István Kemény

Abschiedsbrief

Meine Heimat, ich liebte dich,

auch du hast getan, als liebtest du mich:

deine Schulbücher und deine Dichter,

sagten, lass die Heimat nicht im Stich.

 

Treu war ich dir und wuchs heran,

bis heute bin ich kein zynischer Mann,

nur schwermütig, verraten, depressiv

eine Zuckerfabrik, die nicht mehr kann.

 

Rehe frieren im kalten Tau

oder eine Kleinstadt, ich sehe nicht genau.

Du schuldest mir Antwort, Heimat, sag,

was fordern diese Zeit und dieser Raum?

 

Auch wenn du manchmal begonnen hast,

nicht schlimm, dass du mich nicht lieben kannst,

du wirst dich selbst oder andere lieben,

mir aber wurdest du zu einer Last.

 

Du wurdest böse, blind und grau,

eine verblödete fremde Frau,

du hast dich tief in Hass vergraben

und forderst tausend Jahre Himmelblau.

 

Dass ich dich wasche, willst du nicht,

hast nicht einmal gestöhnt: He, lass mich! 

Bist wie ein Teppich auf dem Nichts gelegen,

auch verraten konnte ich dich nicht.

 

Mein Tee ist dabei längst verkocht,

ich werd’ nicht mehr als der von einst gemocht,

mein Leben schließt wohl ohne Ziel und Glück

wie eine Zeile im Gedicht.

 

Du spielst, du hättest keine Ohren,

unter deiner Last geh ich verloren.

Ich werde alt an dir und werde sterben,

muss dich verlassen, dich durchbohren.

 

Solang ich lebe, suche ich,

so lebt mein Herz und wandelt sich,

such mich im Kopf, wenn du mich sprechen willst,

meine Heimat, ich liebte dich.

 

Aus dem Ungarischen von Wilhelm Droste