István Kemény: Nützliche Ruinen – Célszerű romok
Mit einem Essay von Monika Rinck

Übertragung: Orsolya Kalász, Monika Rinck, Gerhard Falkner und Steffen Popp
Gedruckt auf Freelife Vellum White von Fedrigoni
Mit gefaltetem Plakatumschlag, unter Verwendung einer Zeichnung von Olaf Probst
72 Seiten, deutsch-ungarisch
ISBN 978-3-936826-64-7

Rezension von Héla Hecker

Der 1961 in Budapest geborene István Kemény veröffentlichte seinen ersten Gedichtband im Jahr 1984. Seitdem entwickelte er sich zu einem der bedeutendsten Lyriker der ungarischen Gegenwartsliteratur. Zu seinem fünfzigsten Geburtstag erschien 2011 beim Budapester Magvető Verlag eine Gesamtausgabe seines Werkes unter dem Titel Arbeitslose Tänzerin (Állástalan táncosnő).

Keménys Lyrik kann man am prägnantesten mit dem Titel seines Gedichtbandes aus dem Jahr 2006 beschreiben: Élőbeszéd. Das ungarische Wort bedeutet soviel wie „lebendige Sprache“, aber auch „gesprochene Sprache“. Diejenige also, welche im Moment des Redens durch das Ausgesprochenwerden entsteht.

So sind Keménys Texte: sie verlaufen im Modus der Alltagssprache. Es werden keine besonderen Wörter benutzt, es entstehen keine komplizierten Metaphern, die man erst durch intellektuelle Anstrengung nachvollziehen könnte. In keinerlei Hinsicht kann man über eine hermetische, elitäre Gegenwartsliteratur sprechen – vielmehr ist sie für jeden potenziellen Zuhörer leicht zugänglich.

Die „gesprochene Sprache“ zeigt sich aber nicht nur in der Nähe zur Alltagssprache. Sie hat einen dialogischen Charakter. Sowohl ein Du als auch die Dinge und selbst die Welt werden angesprochen. Das lyrische Ich führt keinen Monolog mit sich selbst, der Akzent liegt nicht auf der Beschreibung einer Umgebung oder lyrischer Beobachtungen. Es wird nicht behauptet, es wird erzählt; daher richtet sich diese Dichtung nicht an einen Leser, sondern an einen Zuhörer.

Lebendige Sprache bedeutet nicht nur, dass das Sprechen im jetzt-Modus stattfindet. Sie ist eine wiederholte Schöpfung: leblose Objekte beginnen auf einmal zu reden, ihnen werden Gefühle und Gedanken zugeschrieben, mit ihnen wird kommuniziert, ja sogar gestritten. Dadurch erweitert sich die Welt der Lebewesen – der Dialog wird nicht nur zwischen den Menschen geführt, sondern auch mit den Dingen, die durch das Angesprochensein selbst Lebendigkeit erwerben. Dies erinnert den lesenden Zuhörer an die Kindheit, an die Sprache des Kindes, das sich mit Steinen, seinen Kuscheltieren und mit dem Essen unterhielt.

Keménys Gedichte sind in diesem Sinne naiv. Nicht in der Bedeutung von Unerfahrenheit, mangelnder Reflexion, gar Idealismus. Aber sie sind der Welt gegenüber unbefangen, trotz der Erfahrung. Sie sind keineswegs schwerelos – das Tragische verkleidet sich und wird durch seine Personifizierung ansprechbar. Wie die Herzattacke, die ein kleiner Mann in seiner Küche heulend anfleht. Oder die Bosheit in der Figur des Onkel Kain; dessen mit riesigen Stieren versehener Kopf ständig wächst – jetzt ist er schon so groß wie ein Einfamilienhaus und Onkel Kain leidet unter dem Gewicht. Oder der Tod, der einfach zum Plaudern zu Besuch kommt, über seine Gefühle erzählt und das lyrische Ich diskutiert mit ihm. „Nachdem er gegangen war, saß ich da / in meiner Feigheit allein. / Gute halbe Stunde ging vorbei, als / das Leben unter dem Schrank hervorkroch / und zitternd in seinem ganzen kleinbuchstäblichen Körper / vorsichtig in mich zurückkrabbelte.“ [aus Èlőbeszéd, eigene Übersetzung].

