Brief an Imre Ámos

Lieber Imre,

Überwältigt stehe ich hier vor Deiner Kunst, 67 oder 68 Jahre nach Deinem Tod, denn selbst den Zeitpunkt wissen wir nicht genau. Überwältigt, weil Du das Schicksal, das Dir Deine Begabung wie auch Dein Schcksal auferlegt haben, ertragen hast. In Deinem Tagebuch schreibst du mehrfach, Du willst jene individuelle seelische Innenwelt darstellen, die Dich aufwühlt und die zu dem Ort wurde, von dem aus Du das ganze Leben siehst. Aus Deiner Sicht gab es keinen Ausweg aus dem ewigen Warten und der völligen Hoffnungslosigkeit. Zum einen, weil, bewusst oder nicht, Kunst nur dann glaubhaft sein kann, wenn sie den innersten Erlebnissen entspringt, und wenn diese Erlebniswelt voller Last ist, zwingt sie den Menschen, sich zu äußern. Diese Lasten zu ertragen macht die Begabung aus. Auf diese finstere und belastete Welt der Psyche warf die wahnsinnige Gewalt ihren Schatten, die Dein Leben mit ihrer gegen die Natur gerichteten Brutalität noch mehr zu einem fürchterlichen Albtraum gemacht hat. Die uns erhalten gebliebenen Werke sind exakte Abdrücke dieser Welt, und obschon mich beim Anblick der Bilder eine trübsinnige Stimmung überkam, ist es doch erhebend, dass du all das ertragen hast. Die Bilder sind unausgesprochene Gedanken, unausgesprochene Gebete, abgeschlossene Augenblicke der Zeit, für die es keine Worte gibt, nur Gefühl. So wirkt das Werk von Seele zu Seele. Wir müssen die Zeit nicht bitten, Deinen Arbeiten gnädig zu sein, sie suchen sich mit ihrem eigenen Inhalt einen Platz in einer Welt, die in der Lage ist, das aus der Einfachheit des Lebens entspringende fantastische Dasein zu schätzen. Glück ist uns nur selten gegeben, denn wir müssen es in uns aufbauen, und ich beende meine Zeilen mit der Hoffnung, dass Du in Deinem kurzen Leben wenigsten von Zeit zu Zeit Teil an diesem Glück haben durftest.

In Freundschaft

Szilárd Podmaniczky

Balatonboglár, 8. November 2012

Aus dem Ungarischen von Eva Zador

 

Die Ausstellung: Imre Ámos – Wo ist Dein Bruder? Werke aus den Jahren 1939–43 und zeitgenössische Reflexionen aus Ungarn (2004–2012) ist noch bis zum 15. September 2013 in der Moholy-Nagy Galerie im .CHB zu sehen.

 

Kuratoren: 
Ádám Galambos (evangelischer Theologe; Asztali Beszélgetések Alapítvány – Stiftung Tischgespräche Budapest)
Dr. Veronika Baksa Soós (Moholy-Nagy Galerie im .CHB)
Visual Design: David Szauder

In der Ausstellung neben Imre Ámos vertretene Künstler: 
Bildende Kunst: János Aknay, Emese Benczúr, András Böröcz, Pál Deim, László Fehér, István Haász, István Haraszty, János Kalmár, Tamás Konok, Ákos Matzon, István Nádler, Gyula Pauer, Miklós Szüts, Zoltán Tölg-Molnár

 

Imre Ámos gilt als Vorreiter der Europäischen Schule, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in seiner Wahlheimatstadt Szentendre formierte. Die Moholy-Nagy Galerie des .CHB zeigt Werke aus seiner letzten Schaffensphase; seit 1940 zumeist in Arbeitslagern interniert, stirbt er 1944/45 in einem deutschen Konzentrationslager – das genaue Datum ist unbekannt. Als bekennender Jude hat er in den 1930er Jahren seinen Familiennamen ›Ungár‹ nach dem alttestamentlichen Propheten in ›Ámos‹ geändert; eine Betonung seiner jüdischen Identität als bezeichnende künstlerische Inspiration.

1907 in Nagykálló (Ungarn) geboren, studierte Ámos an der Hochschule für Bildende Künste Budapest und beschäftigte sich intensiv mit Musik und Poesie. 1931 zeigt er seine erste Ausstellung, 1937 lernt er in Paris die Kunst von Picasso kennen und besucht Chagall in seinem Atelier. Zuerst von József Rippl-Rónai beeinflusst, wurde seine Kunst später vom Geist der Pariser Emigranten-Gruppe École de Paris und Marc Chagall geprägt; er selbst bezeichnete seinen Stil als ›assoziativen Expressionismus‹. Ámos gilt als Vorreiter der Europäischen Schule, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in seiner Wahlheimatstadt Szentendre formierte. Nach seinem Tod 1944 fand die erste große retrospektive Ausstellung 1958 in der Nationalgalerie in Budapest statt.

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Ungarn hat in Zusammenarbeit mit der Kultur-Stiftung Tischgespräche (Asztali Beszélgetések) und dem Gemeinnützigen Verein der Ungarischen Bildenden Künstler (MANK) im Dezember 2012 die Ausstellung Imre Ámos und die Kunst des 20. Jahrhunderts in der Galerie der alten Künstlerkolonie von Szentendre organisiert: »Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Ungarn verspürt Verantwortung für ihre Versäumnisse in der Vergangenheit und möchte die vorliegende Ausstellung als Zeichen ihrer Entschuldigung und Liebe verstehen lassen.«(Kommuniqué, 2012)
Die Berliner Ausstellung in der Moholy-Nagy Galerie des .CHB arbeitet mit Exponaten der Szentendrer Schau: ausgehend von Ámos’ Werk möchte die Ausstellung mittels zeitgenössischer Reflexionen die Fragen an das 20. Jahrhundert und unsere Gegenwart stellen, die das Lebenswerk und die Lebensgeschichte von Ámos aufwerfen. 
Die Ausstellung strukturiert sich in den Grundthemen Gebrochener Raum, Gebrochene Zeit, Gesetz und Gesetzlosigkeit, Apokalypse, Hoffnung und Segen. Zeitgenössische ungarische Schriftsteller, Bildhauer, Maler und Komponisten wurden eingeladen, hierbei ihre Reflexion auf den Zustand der europäischen Ethik des 20. Jahrhunderts zum Ausdruck zu bringen.