Geheimnis



Sie wusste es nicht. Und eben weil sie es nicht wusste, war die ganze Sache als Geheimnis zu betrachten. Sie atmete ruhig und gleichmäßig, wie nur jemand atmen kann, der es nicht weiß. Gut, dass sie es nicht weiß, dachte der Mann. Es war Nacht. Nach zwei. Um diese Zeit erwachte er gewöhnlich, fuhr hoch, als wäre sein Traum unter Stiefeltritten zerborsten und mühte sich dann vergeblich, wieder in den Schlaf zu finden, denn er wusste es. Er grübelte Stunde um Stunde, was werden solle, was ihm wohl bevorstehe, aber zu einem beruhigenden, ihm die zum Einschlafen nötige Ruhe verschaffenden Ergebnis, kam er nicht.

Der Frau fiel nichts auf. Nicht nur, dass sie es nicht wusste, sie wollte auch gar nicht wissen, was los war. Sie fragte nicht, warum hast du denn so abgenommen, wem willst du eigentlich gefallen, oder wirst du von jemandem körperlich so beansprucht, dass die überflüssigen Pfunde nur so purzeln? Einmal, es war vielleicht ein Sonntagmorgen, da sagte sie, du siehst fast wieder aus wie damals mit Fünfundzwanzig, als ich mich in dich verliebt habe, bloß ein bisschen anders, denn die Jahre, nicht wahr, die kann man ja nicht runter hungern, diese lange, lange Zeit, von der das Gesicht und die Nerven gründlich durchgewalkt wurden.

Die Kinder pflichteten der Mutter bei, wie schmal der Papa geworden ist! - Bestimmt, sagte sie, und lachte ein wenig, weil er kein Fleisch mehr isst, nur noch Gemüseberge. Und tatsächlich hatte sich sein Speiseplan während der letzten Monate radikal verändert. Er weigerte sich zum Beispiel, Fleisch zu essen. Aber daraus schloss sie nicht etwa, dass eine andere Frau auf der Bildfläche erschienen sein könnte, die die fixe Idee hatte, man dürfe nur vegetarische Sachen essen, denn alles andere sei nicht gesund, ja sogar Mord. Fleischfresser seien nämlich samt und sonders Verbrecher, oder zumindest Handlanger von Verbrechern, Mittäter bei diesem gesamtgesellschaftlichen Gemetzel, das kein modern denkender Mensch dulden könne. So sprach diese junge, oder zumindest im Vergleich zur Ehefrau wesentlich jüngere Frau, wobei es natürlich nur darum ging, dass sie ihren Vater hasste und diesen Hass zum Ausdruck bringen wollte, indem sie nichts zu sich nahm, was in sich hinein zu stopfen ihrem Vater so großen Genuss bereitete. Dabei war ihr Vater ein ganz normaler Vater, der für seine Tochter schwärmte, so wie auch die Tochter viele Jahre für ihn geschwärmt hatte, bis sie irgendwann dahinter gekommen war, dass ihr Vater bloß ihr Vater, nicht aber ihr Partner sein konnte, und diese Enttäuschung hatte den Hass und eine Schwäche für ältere Männer mit sich gebracht.

Der Ehefrau aber kam diese übrigens durchaus naheliegende Erklärung nicht in den Sinn, sie dachte vielmehr, ihr Mann habe sich zufällig ein Lifestyle-Magazin gekauft, weil der Zeitungsverkäufer es ihm aufgedrängt hatte, ein Restexemplar, er würde es ihm auch zum halben Preis geben, da sei ein Horoskop drin, und wenn schon nichts anderes, aber wenigstens das Horoskop, das kann er doch sicher gebrauchen, und wenn bloß, um sich zum Beispiel darüber totzulachen, welcher Tag sein Glückstag sein soll, weil das ja wohl Schwachsinn ist, dass irgendjemand den Leuten sagt, welcher Tag in der Woche der beste für sie ist.

Sie dachte also, in diesem Magazin, in dessen Besitz er rein zufällig gelangt sei, könnte ihr Mann etwas über gesunde Lebensführung gelesen haben, und jetzt, so auf die Fünfzig zugehend, da sollte man doch mehr auf die Gesundheit achten, sie würde das auch tun, wenn sie nur mal eine Sekunde Zeit hätte, die sie für sich verwenden konnte. Hatte sie aber nicht. Es wunderte sie auch nicht, dass er spezielle Bioprodukte benutzte, immunstärkende Pflanzenextrakte, und mit der allabendlichen Zecherei ufgehört hatte, so gut wie keinen einzigen Tropfen trank er mehr, und auch kein Wasser mit Kohlensäure, nur noch stilles, und dem Kaffee hatte er auch abgeschworen. In unserem Alter ist das Leben so unerträglich, dachte sie, dass sich jeder irgendeine Ablenkung sucht, für den einen ist´s der Alkohol, für den anderen nichts als die Arbeit, oder Angeln… Auch furchtbar, sich vorzustellen, dass der Ehemann an irgendeinem See sitzt und stundenlang aufs Wasser starrt. Da ist ja selbst diese Sache mit der gesunden Lebensführung besser, und die ist obendrein noch richtiggehend gut für den Körper.

