Viktor Horváth wurde mit Literaturpreis der Europäischen Union ausgezeichnet 

Nachwuchsautoren aus zwölf europäischen Ländern wurden am 9. Oktober 2012 mit dem Literaturpreis der Europäischen Union ausgezeichnet – unter ihnen auch der ungarische Autor Viktor Horváth mit seinem Roman „Török Tükör“ (Türkenspiegel). Neben einem Preisgeld erhalten die Autoren vorrangige Unterstützung aus dem Kulturprogramm der Europäischen Union für die Übersetzung ihrer Werke in andere Sprachen. Die Preisträger werden am 22. November in Brüssel geehrt.

Ausschnitte aus dem Roman „Türkenspiegel“ von Viktor Horváth sind in „Pécs – Ein Reise- und Lesebuch“ (Hrsg. Wilhelm Droste / Éva Zádor, Arco Verlag, Wien – Wuppertal 2010) erschienen. Lesen Sie hier einige Auszüge:

Türkenspiegel

Am Hang des Rochushügels entspringt eine Quelle. Für diese ließ schon Derwisch Beg ein aus Stein gemeißeltes Becken aufstellen, damit von dem dort angesammelten Wasser die Schafe trinken und die Frauen darin die Kleider waschen konnten. Darunter erstreckt sich der Friedhof der Christen, der Rókus-Bach fließt durch ihn hindurch. Es ist ein großer Friedhof, da diese Stadt seit mehr als tausend Jahren den Christen gehörte. Sie war christlich, lange bevor der Schöpfer den Propheten Mohammed zu sich gerufen hatte. Diese Stadt war der Sitz des Volkes von Rum, der ruhmvollen Römer, und als einer der großen römischen Sultane, Konstantin, in seinem ganzen Reich jedem erlaubte, Christ zu werden, wurde auch Pécs christlich. Als der Ruhm von Rum erlosch, kamen wieder Ungläubige, und Ziegen grasten in den Ruinen der Kirchen, Hühner scharrten, da die neuen Völker andere Götzen vergötterten. Doch viele Jahre später errichteten die Alemannen hier wieder eine große christliche Moschee, die jetzt als Lebensmittel- und Waffenlager der Statthalterei in der inneren Burg dient. Die große, viertürmige Kirche, die Basilika.

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Dann besetzten die Ungarn die Stadt, aber damals war der Abgott dieser Ungarn noch nicht Jesus, vielmehr beteten sie das Feuer, das Wasser, den Wind und den Mond an, wie heutzutage die gottlosen Tuaregs in der Wüste, wohin Allah sie wegen ihres Starrsinns zur Strafe verbannt hat. So spielt das Schicksal den Eingottgläubigen und den Barbaren auf der Erde mit, weil Allah das Herz der Ungläubigen versiegelt, doch die Stadt blieb stets bestehen, wie oft sie auch in Brand gesetzt und ihre Bewohner ausgeraubt und niedergemetzelt wurden. Denn der Stadt ist es gleich, von welchen Menschen sie bewohnt wird, die Stadt bleibt bestehen.

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Am oberen Ende des Marktplatzes befand sich die zweitschönste Kirche der Stadt. Sie war viel kleiner als die große Basilika in der Burg, aber es hieß, die Schönheit ihrer an die Wand gemalten Bilder und der dort aufgestellten Götzen hätte die Menschen ihres Verstandes beraubt. Diese wundersame Kirche aber trug den Namen des Heiligen Bartholomäus.
„Warum hieß die Kirche Sankt Bartholomäus Kirche?” fragte ich Seifi.
„Bartholomäus war einer der Jünger des Propheten Jesus. Als Jesus getötet wurde, ging Bartholomäus nach Armenien, um die Heiden zu bekehren, aber der dortige Heiden-König ließ ihn häuten. Deswegen kamen die Christen auf die wunderbare Idee, ihn in ihre Kirche zu stellen. Aber da sie den wahren Märtyrer nicht finden konnten, weil er in einem fernen Land ja schon längst zu Staub geworden war, gingen sie so vor, wie sie es immer zu tun pflegen: Sie ersetzten ihn durch eine Statue. Diese meißelten sie aus Stein und bemalten sie, doch ganz so, als wäre sie wirklich der enthäutete Mann, so dass jeder, der sie sah, sagte, ihm hätte es den Magen umgedreht, weil dieser Steingötze gehäutet war und seine eigene Haut in der Hand hielt.