Gedichte mit so tiefer Verankerung in der Ausgangsprache zu übersetzen ist eine enorme Herausforderung. Lyrik zu übersetzen ist schon an sich eine der schwierigsten Aufgaben – denn der Text hat nicht nur die Ebene der Denotation, er lebt vielmehr aus den konnotativen Schichten seiner Wörter und aus der Melodie und dem Rhythmus, die durch das Nacheinander der Vokabeln entstehen. Daher verdient das von Orsolya Kalász und Monika Rinck initiierte Projekt, ausgewählte Gedichte von István Kemény ins Deutsche zu übertragen, große Anerkennung.

Als Übersetzer stellten sich dieser mühevollen Herausforderung neben Kalász und Rinck Gerhard Falkner und Steffen Popp. 23 Gedichte wurden übertragen, die in der Veröffentlichung des Gutleut Verlags im Jahr 2007 erschienen. Bisher ist dieser Band der einzige mit Keménys Gedichten in deutscher Sprache.

Wie schwierig die Übersetzung sein musste, zeigt allein der typographische Blick in das Buch. In der zweisprachigen Ausgabe stehen nach dem deutschen Text die ungarischen Originale – die Strophen von letzteren sind viel schmaler. Allein visuell scheint der deutsche Teil die Größe eines Kommentars zu haben.

Man spürt das Anliegen, dem Ausgangstext wortwörtlich so weit wie möglich treu zu bleiben, wodurch die Bilder der Gedichte eins zu eins wiedergeben werden sollten. Das führt aber einerseits zu einer Schwerfälligkeit – die für Keménys Dichtung so bezeichnende Lebhaftigkeit geht verloren. Andererseits stößt diese Methode an ihre Grenzen – das zeigt sich, wenn komplette, schwer übersetzbare Zeilen weggelassen werden (wie die letzte im Gedicht Nützliche Ruinen), eindeutige Unterschiede zur ungarischen wörtlichen Bedeutung entstehen (wie im Gedicht Der Fernseher, an dessen Ende in der deutschen Version das Gerät „den anderen“, im Original „seinem Schicksal“ überlassen wird) bzw. Akzente verschoben werden (wie im Gedicht Der Sündenfall, in dem auf Deutsch die leicht kitschige, zur letzten Zeile gemachte Aussage im Mittelpunkt steht: „Aber es war ja Weihnachten, das Verzeihen war groß“. Demgegenüber spielt dieser Satz im Ungarischen eine beiläufige Rolle und das Gedicht endet: „Unbedacht haben wir etwas ins Feuer geworfen / das jetzt langsam verbrennt“.)

Durch den Fokus auf die möglichst genaue Wiedergabe der ungarischen Texte gehen Keménys Rhythmus und Tempo gänzlich verloren. Nicht nur, dass die für ihn typischen, spielerischen Reime kaum vorkommen. Auch Veränderungen im Rhythmus eines Gedichtes sind nicht mehr spürbar. Im Gedicht Auf der Bahnhofstation von Èrdliget auf und ab gibt es eine Zäsur, wenn der Zug ankommt. Ab diesem Moment wird der ungarische Text rhythmisch, ja sogar melodisch – die Sprache übernimmt die fließende Bewegung des Zuges, in dem sich jetzt das bisher wartende lyrische Ich befindet. In der deutschen Übersetzung passiert aber nichts, der Text geht mit dem gleichen Tempo, stolpernd weiter.

Dass man dank dieses Gedichtbandes Kemény auf Deutsch lesen kann, ist auf jeden Fall lobenswert. Der Leser gewinnt einen Einblick in die Bilder, in die Wortwahl seiner Dichtung. Die Gedankengänge, die Inhalte des Originals werden wiedergegeben, für den Leser werden die Schwerpunkte dieser Lyrik gezeigt.

Ihre wichtigsten Eigenschaften, die jenseits der wortwörtlichen Bedeutung liegen, sind aber nicht ausreichend präsent. Selbstverständlich stellt sich die Frage, ob man die lebendige, gesprochene Sprache, ob man élőbeszéd überhaupt in eine fremde Sprache übersetzen kann. Mit großer Wahrscheinlichkeit muss das verneint werden. Dennoch verdient diese Dichtung neue Versuche, die auch den deutschsprachigen Leser zum Zuhörer machen, ihn in den Dialog mit der Welt einbinden.