Miklós Radnóti: Siebte Ekloge

Siehst du, es kommt das Dunkel und legt sich auf Draht und Baracken,
schwebend und leise verschlingt es den Zaun mit den Eichen am Rande.
Langsam entlässt unser Auge den Anblick der Drähte der Knechtschaft,
aber da bleibt das Bewusstsein, das Wissen um tödliche Drohung.
So nur vermag sich die Vorstellungskraft zu befreien, der Schlaf
rettet die schwachen Körper und schafft uns innere Freiheit,
Liebste, das Lager vergisst seine Schwere und sucht nach dem Heimweg.

Schnarchend liegen sie da, lumpig und kahl, doch sie träumen,
weg von dem serbischen Gipfel, sie fliegen in schützende Hände.
Schützende Heimat, ach gibt es dich noch? Den verlorenen Raum?
Bist du von Bomben zerstört? Oder atmet der Ort meines Lebens?
Wird er es schaffen, der Mann neben mir, und was wird aus diesem?
Sag, gibt es überhaupt Heimat, die solch eine Dichtung versteht?

Vorsichtig schreibe ich hier, mit den Fingern die Zeilen ertastend,
schreibe in Dämmerung so, wie ich im Dunkel hier lebe,
blind wie die Raupe beschleicht meine Hand das Papier;
Licht und die Bücher, das alles haben die Wächter genommen,
Briefe im Lager, sie dringen nicht durch, nur Nebel und Regen.

Folter und Schrecken beherrschen den Alltag hier in den Bergen,
traurige Juden, Franzosen, rebellische Serben im Elend,
Körper, geschunden und fiebrig, sie alle verbindet ein Leben,
warten auf Rettung, auf tröstende Frauen, auf zärtliche Worte.
Wunder, im Nebel verborgen, versprechen endlich ein Ende.

Tier unter tierischen Quälern, so liege ich auf meiner Pritsche,
Läuse vermehren sich rasch, doch die Fliegen beruhigen sich endlich.
Abend, und wieder verkürzt sich Gefangenschaft wie auch das Leben,
Ruhe und Schlaf im Lager, die Drähte funkeln im Mondlicht,
tödliche Drähte in friedlich beleuchteter Landschaft am Abend.
Blick ich hinaus, dann seh ich die Schatten bewaffneter Wächter,
dort an der Wand schreiten sie, ich höre die Stimmen der Nacht.

Ruhe und Schlaf im Lager, siehst  du die huschenden Träume,
Liebste, jetzt schreckt einer auf und dreht sich zur anderen Seite,
fällt in den Schlaf zurück, nur ich kann die Augen nicht schließen,
statt deiner Küsse im Mund Nikotin vom Rest einer Kippe,
finden kann ich ihn nicht, den heilenden Traum, der mir hülfe,
sterben und leben, Geliebte, nichts kann ich mehr ohne dich.

Aus dem Ungarischen von Wilhelm Droste