György Faludy war einer der letzten Großen der ungarischen  Zwischenkriegsliteratur, einer, der Kosztolányi, Attila József, Karinthy persönlich gekannt hatte. Er bereiste ganz Europa, studierte in Wien, Graz, Berlin (wo er Einstein kennenlernte). Seiner jüdischen Abstammung wegen ging er 1938 nach Paris, dann in die USA. 1946 kehrte er nach Ungarn zurück, wo er bald von den Kommunisten verfolgt und für drei Jahre interniert wurde. 1956 flüchtete er, ließ sich in London nieder, ging dann nach Kanada. Erst 1989 kehrte er erneut nach Ungarn zurück.
Faludy ist besonders für seine Übersetzungen und Bearbeitungen bekannt (Villon, Pantagruel, antike Literatur) und sein dichterisches Schaffen. Heuer wäre er 103 Jahre alt geworden.

György Faludy: Der Ungarische Globus

Ich wusste, dass sich für so altmodische Kennenlernreisen der europäischen Länder das 1938er Jahr und die nachfolgenden kaum eignen und meine finanziellen Mittel solcherlei ohnehin nicht zulassen würden. Ich konnte mich, wenn ich schon emigrieren musste, damit trösten, dass ich eine Reise machen würde, nach der ich mich im Geheimen so oft gesehnt hatte. Ja, ich kannte Paris, wenn auch die Pariser nicht. Ich wusste, dass es Krieg geben würde. Und obwohl ich mich darauf vorbreitete, dass vor dem Krieg Paris mein Wohnort sein würde, ich während des Krieges mit der französischen Armee herumzöge, ahnte ich irgendwie: All das ist weit nicht so einfach und meine Emigration würde wohl auch nicht an den Ufern der Seine enden. Ich wusste schon, echte Emigration ist stets eine erzwungene Flucht. Dazu braucht es kein Geld. Zu Fuß oder auf dem Dach eines Zuges, auf einem Pferdewagen oder tief im Bauch eines Schiffes, aber wenigstens umsonst.Der fünfte Grund für meine Emigration ist das Reziproke des vorherigen und ergibt sich automatisch aus diesem. Gegensätzliche Kräfte zerrten an mir, ich wurde von Ungarn angezogen und abgestoßen. Ich wollte bis zum meinem Tod in Budapest leben und war glücklich, dass ich von dort fort kam; es war für mich ganz natürlich, dass ich als Ungar geboren war, ich war stolz darauf und gleichzeitig verfluchte ich meine Herkunft. Hier denke ich an viel gewichtigere als die politischen Gründe. Daran, was Endre Ady als ungarische Brache bezeichnet hatte, und all sein Zubehör bzw. an den chronischen ungarischen Provinzialismus. Dieser wurde nicht von Ady entdeckt: Neben einigen unserer Dichter wussten auch István Széchenyi, József Eötvös, Zsigmond Kemény, László Szalay, Oszkár Jászi, Rusztem Vámbéry und andere, was für ein Schicksalsschlag dieser Provinzialismus war. Antal Szerb nannte ihn in der ihm eigenen Sanftheit „ungarischer Finitismus“. Darunter verstand er, dass wir die wesentlichen Fragen nicht gerne stellen, und unsere Antworten nicht im Vorhinein durchdenken.Im 19. und in den ersten vier Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts war das Grundelement der ernsthafteren Konversation Tratsch und Anekdote. Wenn es dazu kam, rückten alle ihre Stühle näher und waren ganz Ohr. Warf jemand philosophische oder ethische Fragen auf, begannen die Zuhörer sich nach und zu entfernen. Unser Ungarischsein, unsere Geschichte, ja die Kritik am menschlichen Sein wurde gleich als Landesverrat gesehen. Als ich mich nach Weihnachten des Jahres 1938 in den Zug nach Paris setze, wiegte sich die ungarische Öffentlichkeit nicht nur im Traum, Ungarn wäre eine Großmacht, sondern sie war sich dessen sicher. Keiner nahm zur Kenntnis, dass unsere „Große Nation“ 413 Jahre zuvor bei Mohács ihr Ende gefunden hatte, wie Károly Kisfaludy in seinem besten Gedicht das so unmissverständlich niedergeschrieben hatte.Der Ausdruck „Ungarischer Globus“ verdeutlicht diesen Provinzialismus wohl am besten: Unser Horizont reichte nur bis an die ungarische Grenze und nicht weiter. Diese