István Örkény und Flóra Gönczi

von Krisztián Nyáry

Der 28-jährige István Örkény, Sanitätsoffizier der Ungarischen Königlichen Armee, beschloss, seine 23-jährige Gattin und ihren Liebhaber zu ermorden. Er hastete nach oben in die Wohnung des 32-jährigen György Pálóczi Horváth, wo sich dieser und Frau Flóra Örkény-Gönczi aufhielten. „Jetzt seid ihr tot!“, schrie er bedrohlich, nestelte an seiner Pistolentasche herum und zog eine Schachtel Streichkäseecken hervor. Der Doppelmord blieb aus und am Ende dieser Einminutenszene steckte Örkény den Käse in die Pistolentasche zurück, trollte sich gebrochen vom Tatort und reiste noch am gleichen Tag zurück zu seiner Kompanie nach Siebenbürgen. 

Bis dahin hatte ihn das Glück auf Händen getragen, ihm ward sozusagen alles in den Schoß gefallen. Der Schriftsteller, der Pharmazie studiert hatte, war in literarischen Kreisen als eine Art begabter, vornehmer Amateur bekannt. Der Sohn einer wohlhabenden Bürgerfamilie galt unter den Schriftstellern der Zeitschrift Szép Szó als zu alt und fiel auch dadurch aus der Reihe, dass er sich erlauben konnte, jahrelang herumzureisen und sich schließlich, um einen zweiten Abschluss zu machen, an der Technischen Universität einschrieb. Im Jahr 1936, mit 24 Jahren, lernte er die Freundin seiner kleinen Schwester, die 19-jährige Flóra Gönczi, kennen. Das auffallend schöne Mädchen stammte aus einer alten adeligen Gutsbesitzerfamilie und der lebensfrohe junge Mann gefiel ihm sofort. Auch dass die Örkénys jüdischer Abstammung waren, interessierte sie nicht, das war auch in der katholischen Apothekerfamilie mit Ungarnbewusstsein kein zentrales Thema. Die beiden verliebten sich innerhalb von ein paar Tagen ineinander und bald schon planten sie ihre Hochzeit. Örkény störte es, dass sie gerade zu jenem Zeitpunkt von seinen Eltern als Hochzeitsgeschenk eine eingerichtete großbürgerliche Wohnung mit Dienstmädchen erhielten, als Attila József als Redakteur seine erste in der Zeitschrift Szép Szó erschienene Novelle bloß mit einer Portion Liptaueraufstrich honorieren konnte. Er genierte sich, weil seine Freunde, die ihm als Schriftsteller Vorbild waren, jeden Heller drei Mal umdrehen mussten.

Er und seine Frau kannten Entbehrungen nur von ihren Reisen nach London oder Paris, wenn sie wegen der strenger werdenden Devisenregelungen von zuhause keine Apanage erhalten konnten. Dann fuhren sie mitunter heim, um ihr Portemonnaie wieder aufzufüllen. Örkény erinnerte sich in einer späteren Novelle an eine der Reisen, als sie Zeit in einem der damals beliebtesten Schiorte Europas verbrachten. Die hübsche junge Frau stellte das Leben des Urlaubsorts auf den Kopf: Vom italienischen Thronfolger, über den Schilehrer bis zum Schweizer Millionär wollten alle mit ihr etwas anfangen, doch Flóra bemerkte die Männer, die ihr nachhechelten und von denen einer sogar einen Rosenstrauß in das Apartment des Ehepaars schicken ließ, überhaupt nicht. Als ihr Gatte sie darauf aufmerksam machte, dass ihre Schönheit auch auf andere wirke, war die Gattin beleidigt. „Wir hatten dann beide schlechte Laune und sprachen bis zum Abend kaum ein Wort, doch beim Nachtmahl söhnten wir uns aus, weil ich Rotwein bringen ließ und wir beide uns beschwipsten. Danach schlug meine Frau vor, dass wir nicht mit dem Lift hinauffahren, sondern zu Fuß gehen, weil sie mich auf jeder siebten Stufe küssen wolle. Wir gingen viele Stufen nach oben und waren dann mit dem Küssen so in Fahrt, dass wir uns ein Stockwerk nach oben verirrten und schließlich küssend wieder ins Erdgeschoß gingen.“

