Attila BartisIstván Kemény: Worüber man kann [Amiről lehet. Magvető, 2010]

Zwei Riesen – der eine Schriftsteller, der andere Dichter – treffen in diesem Buch aufeinander. Sie begegnen sich nicht zum ersten Mal, denn zwischen Bartis und Kemény besteht seit über fünfundzwanzig Jahren eine Freundschaft. Beide sind wortkarg und bereiten damit den Reportern regelmäßig Schwierigkeiten. Daraus entstand die Idee dieses Buches: vielleicht wird, wenn die zwei einander interviewen, dem Leser ein Blick in ihre Innenwelt gegönnt, in die Schaffensprozesse, in die Köpfe der Autoren.

Verlegen entschuldigen sie sich gegenseitig auf den ersten Seiten des Interviewbandes; es wäre für sie unangenehm, über Sachen zu sprechen, die sie in den vergangenen 25 Jahren schon besprochen hätten, die aber wegen der Leserschaft hier erneut thematisiert werden müssten. Sie entschuldigen sich auch beim Leser für die Zeit, die zwischen der Entstehung und der Veröffentlichung dieser Gespräche verging, in der sich so vieles geändert hat, Gesagtes nicht mehr aktuell ist.

Schon allein durch diesen lebhaften Auftakt hat man das Gefühl, man würde mit den beiden im Wohnzimmer sitzen. Wenn Bartis mit der Frage beginnt: Hast du Pálinka? und Kemény verneint, möchte man aufspringen und sagen: Wartet, ich hab noch welchen in der Küche, den hol ich noch schnell!

Attila Bartis, 1968 in Rumänien geboren, lebt seit 1984 in Budapest. Sein Vater kannte die Gefängnisse von Ceauçescu als Gefolterter, wodurch in Bartis´ Leben die Gewalt der Diktatur ein viel größeres Gewicht hat als die Erfahrungen der achtziger Jahre in Ungarn, im sogenannten Gulaschkommunismus. Bartis wurde durch seinen 2001 erschienenen Roman Die Ruhe international bekannt. [Auf Deutsch 2005 bei Suhrkamp in der Übersetzung von Agnes Relle veröffentlicht.]

Sein Gesprächspartner, István Kemény, der 1961 in Budapest zur Welt kam, erlebte die Wende genauso intensiv, aber unter wesentlich anderen Voraussetzungen. Seiner Zuneigung zu Siebenbürgen ist zu verdanken, dass er das Land noch zur Zeit der Diktatur kennenlernte und nach der Wende die Änderungen mit großer Aufmerksamkeit und Hoffnung verfolgte. Kemény ist einer der bedeutendsten ungarischen Dichter der Gegenwart, die Vaterfigur der jüngsten Lyrikergeneration.

Bartis und Kemény lernten einander 1986 in Budapest kennen; seitdem verbindet sie eine tiefe Freundschaft. Im vorliegenden Band entdecken sie Gemeinsamkeiten ihres Lebens aus der Zeit vor Ihrer Bekanntschaft – zum Beispiel die Liebe zu Ady, dessen Name die ersten drei Buchstaben waren, die sie überhaupt gelernt hatten. Sie erzählen Familiengeschichten, persönliche Erinnerungen, Geheimnisse aus der Werkstatt des Schreibenden. Sie kämpfen sich durch schwierige Selbstdefinitionen und geraten in eine Auseinandersetzung, wenn Kemény behauptet, Dichter zu sein sei eine Berufung, während das Schriftstellertum ein Beruf sei. Vor den Augen und Ohren des Lesers werden Meinungsunterschiede ausgetragen, die durch den präzisen Umgang mit der Benennung faszinieren. Der Kern des Konflikts wird mittels der Sprache gesucht - und gefunden.

Es ist kein glattes, emotionsloses Gespräch, das hier aufgezeichnet wurde. Es geht um wichtige Dinge, sei es die Situation der ungarischen Minderheit in Rumänien oder die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit, die mit Amnesie gleichgesetzt wird. Neben den Ereignissen in der Außenwelt und historischen Fragen wird auch über das Persönliche mit großer Aufrichtigkeit gesprochen, über die Scheidung von Bartis oder die Schaffenskrise von Kemény. Die Heroen der ungarischen Gegenwartsliteratur erscheinen in ihrer vollen Größe – und doch wie großgewachsene Teenager, die nicht genau wissen, wohin mit den lang gewordenen Gliedern. Durch den ganzen Band und jeden Satz strahlt tiefer gegenseitiger Respekt – der nicht nur im genauen Zuhören und Nachfragen zu erspüren ist, sondern immer wieder auch in exakt artikulierter Anerkennung zum Ausdruck kommt.

Es zeigt sich, dass Leben und Werk nicht zu trennen sind, sondern in der Literatur zusammenkommen und ständig reflektiert werden. Bartis´ Unzufriedenheit gegenüber einem schief angebauten Regal stellt im Kern die gleichen moralischen und ästhetischen Fragen wie seine Texte. Es geht nicht nur darum, dass das geschriebene Wort das einzig Richtige sein soll, es geht auch um die Forderung sich selbst gegenüber: man gibt keine halbfertigen Sachen aus den Händen.

Welch´ große Rolle das Schreiben in der allgemeinen Sinnsuche spielt, zeigt sich in einer Aussage von Kemény. Sein mit dem Alter immer stärker werdendes Bedürfnis, Spuren in dieser Welt zu hinterlassen, mündet im Bestreben, qualitativ hochwertige Literatur zu schaffen, um durch das Geschriebene unsterblich zu werden.

Zwischen existentiellen Fragestellungen werden auch leichter verdaubare Themen besprochen; das Leben im deutschsprachigen Raum als DAAD-Stipendiat, der Vergleich zwischen deutscher und ungarischer Kultur, Budapest als Lebensraum und die Fotografie, die im Leben von Bartis neben der Literatur die wichtigste Rolle spielt.

Im Grunde aber geht es darum, dass der Mensch vor allem in sich selbst Ordnung stiften möchte. Für dieses Aufräumen gibt es verschiedene Möglichkeiten– für Bartis und Kemény ist die angemessene das Schreiben. Das heißt alles, was auf dem Papier steht, betrifft vor allem ihre Position im Leben; es gibt keine Worte nebenbei, keine belanglosen Beschreibungen. Es ist das Ergebnis eines permanenten Kampfes, einer dauerhaften Wachsamkeit und Strenge gegen sich selbst.

Letztendlich geht es um die Freiheit vor Mensch und Gott. Gegenüber der Gesellschaft bedeutet dies für Bartis, sich Erwartungen, Trends und Moden nicht zu beugen. Daran festzuhalten, dass man nicht mitschwimmen müsse – nicht einmal in einer Diktatur sei man dazu gezwungen.

Gott gegenüber artikuliert sich die Freiheit im ständigen Hadern mit ihm und seinem Gesetz, der Moral. „Wenn wir schon über den Glauben reden,“ – sagt Bartis – „dann möchte ich einen Gott haben, der mir kein ewiges Leben verspricht, sondern mir dabei hilft, meine Vergänglichkeit zu akzeptieren. In Ewigkeit. Lass uns eine Pause machen.“