Tibor Keresztury: Solang der Vorrat reicht [A készlet erejéig, Magvető 2012]

Ein Typ

von Lajos Jánossy

Wir haben das Buch noch nicht einmal geöffnet und schon erscheint vor unseren Augen das Fragezeichen: Was hat der Autor wohl auf Lager? Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: eine ganze Menge. Bei Tibor Keresztury verbirgt sich das Geheimnis, so wie bei jedem Autor mit durchschlagenden Texten, darin, dass es hier eine Kraft gibt – die gerade aus ihrer Schwäche resultiert, sich gewissermaßen aus ihr nährt. Selbstverständlich handelt es sich hierbei nicht um die Zerbrechlichkeit der Erzählungen, der Novellini, der Glossen, sondern um die Hinfälligkeit des Erzählers, des subjektiven Narrators, zu dem Keresztury mit der Sensibilität seiner Persönlichkeit, wenngleich keineswegs mit Nachgiebigkeit eine Distanz einnimmt und diese in dem selbstbewusst ironischen, mit Sarkasmus und Humor vermischten Kolorit bis zuletzt auch beibehält.

Denn der Beobachter von „Solang der Vorrat reicht“ ist einer von uns. Einer, der zu den Bewohner Fernost-Europas und zu dessen Literatur gehört; Hašek und Hrabal, Kafka und Bernhard sind seine Vorfahren. Esterházy ist sein Onkel. Er ist eine der Gestalten, die wissen, dass das Scheitern unumgänglich ist, das Glas umkippt, der Gast hinfällt, die Serviette des Kellners voller Gulaschflecken ist, das Licht durch die schmierig-dunstige Fensterscheibe gerade nur eben hindurchschimmert. Er ist einer, der weiß, was für ein klapperiges Gerüst das alles hier ist, das hiesige Leben; wir sind die Bewohner des verzauberten Schlosses (!) in dem zum heutigen Tage – wie sollte es anders sein – ebenfalls geschlossenen Budapester Vergnügungspark. Das Gebäude ist das, was man in dieser Region gewohnt ist: die bittere Parodie seiner selbst. Der Parkettboden hält unter unseren Füßen nicht stand, ständig schwankt er, in den Spiegeln verzerrt sich unsere Gestalt, die Nase hängt und die Haare kleben an die Stirn, unter unserem Hintern pfeift der Wind, die Stühle springen unter uns, sich zu setzen, zur Ruhe zu kommen ist unmöglich, und bis wir endlich an den Ausgang gelangen, ist auch der ein sich waagerecht um die eigene Achse drehendes Fass; wir verlieren den Halt, fallen auf die Fresse, unvermeidlich. Um dann erneut zum Manöver anzusetzen, denn die Pfeile auf dem Schild mit der Aufschrift Exit zeigen, wie sollte es auch anders sein, zum Eingang, führen in das schäbig, klapprige, knarrende Treppenhaus zurück.

Da steht ein Typ, da geht ein Typ, da liegt ein Typ. Ein Typ schaut. Das sind die Grundperspektiven von Kereszturys Prosa, er beobachtet in kleiner Grätsche; ist noch auf den Beinen, aber ein fabrikmäßig hinfälliger Mensch, auf diese Weise spiegelt sich in seinem Blick nicht nur das, was er um sich und in sich sieht, sondern vor allem das Mitgefühl. Das Mitgefühl mit den Bewohnern dieses Landes, deren Brustkorb eingefallen ist, der Rücken gebeugt, deren Gelenke knarren, die ihr Leben auf den Schultern schleppen, das ihnen der Gott der Ungarn nicht gerade mit Frohsinn und im Überfluss auferlegt hat. Sie sind die Untermieter des verzauberten, wenngleich keineswegs zauberhaften Schlosses.

Bei alldem dürfen wir nicht vergessen, dass in den Texten Kereszturys zuweilen auch die Hoffnung aufscheint, selbst wenn es sich dabei nur um die Chance des Wettläufers um den Trostpreis im Hoffnungslauf handelt, die Hoffnung, dass es einen Sinn gibt, dem Ganzen eine gewisse Freude abzugewinnen ist. Dazu ist die versöhnliche Hinwendung des Autors jedoch unerlässlich, die er jedem entgegenbringt, der plötzlich außer Puste ist, die Hände erhebt, ein wenig protestiert, dann umkippt, hinfällt, sich auf der Erde ausstreckt, aus der er wurde.
„Es ist da, ich sehe es, zwei Kilo Roggenmisch, dann riskiere ich bald eine neue Überquerung, und führe sie womöglich auch durch. Danach wird es noch besser, das wird eine Freude: Dann esse ich Brot.“ Sich mit wenig zufriedenzugeben, das ist nicht das, was den Leser erwartet, aber diese winzigen Zündflammen zu schätzen, das kann er von Keresztury lernen.

Aus dem Ungarischen von Eva Zador