Die ungetrübte Liebesidylle erfuhr für Örkény aber jähes Ende. „Ein Jahr später hat sie mich ohne viele Worte verlassen, sie schickte mir nur einen kurzen Brief nach Siebenbürgen, wo ich als Soldat diente. „Bitte, stimme der Scheidung zu, weil ich ohne ihn nicht leben kann.“ Sie hatte vergessen zu schreiben, ohne wen sie nicht leben könne, außerdem war keine Marke auf dem Brief und der Umschlag war nicht verklebt.“ Bald stellt sich aber heraus, dass ihr Liebhaber niemand anderer war als der Journalist György Pálóczi-Horváth. Das Ehepaar Pálóczi hatte sich mit den Örkénys regelmäßig getroffen, die Gattinnen waren seit ihrer Kindheit beste Freundinnen gewesen und sie unternahmen vieles gemeinsam. Pálóczi war mehr als ein herumschreibender reicher Gentleman. Er galt als Vertrauter von Ministerpräsident Pál Teleki und war der Außenpolitikredakteur des Regierungsblattes Magyarország. Außerdem war er ein wichtiger ungarischer Verbindungsmann des britischen Geheimdienstes und bereitete den Kriegsausstieg vor. Er arbeitete mit einem englischen Spion zusammen, der sich als Korrespondent namens Davidson ausgab und zur Ausführung ihrer Pläne benötigten sie wahrscheinlich auch eine hübsche junge Frau, die über jeden Verdacht erhaben war. Wir wissen nicht, ob die aufregende Arbeitsbeziehung zur Liebe führte oder umgekehrt. Flóra wurde auf jeden Fall angeheuert und verliebte sich genau so unsterblich in Pálóczi wie vier Jahre zuvor in ihren Ehemann.

Örkény war damals als Pharmazeut und Chemiestudent mehrere Male als Reserveoffizier zur zentralen Sanitätskompanie einberufen worden. Im Sommer 1940 war er im wieder an Ungarn angeschlossenen nördlichen Siebenbürgen im Dienst, als ihn das Telegramm von seiner Ehefrau erreichte. Er erhielt einen einzigen Tag Ausgang, mit einem Postflieger kam er nach Budapest. Von seiner Cousine Ágnes erfuhr er, dass seine Frau ihn wegen einem seiner besten Freunde verlassen wolle. „Ich bring sie um, schrie ich, mit dieser Pistole! – In Ordnung, sagte meine Cousine, aber vorher geh dich waschen. Ich brachte mich in Ordnung, dann sagte sie mir, wo die beiden sind und ich eilte hin.“ Dem folgte die peinliche Szene mit den Streichkäseecken. Die vorausblickende Cousine hatte nämlich, während Örkény im Badezimmer gewesen war, die Pistole aus der Tasche genommen und stattdessen die Streichkäseecken hineingesteckt.

Das Ehepaar einigte sich wie auch die Pálóczis rasch über die Scheidung. Die Liebe zwischen Flóra Gönczi und ihrem Liebhaber dauerte aber schließlich nicht lange, der Mann geriet unter Verdacht, musste mit einem falschen kanadischen Pass aus dem Land flüchten und kehrte erst viele Jahre später zurück. Nicht viel später wurde Örkény wieder einberufen, doch erst in der Garnison erfuhr er, dass ihn sein Vaterland nicht mehr als Offizier benötigte, sondern er zum jüdischen Arbeitsdienst eingezogen worden war. Die folgende Blutorgie des Krieges und die Kriegsgefangenschaft bedeutenden für ihn grundsätzliche schriftstellerische Erfahrung. Nach dem Krieg heiratete er wieder, pflegte jedoch weiterhin ein gutes Verhältnis zu seiner ersten Ehefrau. Mit György Pálóczi-Horváth redete er aber kein einziges Wort mehr. Der damalige Verführer war, nachdem er unter Rákosi im Gefängnis gesessen war, 1956 nach England geflohen, wo er mit György Faludy die Zeitschrift Irodalmi Újság redigierte. Örkény erfuhr wahrscheinlich nie, dass nicht nur eine Liebesromanze, sondern auch eine Spionagegeschichte durch die groteske Pistolenszene fast ein Ende gefunden hätte.

 Aus dem Ungarischen von Clemens Prinz

 

István Örkény in deutscher Sprache – eine Auswahl:

Minutennovellen – Ausgew. und übers. von Terézia Mora, mit einem Nachwort von György Konrád, Suhrkamp, Berlin 2011.

Das Lagervolk – übers. von Laszlo Kornitzer, mit einem Nachwort von Imre Kertész. Suhrkamp, Berlin 2010.

Katzen-Spiel – Roman, übers. von Vera Thies, Verlag Volk u. Welt, Berlin 1989.

Gedanken im Keller: Mini-Novellen – übers. von Vera Thies, Eulenspiegel Verlag, Berlin 1984.

Pischti im Blutgewitter: groteskes Spiel in 2 Akten – übers. von Paul Kárpáti, Henschel-Verlag Kunst u. Gesellschaft, Berlin 1983.

Interview mit einem Toten – Roman, übers. von Hildegard Grosche, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1982.

Rosenausstellung – 2 Romane, übers. von Vera Thies, Nachdichtungen von Paul Kárpáti, Verlag Volk und Welt, Berlin 1980.

Pischti im Blutgewitter: eine Groteske in 2 Teilen – übers. von Erika Bollweg, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1979.

Schlüsselsucher: ein Stück in 2 Teilen – übers. von Erika Bollweg, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1977.

Der letzte Zug – Erzählungen, übers. von Vera Thies, Verlag Volk und Welt, Berlin 1976.

Familie Tót / Katzenspiel – 2 Stücke, übers. von Barbara Frischmuth und Vera Thies, Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin 1975.

Eheleute – übers. von Bruno Heilig, Tribüne, Berlin 1954.