Werkstattgespräche - Esther Kinsky

In der neuen Interviewserie spricht Hubook mit Autoren und Übersetzern über ihre Arbeit. Esther Kinsky lebt in Berlin und in Battonya in Südostungarn. Sie arbeitet als Autorin und als Übersetzerin. Zuletzt erschienen ihre Romane "Sommerfrische" und "Banatsko".

Ich wollte dieses Interview auf dem Land führen, weil ich weiß, dass Landschaft für Dich etwas Besonderes ist. Was bedeutet sie Dir?

Esther: Die Landschaft ist unabdingbar wichtig für mein Schreiben, oder eigentlich für jede Arbeit, weil ich glaube, Landschaft ist ein Hintergrund für die Geschehnisse zwischen Menschen, und vor diesem Landschaftshintergrund treten menschliche, zwischenmenschliche Verhaltensweisen einfach auf eine bestimmte Weise zutage. Die Art der Landschaft spielt dabei natürlich eine große Rolle.

Inspiriert Dich eine Landschaft dazu, sie mit Geschichten zu füllen? Gibt es besondere Landschaften, die Dich dazu anregen eine Geschichte zu schreiben?

Esther: Ja, das glaube ich schon. Ich mag lieber flache Landschaften, obwohl nach diesen Jahren im Banat die ganz flache Landschaft auch nicht mehr so gut für mich ist. Aber ich glaube auch, dass Landschaften Menschen prägen und es sind bestimmte Formen, die sich dann herausbilden und die mich vielleicht mehr interessieren als andere. Ich hätte kein großes Interesse an dem Kampf des Einzelnen gegen die Natur in irgendwelchen dramatischen Landschaften. Vielleicht nicht flach, aber die Sichtbarkeit des Himmels, von viel Himmel, von viel Landschaft, die Weite, das ist schon für mich wichtig.

Meinst Du, dass die Menschen in solchen Landschaften weniger kämpfen müssen?

Esther: Ja, es ist eine andere Form von Kampf, ich glaube, man ist vielleicht mehr auf sich als Mensch bezogen. Ich habe die flache Landschaft in Südostungarn als eine unglaublich intensive Lektion empfunden, was das menschliche Verhalten angeht. Ich glaube, der Mensch ist einsamer in der Ebene als in den Bergen. Kämpfen muss man auch in so einer erbarmungslos flachen Landschaft, beispielsweise mit Hitze oder klirrender Kälte - das sind alles Dinge, die den Menschen herausfordern. Vielleicht ist , was mich an der flachen Landschaft interessiert, dass man nicht zwangsläufig immer zielorientiert ist wie im Gebirge , weil es im Gebirge irgendwie immer raufgehen muss, wenn man mehr sehen will und wenn man runter geht, muss man immer wieder hoch. In der Ebene ist irgendwie alles so auf einem Level.

Findest Du, dass der Mensch gegen sich selbst kämpft, wenn er nicht gegen die Natur kämpfen muss?

Esther: Ja, vielleicht ist es das. Ich glaube, man ist irgendwie dieser Riesigkeit des Himmels, dieser Ebene immer ausgesetzt, ohne das man sich etwas abstecken kann, wie beispielsweise Höhenunterschiede. Vielleicht ist , was ich empfinde, dass man hier eher auf sich geworfen ist, als wenn man messbare Höhenunterschiede vor sich hätte.

Und was für einen Unterschied macht das für Dich, wenn Du auf dem Land bist?

Esther: Ich kann mich auf dem Land einfach viel besser konzentrieren und ich finde die Vereinzeltheit der Erscheinungen, die man dann wahrnimmt, viel intensiver. In der Stadt sehe ich natürlich auch unglaublich viel, was mich inspiriert, einfach an kleinen Szenen und Verhaltensweisen, vor allem hier, wo man so viele menschliche Kommunikationsformen nebeneinander sieht durch die vielen verschiedenen Leute, die in Berlin leben. Aber es ist mir viel zu viel, um mich dann zu hause darauf konzentrieren zu können,darüber auch zu schreiben. Ich brauche die Landschaft schon, ich kann draußen auch besser über das schreiben, was ich in der Stadt gesehen habe. Diese Leere um mich herum ist einfach so wichtig.

Woran arbeitest Du jetzt?