Diese Kirche auf dem Marktplatz mit dem gehäuteten Bartholomäus besuchte Herr Kasim zu Beginn, als er zum Sandschakbeg von Pécs ernannt wurde, weil er die riesige Kirche in der Burg zum Lager für Lebensmittel und Munition hatte umbauen lassen. Und die anderen Moslems beteten in den anderen zu Moscheen umgebauten Kirchen, aber es blieben ihnen nicht viele solcher Orte: Es gab das Kloster der franziskanischen Derwische am Szigeti-Tor, aber dorthin konnte man nicht gehen, da man das ganze Kloster zur Kaserne für die Einheiten der Stadtwache gemacht hatte; dann war da noch diese düstere Kapelle in der Nähe des Budaer Tores, wo die Pauliner Derwische ihr Lager aufgeschlagen hatten, doch sie war für Gottesdienste einfach zu klein, weshalb sie als Zolllager verwendet wurde, dann gab es noch eine Kirche namens Sankt Ladislaus mit dem Spukschloss der Karmeliter-Derwische, diese lag nicht weit von der Franziskaner Kirche, in der Straße, die nach demselben Ladislaus benannt war. […] Zu dieser Zeit ließ Kasim die Breite des Marktplatzes und den Winkel des Hanges abmessen und dem Padischah einen Tezkere schreiben. […] Mit dem Antrag zusammen verschickte er auch die Zeichnung des Pécser Marktplatzes, und der Diwan veranlasste den großen Mimar Sinan, den Baumeister des Sultans, einen Plan anzufertigen. Ich weiß nicht, ob Sinan selbst das Gebäude letztlich plante, sicher aber ist, dass der junge Schüler Sinans im Jahre 952 im Monat des Muharrams in Pécs eintraf: Dies war Mimar Hassan. Bis dahin ließ Kasim die Bartholomäus-Kirche am Marktplatz abreißen, und Hassan veranlasste dann, aus ihren Steinen die große Dschami zu erbauen. So wurde Kasims Dschami das schönste Gebäude der Stadt. Aber wie kann man eine Kuppel auf ein Gebäude mit quadratischem Grundriss bauen? Ist doch der Grundriss der Kuppel ein Kreis. Wie kann man einen Kreis auf ein Quadrat setzen? Das alles hatte der junge Baumeister von Sinan gelernt, und dieser wiederum von den Römern und Byzantinern.

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Der Markt ist die Mitte der Stadt. Und die Stadt hat nahezu die Form eines Rechteckes, eines Rechteckes, dessen Ecken rund sind und dessen Seiten leicht gebogen, und in der einen Ecke dieses Rechteckes, in der nordwestlichen, befindet sich die innere Burg, in der wir wohnten. Der Marktplatz bildet die Mitte eines christlichen Kreuzes, von hier führen Wege in die vier Himmelsrichtungen, zu den vier Toren der Stadt. Das östliche Tor wird Budaer-Tor genannt, da dort die Landstraße nach Buda verläuft, die einen Bogen um die Berge macht, um dann nach Norden zu biegen. Außerhalb des Tores muss man über eine Steinbrücke gehen, da vor den Mauern ein schneller und wasserreicher Bach, der Mühlenbach, flink dahinfließt. Er wurde so genannt, weil das zu kleinen Seen angestaute Wasser an seinem oberen Lauf etwa vierzig Mühlen treibt, oben am Stadtrand namens Malomszeg. Es gibt Mühlen, die Getreide mahlen, es gibt Ölmühlen, in denen aus Leinen- und Hanfsamen Öl gepresst wird, es gibt eine Sägemühle, in der mit der Kraft des Wassers Balken für Häuser und Bretter für Möbel, Wagen und Lafetten zugeschnitten werden, und hier steht auch die staatliche Pulvermühle, die nicht nur die Pécser Stadtwache mit Schießpulver versorgt, sondern auch die kleineren Burgen des Sandschaks. 