Sie hegte keinerlei Verdacht. Bei anderen Frauen, da genügt es schon, wenn der Mann mit einem neuen Duschgel ankommt, das sie noch nie benutzt haben, Kokos zum Beispiel. Da gehen sie schon auf ihn los, warum er sowas kaufe, woraufhin der Mann herumdruckst, dass sei bei dm gerade im Angebot gewesen. Am nächsten Tag prüft die Frau das nach, und schon stellt sich heraus, dass Kokosduschbad noch nie im Angebot war. - Du hast es also bloß gekauft, wird dem gerade heimkommenden Mann am Abend entgegen geschleudert, weil diese dreckige Schlampe, als solche wird die mutmaßliche fremde Frau bezeichnet, weil diese dreckige Schlampe das auch benutzt und du keinen Ärger mit dem Geruch kriegen wolltest! Die Frau tat so etwas nie. Als der Mann ein solches Duschbad mitbrachte, hegte sie keinerlei Verdacht, sondern fragte nur, warum, und der Mann antwortete, war grad im Angebot, darum.

Aber mit Geheimnissen ist es natürlich nicht anders als mit Lebensmitteln, irgendwann läuft ihr Haltbarkeitsdatum ab, und von da an sind sie nicht mehr als Geheimnis zu betrachten. Eines Donnerstagsmorgens ging sie nicht zur Arbeit, weil ihr noch Muttertage zustanden, schließlich waren die Kinder noch unter Sechzehn, und sie ist doch nicht blöd, und überlässt diese Tage ihrem Arbeitgeber, das wäre ja noch schöner. Diesen Tag, oder richtiger: einen von diesen Tagen hatte sie also genommen, um die Bügelwäsche zu erledigen, es ja ist unglaublich, wie viel man als Frau zu bügeln hat. Umsonst werden moderne Bügeleisen erfunden, die Technik kann nicht Schritt halten mit dem Mengenwachstum, das entsteht, weil man immer sauberer zu sein hat, schon die geringste Andeutung von Körpergeruch wird von der Umwelt wahrgenommen und gleich gilt man als ungepflegt. Wenn nötig, wird pro Tag sogar zwei Mal das Hemd gewechselt, das produziert ständig neue Waschmaschinenladungen, die wiederum Berge von Bügelwäsche. Und anstatt ihn dem Muttersein zu widmen, muss sie den Muttertag mit dieser verdammten Arbeit zubringen, die jede Frau hasst, und wofür allein es sich schon lohnen würde Feministin zu sein, wenn neben der Bügelei für solche Dinge noch Zeit bliebe.

Sie bügelte und der Fernseher lief, eine Politiksendung, in der unangenehme Menschen redeten, sie achtete nicht darauf, worüber. Vielleicht darüber, dass die Situation, seit X oder Y am Ruder ist, besser oder schlechter geworden sei und dass es, nach einem möglichen Regierungswechsel, den Bürgern besser oder eben schlechter, gehen würde.

In dieser visuell und akustisch unangenehmen Atmosphäre fragte sie den Mann, musst du denn heut gar nicht gehen? - Ich habe dir etwas zu sagen, antwortete der Mann. Der Frau wurde mit Schrecken klar, dass sie nun etwas erfahren würde, was sie wirklich niemals, zumindest Zeit ihres Lebens nicht, erfahren wollte, und für das Duschbad, das Abnehmen und die gesunde Ernährung fiel ihr eine Erklärung ein, die von der bisherigen abwich. Vielleicht musst du gar nichts sagen, sagte sie. - Es kann kein Geheimnis bleiben, leider, das hatte ich auch gehofft, aber gestern hat sich herausgestellt, dass es nicht geht. Dass ich den Lauf der Dinge, und was hab ich nicht alles versucht, nicht umdrehen kann. - Welchen Lauf der Dinge? fragte sie, und war sich nahezu sicher, dass die Andere schwanger war und natürlich nicht im Traum daran dachte, das Kind abzutreiben, damit sie den Mann, ihren Ehemann, erpressen und dazu bringen konnte, seine Familie zu verlassen, denn schließlich ist er ein anständiger Mann und wird eine Frau, die ein Kind von ihm kriegt, nicht alleine dastehen lassen. - Nächste Woche...- Was ist nächste Woche? fiel sie ihm ins Wort. - Da geht es los, sagte der Mann. - Was? fragte die Frau gereizt. - Die Chemotherapie, sagte der Mann. - Ich verstehe nicht, sagte die Frau, ich verstehe nicht... welche... ich verstehe nicht... Mit diesen Worten sackte sie in den Sessel, der gleich neben dem Bügelbrett stand. - Ich wollte es für mich behalten, sagte der Mann, wir haben doch schon genug Probleme, die Kinder, deine Eltern, und natürlich die blöde Arbeit, wo kein Hahn danach kräht, dass du auch ein Privatleben hast. Da fehlte das gerade noch, und der Homöopath hat mir versichert, wenn ich einen Lebenswandel ändere, kann ich die Krankheit aufhalten, in neun von zehn Fällen klappt das, aber wie es aussieht, bin ich leider gerade der zehnte. Seit Jahren sei er bei keiner Vorsorgeuntersuchung mehr gewesen und als er dann schließlich doch dort war, sind nicht nur an einer Stelle, sondern in der gesamten Lunge kleine Ansammlungen bösartiger Tumore gefunden worden. Und heute nun, oder besser gesagt, gestern, sei bei einem Ganzkörper-CTG herausgekommen, dass die Tumore jetzt auch schon in der Leber und den Nieren seien, und nun bliebe keine andere Möglichkeit mehr, als die Chemo.

