institution sein Leben gelassen hatte, wurde nicht erwähnt. Der Schnauzer war Hitler, während unseres gesamten Ausflugs nach Deutschland durften wir den Namen Hitlers nicht aussprechen, damit wir unsere Gastgeber nicht verletzten. Warum? Weil sie denken könnten, wir geben ihnen die Schuld. Aber sie haben das doch nicht getan. All die schrecklichen Dinge, die wir in sowjetischen Filmen gesehen haben, wurden von denen begangen, die auf der anderen Seite der Mauer leben. Die hier sind anständig. Ich sah die Haufen von Haaren, Rasierpinseln, ausgetretenen Schuhen. Die aus Menschenhaut angefertigten Lampenschirme. Ich sah die Baracken, die mehrstöckigen Pritschen, die schneeweiß geschrubbten Duschkabinen. Auf dem Heimweg im Taxi, in dem bernsteinfarbenen Sonnenschein des Nachmittags, brüllte ich mit der unzähmbaren Wut einer Siebenjährigen: „So ein verdammtes! So ein verdammtes Arschloch! So ein verdammtes Arschloch!“

Jetzt verstand ich, wozu die mit Stacheldraht gekrönten Mauern notwendig waren. 

Was mochte mein Vater wohl gefühlt haben, als er sich mit der für ihn typischen Gründlichkeit die Pritschen, den Appellplatz, den schmalen, gepflasterten Weg zu den Gaskammern besah? Sagte er etwas zu Mutter, als sie sich mit der von Tante Gerda gestärkten Bettwäsche zudeckten?

*

An einem Nachmittag, in der Metro auf dem Weg ins Krankenhaus, verharrte meine Hand plötzlich in der Luft, als ich nach meiner Tasche griff, um etwas zum Lesen hervorzunehmen. Ich überlegte, welches der Gesichter von all jenen Mitmenschen,  die gleichmütig um mich herumsaßen, sich wohl zu einer Hass versprühenden Fratze verzerren würde, wenn ich aus meinem voll bepackten Rucksack die ungarisch-jüdische Zeitschrift Sabbat hervornehmen würde. Welche Empörung würde es in dieser wohligen Stallwärme, in der wir jetzt in den lindgrünen Waggons der Mitjischinski Maschinostroitjelni Zawod dahinschuckeln, hervorrufen, wenn ich mit einem Schwarzen zusammengekuschelt dasäße? Oder mit einem Zigeuner, denn bei dem könnte man nicht einmal sagen, er sei sicher ein Ausländer. In Genf bin ich nicht in der Lage, die Distanz zu verstehen, die die Stadtbewohner voneinander trennt, hier zu Hause in Ungarn überrascht mich aber immer die Schnelligkeit, mit der die Aggression aus den Menschen hervorbricht, verursacht durch eine einzige, unschuldig erscheinende Geste. Da mich, wenn ich nach Hause komme, im Allgemeinen eine fröhliche Unbefangenheit erfüllt und ich nicht damit rechne, erwischt mich diese Rohheit jedes Mal wie eine kalte Dusche. Doch als ich mich jetzt in der Metro über meine Tasche beugte, fiel mir im letzten Moment ein, dass ich vorsichtig sein musste. Opportunistisch zog ich die Wirtschaftszeitschrift HVG hervor. Ein kleines Land, voller Hass, sagte ich mir schlechtgelaunt. (…)