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Das Hammam ist die Begegnung von Himmel und Erde. Der einzige Ort auf Erden, den Engel und Teufel gleichzeitig besuchen. Jeder Mensch kann für sich entscheiden, warum er das Hammam betritt. Um der Engel willen, die durch die Kuppel des Gebäudes kommen, oder um der Teufel willen, die im Wasser lauern und im Feuer herumspringen, welches das Wasser wärmt, und sich in den lauwarmen Steinen des Beckens verkriechen. Als bei der Einweihung des Hammam der alte Imam das wunderschöne neue Bauwerk zum ersten Mal von innen sah, wollte er nicht hineingehen. „Mein Herr, großer Derwisch Beg, das sind doch Drachen!” schrie er entsetzt. „Haben wir denn nicht genug Sorgen damit, dass im Wasser und Dampf allerlei Wesen die jungen Gläubigen zur Unkeuschheit anstiften? Da stellt uns dieser Stambuler Rotzlöffel auch noch das Ebenbild des Teufels in die Mitte des Beckens!. Bismi 'llahi r-rahmāni r-rahim! Ich betrete diesen Raum nicht!” „Imam, verhalte dich wie es deinem Alter gebührt! Ein weiser Mann hat keine Angst vor dem Dampf. Die Dschinns sind auch Geschöpfe Allahs und Gläubige des Islam. Und die, die es nicht sind, sind selber Schuld. Allah umfängt die Ungläubigen.” Der Alte ging letztendlich hinein, aber seine Augen mussten verbunden werden, und er ließ sich von dem Diener ins Becken geleiten, um die Nacktheit der anderen nicht sehen zu müssen, und seine bismi 'llahi murmelte er immerfort, um sich vor den Dämonen zu schützen. Auch der Obermufti Abdurrahman, der Rechtsgelehrte in kirchlichen Sachen, war dabei, doch er sorgte sich nicht.

Nachdem wir die Umkleide- und Waschräume verlassen hatten, betraten wir den zentralen Raum unter der großen Kuppel. Hier sind das heiße Wasser und der Dampf, das Becken aber ist auf ganz erstaunliche Weise aus einem einzigen riesigen Stück Marmor gemeißelt. Es ist so groß, dass in ihm fünfzehn Männer gemütlich Platz haben. Ich hatte gesehen, wie es auf geschälten Baumstämmen vom Siklóser Tor hinaufgeschleppt worden war. Der Marmorblock wurde aus dem Berg von Harsány herausgehauen, es wird jedoch behauptet, es habe mehrere Wochen gedauert, ihn nach Pécs zu bringen, da Mimar Hassan wegen des großen Gewichtes keine andere Möglichkeit des Transportes sah, als den Stein zu rollen, was aber langsam und beschwerlich war, da die Stämme, über die der Block gerollt worden war, einzeln nach vorne gebracht werden mussten, immer und immer wieder. Als der Block Pécs erreichte, dauerte der Weg vom Stadttor bis zum Marktplatz einen ganzen Tag, da es hier bereits sehr steil bergauf ging. Wenn die Kuppel der Himmel ist, dann ist dieser Marmorblock die Erde, da er ein ungeteiltes, heiles Ganzes ist. Als der Stein an seinen Platz gelangt war, bohrten die Steinmetze ein Loch in seine Mitte, durch das sie jenes Bleirohr führten, das das Wasser über den Kanal von der Quelle zur Heizung und schließlich ins Becken leitete. Das Rohr wurde in einer rosafarben geäderten Marmorsäule versteckt, an deren Spitze das Wasser hervorquoll und in einen glänzenden Messingkelch floss, an den Seiten der Säule aber spuckten zwölf kupferne Drachenköpfe das Wasser. Diese Köpfe störten den alten Mullah ganz besonders. Im nächsten Raum waren die Becken mit lauwarmem und kaltem Wasser schon aus kleineren Marmorplatten gefertigt. Seitdem wurden zwei weitere Bäder in der Stadt gebaut, aber bis heute ist dieses das schönste und größte.

