Werkstattgespräche – Zsóka Lendvai

In der Interviewserie stellt HuBook dieses Mal den österreichischen Nischen Verlag vor, bei dem in Kürze drei ungarische Werke in deutscher Sprache erscheinen. Péter Mesés sprach mit der Verlegerin Zsóka Lendvai.

Frau Lendvai, seit wann gibt es Ihren Verlag?

Der Verlag wurde 2011 von mir und meinem Mann, Paul Lendvai, in Wien gegründet, und zwar mit dem Ziel, literarische Werke ungarischer Autoren herauszugeben, die im deutschen Sprachraum weniger bekannt sind. Wie auch unser Name zeigt, sind wir ein kleiner Verlag, was aber auch bedeutet, dass wir schneller reagieren können als ein großer, der die ungarische Sprache nicht kennt und bei den Neuerscheinungen des ungarischen Buchmarktes auf Berater angewiesen ist, wodurch es möglicherweise länger dauert, bis er eine Entscheidung fällen kann.
Einen großen Vorteil bedeutet für uns auch, dass wir vollkommen unabhängig sind, unsere Entscheidungen nur die Qualität bestimmt. Dies gilt insbesondere für die „Brückenbauer”, die Übersetzer. Das macht uns auf dem deutschsprachigen Buchmarkt vielleicht einzigartig, denn auf den Einbänden informieren wir nicht nur über den Autor, sondern mit einem Foto, den Publikationen und dem Lebenslauf auch über den Übersetzer. Das erfüllt uns zurecht mit Stolz, denn zu unseren Übersetzern gehört unter anderen György Buda, dem in diesem Jahr der bedeutendste österreichische Übersetzerpreis, der Österreichische Staatspreis für literarische Übersetzung 2012 – Translatio –, verliehen wurde. Unter unseren bisherigen Übersetzern sind auch Ernő Zeltner und Eva Zador sehr angesehen, die wichtige Werke von Géza Ottlik, Sándor Márai, Pál Závada, János Háy und anderen in die deutsche Sprache übertragen haben.

Welche Bücher sind bislang im Nischen Verlag erschienen?

Unsere ersten drei Bücher haben wir im Herbst 2012 herausgegeben.
Das größte Echo hatte, was vielleicht nicht überraschend ist, ein ergreifendes Zeitdokument mit dem Titel Das rote Fahrrad. Die Autorin, die dreizehnjährige Éva, hat in den Monaten vor ihrer Deportation nach Auschwitz ein Tagebuch geschrieben. Ihre Notizen erzählen von der komplizierten Beziehung zwischen den Juden und Ungarn in Nagyvárad und der grausamen Wirkung der antisemitischen Agitation auf den Alltag. Das Schicksal des Buches könnte selbst Thema eines abenteuerlichen Romans sein. Die Journalistin Ágnes Zsolt, die Mutter Évas und Ehefrau des berühmten Publizisten Béla Zsolt, hatte den Holocaust überlebt und fand das Tagebuch ihrer Tochter, das sie auch veröffentlichte, einige Jahre später trieben sie die Schuldgefühle, die sie wegen des tragischen Schicksals ihrer Tochter empfand, dann jedoch in den Selbstmord. Zum Verständnis dieses besonderen Hintergrundes dient der Essay von Gábor Muray zum Buch und der Geschichte seiner Rezeption, der ebenfalls in dem Band veröffentlicht wurde.
Die deutschsprachige Presse zeigte großes Interesse an diesem Buch und bezeichnete es als das Tagebuch der „ungarischen Anne Frank“, Rezensionen erschienen unter anderem in der Süddeutschen Zeitung und in Die Zeit, Die Welt und der FAZ.
Wir erachten es des Weiteren als wichtig, dass beispielsweise ein derart bedeutender ungarischer Schriftsteller wie György Spiró in unserem Verlag das erste Mal in deutscher Sprache erscheint. Sein erster von uns herausgegebener Band Der Verruf ist ein spannender Roman über die tragischen Ereignisse nach der Revolution 1956 und die auswegslose Lage eines einfachen Mannes.
Das dritte Buch des vergangenen Jahres war ein Novellenband von Lajos Parti Nagy, Der wogende Balaton, in der fantastischen Übersetzung von György Buda.

Wie hat das deutschsprachige Lesepublikum auf diese ersten Bände reagiert?

Zum Erfolg unserer Bücher haben die Artikel und Interviews, die zur Gründung des Verlags in der Presse erschienen sind, sicherlich viel beigetragen. Erwähnen möchte ich an dieser Stelle den ausführlichen Artikel in der Wiener Wochenzeitung Falter und die Berichte in solch renommierten Blättern wie der Neuen Zürcher Zeitung, Die Presse und dem Kurier.
Zudem haben wir für unsere Autoren Buchpräsentationen im Wiener Kunstverein Alte Schmiede und der zentralen Buchhandlung des größten österreichischen Buchvertriebs Morawa organisiert, die großen Anklang fanden.