Die Frau wusste nicht, was sie sagen sollte, nach ein paar Minuten erst, warum er auch all die Jahre rauchen musste, und dazu die Trinkerei, die ist ja auch nicht gerade förderlich gewesen. Sie versuchte, irgendeinen Feind außerhalb seines Körpers auszumachen, der sich unter Ausnutzung einer Charakterschwäche ins Leben ihres Gatten geschlichen hatte, um dort jahrelang in Saus und Braus zu leben, bis sein Körper ganz zugrunde gerichtet war. - Das passiert auch Leuten, die nicht trinken, sagte er, denen passiert das genauso. - Aber dir , weil du getrunken und geraucht hast, sagte sie und weinte.

Gegen Ende der Woche erfuhren auch die Kinder, was mit ihrem Papa los war, da wussten nun alle, dass er zur Chemotherapie ging und später auch, dass die Chemotherapie das Wuchern der bösartigen Zellen nicht hatte aufhalten können. Dank der Ärztin, die den Mann aus irgendeinem Grund mochte, oder vielleicht auch Mitleid mit der Frau empfand, und mit den Kindern, die ja ohne Vater zurückbleiben würden, bekam er noch zwei Therapien und erst nach der dritten starb er, seit der Aufdeckung des Geheimnisses waren kaum zwei Monate vergangen.

Zur Beerdigung lud man nur eine Handvoll Leute. Die Eltern, denn die lebten noch – warum liege nicht ich dort? fragte seine Mutter dann auch in der Leichenhalle – und ein paar nähere Verwandte, den Bruder zum Beispiel, der seiner Frau ins Ohr raunte, dass dieser Tod die Quittung für die fünfzehn Jahre sei, die sein Bruder geraucht und ausgiebig getrunken habe, woraufhin die Frau nickte, wie gut, dass wir einen anderen Weg gewählt haben, später allerdings, da wunderten sie sich nicht wenig, als ihr Weg ein ähnliches Ende nahm, aber das wussten sie damals noch nicht. Auch von den Freunden waren ein paar gekommen, sie bedauerten den Verstorbenen, doch auch sie waren davon überzeugt, dass er selbst schuld sei an diesem Tod, und wenn auch nur, weil er eben nicht mehr hatte leben wollen. Er habe sich, als ihm klar wurde, dass es schlimm um ihn stand, aufgegeben.

Solche Menschen sterben nämlich, sagte einer, der in der Sache bewandert schien. Wenn der Mensch sich nicht aufgibt, kriegt ihn auch der Krebs nicht nter. Vorn weinte die Frau, neben sich die beiden Kinder, sie bedauerte ihren Mann, und auch, dass sie nun allein sein würde, obgleich für einen Augenblick die Möglichkeit eines neuen und ganz anderen Lebens vor ihr aufblitzte, und da ihr Mann von der umsichtigen Sorte gewesen war und unzählige Versicherungen und Spareinlagen hinterlassen hatte, erschien dieses Leben finanzierbar.

Und wie sie da standen, voller Bedauern und an den Verstorbenen gerichteter Vorwürfe, achtete keiner auf die großgewachsene schwarzhaarige junge Frau, die ein wenig seitlich, sichtlich abseits der Trauergesellschaft stand. Keiner sah diese Frau, und keiner sah den Schmerz dieser Frau, und auch den Duft dieser Frau spürten sie nicht, diesen angenehmen Hauch von Kokos, den das Duschbad auf ihrer Haut hinterlassen hatte, denn sie existierte genauso wenig wie von nun an: der Mann.