Weltsicht äußert sich in jedem kleinen Detail des ungarischen Lebens, auch in der Literatur. Ich war immer verzweifelt, warum man denn die besten Sprossen unserer Literatur nicht ins Englische, Französische, Deutsche, Italienische übersetzte, und wenn doch, warum man sie nicht würdigte. All das führte ich auf die Gleichgültigkeit des Westens zurück und darauf, dass unsere Sprache der indoeuropäischen Sprachfamilie so fern ist. Erst in den fünf Jahren, die ich an ausländischen Universitäten verbrachte, verstand ich langsam, dass mein Denken von der ungarischen Umgebung und Erziehung geprägt war. Erst da merkte ich, dass mein Liebling und Meister der Sprachschönheit, Toldi von Arany auch in der bestmöglichen Übersetzung nur ein verspätetes Epos über einen starken und dummen Menschen ist, dessen Schicksal im Westen des 20. Jahrhunderts niemanden interessierte, oder ein anderes Lieblingsgedicht von mir – Sándor Petőfis „Szeptember végén“ – für den westlichen Leser höchstens ein sentimentaler Schmus von einem Toten ist, der aus dem Grab steigt, um sich den Schleier zu holen, den seine Witwe an sein Grabkreuz gehängt hat.Ich ahnte, dass ich noch weiter gehen müsste. Mir tat immer irgendwie weh, dass ich im Westen ständig mit Erfolgen von Franz Molnár, der die Bühnentechniken großartig einsetzte, davon abgesehen aber leichte und oberflächliche Stücke schrieb, konfrontiert wurde, unsere wirklich großen Schriftsteller aber niemand kannte. Irgendwie spürte ich schon den Grund dafür – Franz Molnár ist zwar nicht viel wert, aber er ist nicht provinziell, während der Großteil unserer Genies sich nur auf dem „ungarischen Globus“ und nicht innerhalb der Grenzen Europas bewegt, also provinziell ist. Der ausländische Leser muss die ungarische Geschichte kennen und die ungarischen Verhältnisse, um ihre Werke genießen zu können. Ich hielt das für ganz natürlich, bis einige ausländische Freunde mich aufklärten: Um Richard III. zu verstehen, muss man sich in der englischen Geschichte nicht auskennen und bei Krieg und Frieden muss man nichts über die Napoleonischen Kriege wissen. Die Tragödie des Menschen ist eine Ausnahme; doch die meisten Gedichte von Petőfi, Jókai, Mikszáth, ja der Großteil von Zsigmond Móriczens Büchern – z. B. gerade sein Buch „Siebenbürgen“ – ist, ohne die ungarischen Verhältnisse und die ungarische Geschichte gründlich zu kennen, unverständlich. Wenn vielleicht auch ungewollt, wurden all diese Werke für den Inlandsgebrauch gemacht. Den Vers von Verlaine: „Dans l’interminable/ Ennui de la plaine/ La neige incertaine/ Luit comme du sable” – kann man in jede Sprache übersetzen, diese Zeile: „Ég a napmelegtől a kopár szík sarja”, in keine andere Sprache der Welt.Mit Dezső Kosztolányi, Attila József und Frigyes Karinthy waren rasch nacheinander jene drei Autoren gestorben, die ich am meisten schätzte, doch ich fühlte – wie andere auch –, dass mit ihrem Tod ein Zeitalter zu Ende ging und von der unmittelbaren Zukunft nicht viel Gutes zu erwarten war. Schon deshalb nicht, weil plötzlich der Kampf der volkstümlichen und urbanen Schriftsteller an der Tagesordnung war, etwas, was ich schon immer ungarische Schizophrenie nannte, und wovon ich mich so fern zu halten versuchte, wie nur irgend möglich. Und wenn ich an die Worte des englischen Abgeordneten dachte, plagte mich das schlechte Gewissen nicht mehr wie früher: dass ich vor einem Kampf davonlaufen würde. Ich floh von einem Schlachtfeld, auf dem meine Gegner bis über die Zähne bewaffnet aufmarschierten, mir aber keine einzige Waffe geblieben war. Ich will ja nur lernen, tröstete ich mich, und dann, eines Tages, mit mehr Wissen in ein neues, besseres Ungarn zurückkehren.

Aus György Faludy: Pokolbéli víg napjaim (Meine heiteren Tage in der Hölle)

 Aus dem Ungarischen von Clemens Prinz