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Wenn du ins Hammam gehst, dann spare nicht mit Seife, Düften, Cremes und Körperölen, gleich ob du Mann bist oder Frau, denn sorgfältige Hände massieren sie in deine vom Dampf entspannten Muskeln und in deine vom Schweiß gereinigte Haut; sie sind aus Zutaten zubereitet, die Allah in guter Laune erfunden hat. Mit dem alten Rezept, das aus Sauerkirschen, Rebenwurzel-Sud, Safran, Kandiszucker, Gummi arabicum, Fledermausharn, Muttermilch, Mandelöl, Feigensaft, getrockneten und gemahlenen Meerzwiebeln, Schöllkraut, Minze, Kichererbsenmehl, Reismehl, Pistazien, römischem Senf, armenischem Borax, Olivenöl vermischt mit Wasser und einer Essenz aus Eiweiß entstand, hat der Alchemist Dschafer seine Werkstatt zur Blüte gebracht, sobald die Badeanstalt eröffnet hatte.

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Auf dem Markt verkauften die ungarischen Kaufleute, was sie selber gezüchtet und gepflanzt hatten, Wein, Weizen, Geflügel, Eier, Schafsköpfe und sogar Schwein (Gott sei diesen Elenden gnädig). Am Frühlingsanfang gibt es hier noch kein Obst und Gemüse, aber vom Herbst sind noch Nüsse, Mandeln, Erdnüsse übrig, und es gab süßes Gebäck mit Honig. Sie verkauften auch Fische, aber wenig, denn es ist weit bis zum großen Fluss, zur Donau, auch zur Drau. Was an Fischen auslag, war in der Sumpfgegend gefischt, die vom Mühlbach, der vom Berg herunterstürzt, oder von anderen Quellen gespeist wird, unter diesen Fischen gibt es welche, die ganz nach Sumpf schmecken, weil sie Schlamm fressen, und welche, die andere Fische jagen und deren Fleisch weiß und schmackhafter ist als das von Seefischen – die werden von den Ungläubigen Hecht und Wels genannt. Die Fische werden in großen Eimern gehalten, deren Wasser leicht zu wechseln ist, da auf den Marktplatz das saubere Quellwasser in einem breiten Kanal herunterrast.

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Du kannst nicht wissen, mein rechtgläubiger Nachkomme, wie diese reiche Stadt in meiner Kindheit war, so höre zu, ich werde es dir erzählen.

Der Basar heißt hier Markt und auf diesem sitzen die ungläubigen Frauen nicht nur ohne Esarp und ohne jede andere Kopfbedeckung, sondern sie schämen sich nicht sich anzuschreien, zu streiten und mit vollem Mund zu lachen. Dienerinnen mit verhülltem Gesicht kommen viele auf den Markt, aber die Herrinnen der osmanischen Häuser selten, und auch dann umgeben von männlichen Bediensteten. Umso mehr deutsche Bürgerfrauen gibt es, die meist Kopftücher tragen, Frauen von ungarischen Bauern, von serbischen und bulgarischen Soldaten und allerlei Frauen, von denen ich anfangs nicht genau hätte sagen können, welcher Sorte sie sind: Es sind Moslemfrauen und heidnische Zigeunermädchen vom Stadtrand Siklós, die gleichermaßen ohne Esarp daherkommen, Italienerinnen aus Malomszeg, Frauen von jüdischen und armenischen Kaufleuten aus der Großen Gasse.

Denn guter Efendi, dieses Ungarn war schon vor der Eroberung ein Land, in dem die Ungarn in kleineren oder größeren Dörfern als Bauern lebten, in den wenigen Städten gab es viele Menschen, die andere Sprachen sprachen, da sich ihre Vorfahren von anderswo hier niedergelassen hatten, um Handel und Handwerk zu betreiben. Auch die Begs und Anführer der Ungarn wohnten nicht in den Städten, sondern in ihren eigenen Burgen mit all ihren Dienstleuten zusammen, ohne sich um Handel oder Handwerk zu kümmern, da sie diese verachteten. Sie trieben nur Steuern und Zoll von den Städten ein, doch die großen Städte wurden ihnen von ihrem König aus der Hand genommen. Pécs aber war eine Stadt, deren Großgrundbesitzer vor Ort wohnte, denn es war niemand anderes als der Bischof selbst. Bis er dann vor dem Padischah floh.

Aus dem Ungarischen von Eszter Katona