Attila Bartis: Der Spaziergang

Suhrkamp, 1999

[auf Deutsch von Hans Skirecki]


Wörter sind dazu da, in der Welt Orientierung zu geben. Durch die Benennung der Dinge entstehen Raum und Zeit. Wenn man etwas erzählt, liefert man eine Beschreibung, die dem Zuhörer hilft, sich eine Situation vorzustellen und die Ereignisse nachzuvollziehen. Man nennt Ort und Zeitpunkt, man stellt die handelnden Figuren vor, man schafft einen Erzählstrang; es geht aber auch um Farben, um Licht und Gerüche.

Attila Bartis erzählt eine Geschichte. Seine Sätze sind prägnant, eher kurz. In seinem ersten Roman, der zwischen 1986 und 1992 geschrieben wurde und 1995 auf Ungarisch erschien, setzt er sich mit großen Themen auseinander. Dies ist keine schüchterne Erstveröffentlichung, mit der der Autor zu beweisen sucht, er beherrsche das Handwerk. Der Spaziergang setzt sich mit dem Krieg und dem Tod, mit Gott und der Moral, mit der Liebe und dem Verwaisen auseinander; mit Themen also, die auch für ein späteres Hauptwerk schwere Kost wären.

Man könnte den Verdacht hegen, der Versuch müsse in Kitsch münden. Insbesondere, wenn man mitdenkt, dass die Geschichte auf knappen 130 Seiten aus der Perspektive eines heranwachsenden Subjekts erzählt wird. Es steht also zu befürchten, der Leser würde von einem altklugen Kind über die Welt belehrt.

Dies geschieht aber nicht. Denn die Wörter, mit denen die Dinge benannt werden, bieten keine Orientierung. Eine prinzipielle Eindeutigkeit fehlt - und dieser Mangel bürgt dafür, dass die angesprochenen Themen nicht – wie durch ein Exponieren – offensichtlich werden. Banalität und somit die Bedrohung durch den Kitsch erweisen sich als übereilte Befürchtungen.

Der Leser befindet sich immer wieder in Situationen, die schon vor der Beschreibung begonnen hatten. Man weiß nicht genau, wo man ist, was gerade geschieht, nicht einmal die erzählende Stimme ist zu identifizieren. Das Ereignis wird während dieser prinzipiellen Orientierungslosigkeit exakt beschrieben – aber man weiß eben nicht, worüber gesprochen wird. Der Spaziergang funktioniert, als wäre er ein Tabu-Spiel. Dabei müssen die Zuhörer herausfinden, welches Wort ein Spieler vorstellt, der dafür alle anderen Wörter, außer diesem einen, verwenden darf.

Diese Technik zeigt sich am allerbesten in der Identität des Kindes, um dessen Erinnerungen es hier geht. Wir lernen es kennen, als es aus purer Neugier Tiere quält. Schmerz und Tod kennt es noch nicht – es möchte nur prüfen, ob die Katzen wirklich immer auf die Pfoten fallen bzw. was im Inneren eines Huhns ist. Beiläufig, als zufällige Begleiterscheinung, taucht der Tod in diesem Spiel auf.

Der Protagonist wird im Verlauf der Erzählung immer genauer beschrieben, seine Geschichte wird in einem assoziativen Prozess erweitert. Personen tauchen auf, der tote Großvater als ehemaliger Balletttänzer, die Schwester aus dem Waisenhaus, der Biologielehrer, der das Öffnen eines Tieres mit der Wissenschaft begründet. Der Mord wird also legitimiert und erreicht seinen Höhepunkt in der politischen Exekution während der Revolution.

Die wievielte das ist und wann sie geschieht, wird nicht erörtert. Der Leser bewegt sich in einem historisch gesehen zeitlosen Raum. So wird ihm nahegelegt; Kriege und Revolutionen wären im Grunde genommen alle gleich – sie bringen Tod.

Zeit vergeht allein dadurch, dass das Kind heranwächst. Es lernt die Welt zu benennen und ab diesem Zeitpunkt hält es sich für einen Erwachsenen. Während sich am Anfang des Romans die Kindheit in den nicht verfügbaren Wörtern zeigt, heißt es später: „Ich bin erwachsen, und so sage ich es. Weil man nur erwachsen Spaß am richtigen Ausdruck findet.“

Die Welt des Kindes wird also immer konkreter und belebter – nur für den Leser erscheint das Beschriebene wie eine Landschaft hinter einem Nebelvorhang. In dem Moment, in dem er endlich das Gefühl hat, seine Augen hätten sich an das Undurchdringliche gewöhnt und er könnte sich durch Spüren, Sichherantasten fortbewegen, verliert er seine Orientierung vollends.

Kurz vor dem Ende des Romans verändert sich alles, was man bisher zu wissen gemeint hat, die ganze aufgebaute Konstruktion kippt um. Genau so, wie das System durch die Revolution – die den Onkel aus dem Gefängnis in eine Villa versetzt, Verstorbene zu Helden macht.

Man könnte das Buch, sobald es endet, noch einmal von vorn lesen. Es würden andere Orientierungspunkte entstehen und neue Bedeutungen.

Der Spaziergang ist zirkulär, wie ein Herbstnachmittag im Nebel – nach zwei Stunden Gehen befindet man sich erneut am Anfang, ohne genau zu wissen, was man auf dem Weg sah. Es bleiben Farben, Gesichter und hauchzarte Gefühle zurück.

 

von Héla Hecker