Für meinen Vater war das Judentum ein Atavismus. Nicht nur, weil er zu der Generation von Überlebenden gehörte, die die Bande, die sie mit der grausamen Vernichtung verknüpften, um jeden Preis aus sich herausreißen wollte, sondern auch, weil er davon überzeugt war, sich mit einer neuen Selbstbestimmung als Kommunist über jede andere Determiniertheit erheben zu können. Obgleich die Dokumente, die wir nach seinem Tod fanden, gerade das Gegenteil belegten, hatte er nach seinen Erzählungen nie einen gelben Stern getragen, war er nicht deportiert worden und war mit Ausnahme seines erfolglosen Besuchs in der Synagoge in der Dohány-Straße nie im Ghetto gewesen. Bei dieser Gelegenheit hätten ihn, so erzählte er einmal aufgebracht, die illegalen Kommunisten irgendwann im Winter 1944 ins Ghetto geschmuggelt, damit er die, die dort lebten, zu einem Aufstand wie in Warschau ansporne. Seine Glaubensgenossen hätten ihn hochkant aus der nach Leichen stinkenden Synagoge geworfen, was in ihm die Überzeugung bekräftigte, dass seine Entscheidung richtig gewesen sei, sich ein für alle Mal von ihnen abzugrenzen.

Wie ich später erfuhr, war diese Geschichte vermutlich glaubhaft gewesen, nur mit dem kleinen Unterschied, dass mein Vater Bewohner des Ghettos gewesen war und von dort aus versucht hatte, etwas an der Lage zu ändern, und nicht als Berater von außen. Es scheint, dass diese von innen heraus geschehende Korrektur schon damals seine fixe Idee gewesen war. Nach seinen Erzählungen hatte er sein Leben dem Umstand zu verdanken, dass er nach der Machtübernahme durch die Pfeilkreuzler in die Illegalität abgetaucht war und in den Reihen der im Untergrund aktiven kommunistischen Partei mit falschen Papieren gegen den Faschismus gekämpft hatte. Er fügte aber nicht hinzu, dass seine Mutter die Papiere von der schwedischen Botschaft beschafft hatte. Meinem Vater verursachte nicht nur sein religiöses Verhältnis zum Judentum Unbehagen; von Israel wollte er erst recht nichts hören, und von den Juden sprach er immer in der dritten Person Plural. Mit Ausnahme eines einzigen Versprechers, als nach 1990 jemand im neuen, frei gewählten ungarischen Parlament das erste Mal aufwarf, man sollte die Redner jüdischer Abstammung auf ein Fass stellen. Ich war gerade an dem Morgen aus England angekommen und am Abend fuhr ich schon weiter zu einer Konferenz nach Prag. Ich stand mit meiner Mutter auf dem nebeligen Bahnsteig des Westbahnhofs, als mein Vater gelaufen kam. Ich war gerührt, dass er mich sehen wollte. In den verbleibenden Minuten erzählten wir uns rasch die wichtigsten Nachrichten, und da sagte mein Vater, das erste und letzte Mal in meinem Leben:

„Sie wenden sich wieder gegen uns.“

Wir standen in der früh einbrechenden Dunkelheit des Oktoberabends da, in der Kälte war unser Atem schon zu sehen, und vielleicht durch den beißenden Geruch des Rauches, vielleicht durch das Brummen des Zuges bereit zur Abfahrt, durch die kurze Begegnung und den uns plötzlich einholenden Abschied verwirrt, benutzte mein Vater das erste Mal in seinem Leben die erste Person. Wieder fangen sie mit uns an, sagte er, und ich klammerte mich verblüfft an dem kalten Griff des Zuges fest und verbarg mein Gesicht im Schal. Seit Jahrzehnten hatte ich auf diesen Satz gewartet, mit dem er wagte, zur Vergangenheit zu stehen, mit dem er wagte auszusprechen, wer er war und damit auch wer ich bin; der uns zu einem Teil einer Vergangenheit werden ließ, auch wenn diese Vergangenheit über Jahrhunderte von Tränen begleitet war; der uns zu Mitgliedern einer Gemeinschaft weihte, auch wenn diese Gemeinschaft mehrfach dezimiert worden war und wir nur mit einer relativ kleinen Gruppe der Mitglieder, die am Leben geblieben waren, einer Meinung sein konnten; wir gehörten dazu, und das war von nun an eine Tatsache.

Aus dem Ungarischen von Éva Zádor