Welche Titel werden beim Nischen Verlag in diesem Jahr zum Herbst erscheinen?

In unserem zweiten Jahr, im Herbst 2013, geben wir erneut drei ungarische literarische Werke heraus. Mit dem Titel Träume und Spuren wird eine Auswahl von Novellen des Autors György Spiró erscheinen, der Übersetzer ist – ebenso wie beim vorangegangenen Band – Ernő Zeltner. Dieser Band verspricht eine spannende Lektüre, da Spiró die bis heute spürbaren, quälenden Widersprüche in der ungarischen Gesellschaft im Spiegel der teils tragischen Erfahrungen seiner Familie in einer ganz fantastischen Weise darzustellen weiß.

Die deutsche Fassung des ungarischen Bestsellers von Júlia Lángh erscheint in der Übersetzung von Eva Zador mit dem Titel Ein Mädchen zwischen zwei Welten. Diese überaus ehrliche und unterhaltsame Autobiografie zeigt mit ergreifenden und humorvollen Geschichten, wie die kommunistische Diktatur den Alltag einer Generation bestimmt hat. Über die Autorin schreibt ihr erster Ehemann, György Konrád: „Seit ihrem siebzehnten Lebensjahr kenne ich sie, vor nicht allzu langer Zeit feierte sie ihren siebzigsten Geburtstag in dem großen Kreise ihrer Familie und Freunde, während unserer sechzehn Jahre andauernden Ehe, wir haben zwei Kinder, vier Enkel, hat sie mich nicht ein einziges Mal enttäuscht. Sie ist eine begabte, lebenstüchtige, humorvolle Frau mit einem guten Urteilsvermögen, ihre Kinder und Enkel, ihre Leser und einstigen Schüler, ihre Nachbarn und Freundinnen, ihre Katzen und Pflanzen, die Zuhörer ihrer improvisierten leidenschaftlichen Reden und ihre Gäste lieben sie. Junge Frauen, die ihre gerne ihre Nähe suchen, bereuen es nicht, unerschütterlich verströmt sie ihre Wärme, die auch ihre geistreichen und exakten Texte spüren lassen. Sie ist wie ein warmer Ofen.“

Wir freuen uns sehr, den überaus erfolgreichen Band Pixel der bekannten Lyrikerin und Schriftstellerin Krisztina Tóth in der Übersetzung von György Buda herausgeben zu können. In diesem raffiniert aufgebauten Buch erscheinen die Kapitel als einzelne Bildausschnitte, bilden jedoch durch die aufeinander treffenden, sich begegnenden Menschen und Schicksale ein komplexes Beziehungssystem. Kopf, Herz, Knie, Bein und Hand: zu jedem Körperteil gehört eine mal humorvolle, mal bittere Geschichte. In den stilistisch herausragenden Kapiteln erweckt Krisztina Tóth eine ganz besondere und fesselnde Welt zu Leben. Es ist für unseren Verlag eine große Freude, dass die Autorin vom Collegium Hungaricum Berlin zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse eingeladen wurde, bei der sie mehrere Male aus ihrem Buch lesen wird. Auch in Österreich wird ihr Buch sowie das der beiden anderen Autoren präsentiert. Über unsere Veranstaltungen informieren wir unsere Leser rechtzeitig auf unserer Homepage www.nischenverlag.at.

Planen Sie in der Zukunft auch Bücher von nicht-ungarischen Autoren herauszugeben?

Der Nischen Verlag bereitet sich schon auf das Jahr 2014 vor und wird die Liste der neuen Publikationen beizeiten bekannt geben. Auch weiterhin wünschen wir, ausschließlich Werke ungarischer Autoren herauszugeben. Unsere Bücher lassen wir bei einer ungarischen Druckerei drucken, unser Gestalter ist der ausgezeichnete Buchkünstler Zoltán Kemény. Unseren kleinen Verlag finanzieren wir aus eigenen Mitteln, somit liegen Planung und Entscheidung ganz in unseren Händen. Selbstverständlich muss an dieser Stelle auch die finanzielle Unterstützung österreichischer kultureller Institution erwähnt werden, zu Dank verpflichtet sind wir auch dem Hungarian Books and Translations Office für die Förderung der Spiró-Bände.
Eine besondere Freude und eine Ermunterung zu unserer weiteren Tätigkeit bedeutete für uns, dass wir 2013 den nach Bruno Kreisky benannten Sonderpreis für verlegerische Leistungen erhalten haben, während der Hauptpreis an Eric Kandel ging und der Sonderpreis für das publizistische Gesamtwerk an Imre Kertész – beides Nobelpreisträger.

Frau Lendvai, wir bedanken uns für das Gespräch.