Ausschank vorrübergehend geschlossen

 

Am Busbahnhof wurde dieser Tage ein Roma geschnappt. Man konnte nicht wissen, was er getan oder verbrochen hatte, niemand ahnte, warum er geschnappt werden musste, doch kann beim Hören dieser guten Nachricht durchaus von einer allgemeinen Zufriedenheit gesprochen werden. Sie haben den Zigeuner geschnappt, Gott sei Dank – feierte das Kneipenpublikum –, wenigstens haben wir mit dem auch keinen Ärger mehr. Und die Leute tranken friedlich weiter, dort, auf der Basis der in der heutigen ungarischen Sprache derart gängigen, bis zum Ekel und zur Langeweile bekannten Argumente, dass die nämlich nicht arbeiten, Parasiten sind, Schmarotzer am Körper der Gesellschaft, und sich Tag für Tag mit nichts anderem beschäftigen, als zu klauen und auf die Sozialhilfe zu warten. Am lautesten feierte ein äußert betrunkener Herr mit ausgeschlagenen Zähnen und zerbrochener Brille in seiner mit einer Kordel zusammengehaltenen, vollgekotzten Trainingshose: in größter Euphorie kippte er sich den Obstler hinunter und wollte auch schon den nächsten bestellen, wenn nicht der Zapfer das Objekt seines Glückszustands gerade draußen auf der Straße festgehalten hätte.

Diese Tatsache nämlich – dass momentan aufgrund der Ereignisse der Ausschank vorübergehend geschlossen war – gelangte nur recht langsam in das Bewusstsein, doch als sich diese Tatsache festsetzte, verursachte sie in der Kneipe einen ernst zu nehmenden Schrecken. Es wurde still, verständnislose, verwirrte Verblüffung, die Leute sahen einander fragend an, was in dieser dramatischen Situation jetzt wohl passieren würde. Unser soeben vorgestellter Held, der vor einigen Minuten in seiner Freude noch ausgelassen herumgegrölt hatte, dass man endlichen diesen Kerl geschnappt habe, der so seine verdiente Strafe bekommen würde und ihm, denke ich, bislang so viel Schmerz und Leid zugefügt hatte, konnte zum Beispiel nur recht schwer verdauen, dass man nicht gleichzeitig dort draußen auf der Straße den Zigeuner festhalten und ihm hier drinnen den nächsten Schnaps ausschenken konnte, dass die gleichzeitige Absolvierung dieser beiden Aufgaben – auch wenn wir es mit dem bestausgebildeten und vielseitigsten Zapfer auf der ganzen Welt zu tun haben – technisch einfach an die Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit stößt. Und in ähnlicher Weise begann sich der Volkswille ganz allmählich aufzulockern, der da hieß, dass man ihn töten solle, oder wenigstens kastrieren, dem Kerl die Eier abschneiden, der – wir wissen nicht was, aber etwas ganz bestimmt, immerhin ist er Zigeuner – verbrochen hat, solange bis die Polizei kommt, denn bis dahin hatte sich in dieser Frage eine starke Einheitsfront, ein allgemeines Einverständnis gezeigt. Einander übertönend schmetterten sie die zur Blutrünstigkeit ermächtigenden Geschichten, wie die da vom Huhn bis zur Hacke, von der Melone bis zur Egge alles vom Hof geklaut hätten; so sind die eben, was sollen wir machen, nickten die Köpfe, aber wenigstens ist dieses eine Exemplar dort draußen geschnappt worden und kommt bestimmt in den Knast. Ja aber, fragte eine bis dahin schweigende uralte Oma ängstlich, gerade nur hörbar, und doch ungeduldig, wer schenkt mir dann jetzt endlich einen halben Sherry ein? Was zum Teufel wird jetzt, trommelte sie mit den Fingern auf dem Tresen. Mein Bus fährt gleich.

Das war das Kommando, wie in einem Bienenstock erwachte die Kneipe zu Leben, denn man sah endgültig ein: Das war wohl doch kein haltbarer Zustand, dass der Chef diesen Kerl da draußen schon seit fünf Minuten so löblich festhielt. Leute, sprang ein Busfahrer auf, der seinen Dienst gerade beendet hatte, die Gerechtigkeit ist eine feine Sache, aber wir sterben hier dabei vor Durst wie die Wanderer in der Sahara. Auf diese Worte folgte nicht nur kein Einwand, vielmehr sank die Bereitschaft der Kneipe bei ihrer Suche nach der Gerechtigkeit geradewegs auf null: dem Publikum war der Geduldsfaden gerissen, der eine forderte einen Halben, der andere ein Bier, und dies immer vehementer, immer aufgebrachter. Wo bleibt denn die Polizeistreife – murrten sie zunehmend lauter, bis jemand ängstlich einwarf, vielleicht, eventuell sollte der Chef ihn einfach loslassen. Wir wissen sowieso nicht, was er gemacht hat. Aber das ist doch ein Zigeuner – erinnerte ein Herr in Anzug, allerdings wirkte dieses Argument, das sich vor zwanzig Minuten noch als so überzeugend erwiesen hatte, überhaupt nicht mehr. Statt eines Standgerichts, eines sofortigen Femegerichts wollten die Menschen nur noch trinken.

So besiegte in Debrecen der Durst das Vorurteil und die nach Rache schreiende Empörung.

Aus dem Ungarischen von Eva Zador