Esther: Ich arbeite gerade an mehreren Sachen. Die eine ist eine längere Novelle, , die diesen Banater Zyklus abschließen soll. Dann arbeite ich an einem großen Buch über Flüsse, weil mir im Laufe der Arbeit an „Banatsko“ und „Sommerfrische“ die Bedeutung von Flüssen in meinem Leben sehr klar geworden ist. Ich bin am Rhein aufgewachsen, aber die Bedeutung dieses Aufwachsens an einem großen Fluss ist mir erst mit der Beschäftigung mit diesen Flüssen im Osten klar geworden. Ich strukturiere das Buch um einen längeren Spaziergang an einem sehr kleinem Fluss in London, von wo dann größere Kapitel, in deren Mittelpunkt andere Flüsse stehen, praktisch abzweigen, also eigentlich die Gegenbewegung dazu, wie die Flüsse verlaufen. Das ist das Konzept des Buches, davon ist ein Drittel fertig. Ich werde aber eine längere Zeit brauchen, in der ich mich isolieren kann um daran zu arbeiten. Dann beschäftige ich mich auch zum ersten Mal in größerem Rahmen essayistisch mit einem Text über Sprache und Erinnerung, der Bezug auf meine Übersetzertätigkeit nimmt. Über die Art, wie Erinnerung über Sprache gefiltert wird, wie der Sprachgebrauch sich durch die Handhabung der Erinnerung verändert. Das interessiert mich sehr , ich bin damit immer konfrontiert beim Übersetzen und jetzt bin ich dabei einen längeren Text darüber zu schreiben.

Wie ist deine Beziehung zu Ungarn gerade? Du warst letztens da, wie hast Du Dich gefühlt?

Esther: Ich habe mich zum ersten Mal sehr fremd gefühlt, was sicherlich daran lag, dass ich aus bestimmten Gründen zehn Monate nicht dort gewesen war. Es hat mich sehr geschockt, die Andersartigkeit jetzt im Vergleich zu den anderen Jahren. Ich glaube, Ungarn macht gerade einen sehr schwierigen Prozess durch. Ich finde, dass die Feindseligkeit unter den Menschen wirklich unglaublich stark ist. Das kann man gar nicht beschreiben, aber man bekommt natürlich vieles mit, wenn man im Bus fährt in Budapest oder im Zug zwischen Budapest und dem Südosten. Die Menschen reden dauernd, immer wieder, über dieses Feindbild Zigeuner, in fast jedem Gespräch, es schien mir nachher wie eine Obsession, eine nationale Obsession, dieses Sündenbock suchen, dieses permanente sich Beschäftigen mit negativen Erlebnissen, ob das jetzt ganz persönliche sind oder auch auf größerer politischer Ebene. Niemand hat was positives, was schönes zu sagen. Natürlich beherrscht die Armut viele Gespräche.

Es gibt Phänomene, die mich sehr beschäftigt haben. Ich habe es eigentlich sehr geliebt, wie diese Dörfer dort strukturiert sind. Diese geraden Straßen, wo man am Ende immer den Horizont sieht, diese Grünstreifen in der Mitte mit Obstbäumen vor den Häusern, das ist etwas wunderschönes, was aber jetzt zum Teil durch die Armut in Gefahr ist. Es ist mir aufgefallen, wie viel mehr Bäume gefällt werden. Dass man im Winter nicht friert, wird irgendwann natürlich wichtiger, als dass man im Sommer Pflaumenmus einmachen kann. Und so beginnt man diese Bäume zu fällen. Bei dem ohnehin geringen Baumbestand im Banat fallen solche Kahlstellen jetzt sehr ins Auge, und das ist für mich etwas ganz symbolisches. Dieses Beseitigen der Bäume. Natürlich kann ich die Menschen verstehen, die ihre Kinder warm halten müssen im Winter. Aber diese Wunden anzusehen, die in so eine Landschaft geschlagen werden, wo diese Bäume auch als Haltepunkte sehr wichtig sind, das finde ich sehr schmerzlich. Dabei geht es jetzt nicht um eine Baumumarmungskultur, sondern einfach um die Rolle, die diese vertikalen Lebewesen in dieser horizontalen Landschaft spielen. Sie sind Haltepunkte, abgesehen von der ästhetischen Funktion dieser Bäume auf den Grünstreifen vor den Häusern.

Landschaftliche Phänomene, die unter den Augen der Menschen und durch Pflanzprozesse entstanden sind, haben eine große Bedeutung. Wenn man bestimmte ästhetische Werte aufgibt oder alles im menschlichen Leben nur noch in Bezug auf kurzfristige Funktionen sieht– was natürlich eine Folge der Armut ist und die Armut ist die Folge einer grauenhaften Misswirtschaft – dann empfinde ich das als eine ganz furchtbare Entwicklung.

Das ist eigentlich das Beweis dafür, dass Landschaft durch politische und gesellschaftliche Prozesse geprägt ist.

Esther: Ja, natürlich, und selbst wenn man nur von diesem nordöstlichen Teil des Banats spricht -zwischen Tisza und Arad, Battonya und Timisoara, dieser Gegend, die ich gut kenne - ist es ein wahnsinniges Lehrstück für den Zusammenhang zwischen Politik, Wirtschaft und Landschaft.

Vielen Dank, dass Du Deine Meinung mit Hubook geteilt hast.

 

Das Interview hat Viki Lassú durchgeführt.