Ferenc Barnás: Der andere Tod [Másik halál. Kalligram 2012, 298 Seiten]

 

Der neueste Roman von Ferenc Barnás, im Frühjahr 2013 mit dem Aegon-Literaturpreis für den besten Roman des Vorjahres prämiert, ist – wie der Titel bereits erahnen lässt – nicht gerade eine leichte Lektüre, was in Kenntnis der bisherigen Werke des Autors selbstverständlich keineswegs überraschend ist.

Die Handlung des Romans Der andere Tod lässt sich im Grunde genommen relativ einfach zusammenfassen. Er zeigt den Lebensabschnitt eines Mannes um die fünfzig Jahre, der mit psychischen Problemen ringt, doch von scharfem Intellekt ist. Von dem Protagonisten, dessen Namen wir nicht kennen, ist nur bekannt, dass er in verschiedenen Gymnasien mit künstlerischem Schwerpunkt Literatur unterrichtet sowie an der Universität Ästhetik lehrt, in den Sommern aber ergänzt er sein Einkommen als Straßenmusiker in Westeuropa, während er an seinem etwas rätselhaften Werk Variationen arbeitet. Bei einer dieser Reisen lernt er Michael Landenberg kennen, einen an Insomnie leidenden Musikliebhaber und Kellner, der ebenfalls über eine sonderbare Lebensgeschichte verfügt und ihn dazu überredet, ab nun für das Schreiben seines Werkes zu leben, er würde ihn dabei finanziell unterstützen, da er es für wichtig halte, dass der Erzähler dieses Werk zu Ende bringe. Zwischen den beiden Männern entwickelt sich eine besondere Freundschaft, bei der sich dem Leser, obschon dies im Roman nicht einmal angedeutet wird, die Frage stellt, ob sie nicht auch einen gewissen homoerotischen Aspekt hat. Doch Michael kann sich von einem früheren traumatischen Erlebnis nicht befreien und begeht Selbstmord, und damit nimmt die Odyssee des Erzählers auf der Suche nach Arbeit und Existenzgrundlage ihren Anfang, bis er schließlich eine Anstellung als Museumswächter in einer Galerie findet. Seine Zeit in dieser Galerie ist ebenfalls von zahlreichen Schwierigkeiten gezeichnet, doch schließlich endet der Roman in Form eines Stipendiums in den Vereinigten Staaten gewissermaßen mit einem Happyend.

Die Schilderung der Handlung vermittelt allerdings nur sehr wenig vom Roman selbst. Obschon einige Elemente eine starke Parallele zur Biografie des Autors aufweisen, handelt es sich bei Der andere Tod keineswegs um einen autobiografischen Roman. Es ist eine Fiktion, noch dazu eine Fiktion, bei der nicht die Geschichte selbst der interessanteste Aspekt ist, sondern die Art des Erzählens, die erzählerische, rhetorische Kraft. In der Kunst, so auch in der Literatur ist die Darstellung neurotischer, oder aber auch psychotischer Zustände keineswegs eine Seltenheit. Ferenc Barnás versteht es, zwischen diesen gesunden und kranken, stark paranoiden, manches Mal sogar geradewegs schizoiden Zuständen mit einer meisterhaften sprachlichen Ausarbeitung hin- und herzuwandern. Auch der Anfang des Romans scheint zunächst wie eine Aneinanderreihung von Gedankenfetzen eines im Zerfall befindlichen Geistes, es erscheinen allerlei Gestalten mit merkwürdigen Namen, von denen der Leser nichts weiter weiß, auch die Lebenssituationen, in denen sich diese Figuren befinden, sind dem Leser vollkommen unbekannt. Doch der zunächst wirr scheinende, fragmentarische Anfang fügt sich – kaum merklich – auf einmal zu einem Ganzen, auch wenn sich nicht immer alles erhellt, der Erzähler einiges nur erahnen lässt. Auch dies kein Zufall, Barnás lässt bewusst manches unausgesprochen und verleiht ihm damit besonders Gewicht.

Doch trotz alledem ist die Handlung selbstverständlich nicht nebensächlich, denn auch der Protagonist selbst ist eine typisch osteuropäische Gestalt; obschon er als Gymnasiallehrer arbeitet, ist er gezwungen, sich als Straßenmusiker etwas dazuzuverdienen. Ja, man könnte auch sagen, es handelt sich um eine typisch ungarische Geschichte, denn in wichtigen Anspielungen erscheinen verschiedene Momente des gegenwärtigen Lebens in Budapest, aber auch der Vergangenheit, wie das schmerzvolle Fehlen der verschleppten jüdischen Mitbürger. Nicht nur diese geschichtlichen Momente, doch auch der Bewusstseinszustand des Erzählers sorgen dafür, dass der Leser ein ganz besonders Budapest-Bild erhält: die Wege durch die Stadt, die der Protagonist immer wieder entlanggeht, die verschiedenen Figuren, denen er dabei begegnet, die Lebensmittelläden, das Einkaufen, das Dreieck von Tomatenkonserven, Nudeln und billigem Wein – diese Wiederholungen machen uns die angstbewohnte Welt des Protagonisten fast vertraut. Und obschon dieses Leben ein typisch Budapester Leben ist, erscheint es doch als allgemein gültig, denn es handelt von den inneren Kämpfen eines Menschen, eines Künstlers, die vielleicht nicht als ewig, doch auf jeden Fall als universell zu bezeichnen sind, und der Protagonist selbst beobachtet, gleich wo er ist, und er könnte dazu überall sein, immer alles. Während er beobachtet, alles und jeden haargenau beobachtet, ist er im Grunde genommen auf der Suche. Auf der Suche nach dem anderen Tod. Oder dem anderen Leben.

Ferenc Barnás ist dem deutschen Lesepublikum bislang unbekannt, auch in Ungarn war er bis zu seiner Auszeichnung in diesem Jahr einem eher engeren literaturinteressierten Publikum ein Begriff, doch zeigt gerade die diesjährige Prämierung, dass es sich um einen durchaus wichtigen Autor handelt, mit einer sehr eigenen Stimme. Sein Stil, der von vielen im Zusammenhang mit Der andere Tod unter anderem mit Thomas Bernhard verglichen wird, sowie die Art, innere Zweifel, Unsicherheit, Bedrängnis und Ängste zu beschreiben, die Genauigkeit, mit der er seine Beobachtungen vermittelt, sind ganz sicher auch für den deutschen Leser eine literarische Bereicherung.