Der Spendenshop
Berliner Notizen von Zoltán Sebők

Als der deutsche Philosoph Hannes Böhringer in einer längeren Privatunterhaltung vor anderthalb Jahrzehnten sagte, er wisse genau, wer aus dem westlichen Teil Deutschlands stamme und wer aus dem östlichen, dachte ich ehrlich gesagt, er mache Späße oder übertreibe zumindest in essayistischem Sinne. Ich erinnere mich, dass es mir damals nicht gelang dahinter zu kommen, worin dieser Unterschied fassbar ist, der ihm derart offensichtlich schien, da er bald darauf noch eine Bemerkung machte, die mich dort und damals noch eher vor den Kopf stieß: Er bemerkte, das Friedrich Nietzsches legendär berühmtes Werk Also sprach Zarathustra, das mein Freund, ein Berliner Maler, gerade heute für zwei Euro auf dem Flohmarkt gekauft hat, oller Kitsch sei. Kurz nacheinander mit zwei derart unerwarteten Bemerkungen konfrontiert zu werden, ist keine einfache Sache. Ich musste plötzlich entscheiden, bei welcher Bemerkung ich nachhaken sollte, und da entschied ich mich – vielleicht aus Gründen der Bequemlichkeit – für die auf Nietzsche bezogene, selbst wenn mich solche Pauschalurteile ausgesprochen irritieren. Hannes’ fachgemäße und emphatische Argumentation hinterließ in mir jedoch so tiefe Spuren, dass mein erster unausgesprochener Gedanke war, als mein Freund mir mit seiner neuen Errungenschaft stolz entgegenwinkte: Was will denn dieser ordentliche Junge mit diesem kitschverdächtigen Geschreibsel?

Die andere schockierende Bemerkung Böhringers blieb jedoch unerklärt und begleitete mich auf meine jetzige Reise nach Berlin höchstens in der Form, dass sie, selbst wenn einst etwas Wahres dran gewesen sein mochte, heute – nahezu ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung! – schon sicher jeglichen Sinnes entbehren würde. Umso mehr überraschte mich, als eine nette Bekannte aus Potsdam, ein vornehme deutsche Kuratorin, vor einigen Tagen bei einer ebenfalls langen Unterhaltung die einstige Bemerkung von Hannes beinahe Wort für Wort wiederholte und feststellte, dass sich dies „natürlich“ auch auf die Grundschulkinder beziehe. Dieses Mal war ich aber ganz bei der Sache, ich ließ mich nicht ablenken und fragte entschieden nach, worin sich ihrer Meinung nach dieser Unterschied zeige. Während die Dame mehrmals vehement zur Antwort ansetzte, dachte ich daran, in welch höllisch schwerer Lage ich wäre, wenn ein Besucher aus der Ferne nachfragen würde, was eigentlich der Unterschied zwischen den Ungarn und den Slowaken oder den Serben und den Kroaten sei. Auf Ersteres könnte die schnelle Antwort der sprachliche Unterschied sein (aber dann wäre man schon in der Bredouille), auf Letzteres selbst das nicht mehr, höchstens die gewissermaßen abweichende religiöse Zugehörigkeit, der man gezwungenermaßen zwar einen Unterschied zuschreiben kann, doch ist das in einer sich zunehmend säkularisierenden Welt nicht unbedingt lohnenswert. Trotz allem zeigt die Erfahrung, dass ernsthafte Konflikte im Allgemeinen nicht durch die mit bloßem Auge sichtbaren großen Konflikte generiert werden, sondern durch derart winzige, die der äußere Betrachter nicht in der Lage ist wahrzunehmen. Geduldig wartete ich also auf die Antwort der freundlichen Dame aus Potsdam, beobachtete ihre aufgeweckt blitzenden schönen braunen Augen, wie sie versuchen, konkrete, erlebte Erinnerungsbilder, in starker Beleuchtung immer wieder aufs Neue zu einzufangen, aber es kamen nur Angaben und Einzelfälle ans Tageslicht. Ich erfuhr, dass ungefähr die Hälfte der Bewohner Potsdams Ostdeutsche sind, die andere Hälfte hingegen Westdeutsche, hörte mir erschütternde und amüsante Geschichten von Familien an, ja sogar von einem Zwillingspaar, dessen eine Hälfte im Sozialismus, die andere Hälfte hingegen im Kapitalismus sozialisiert wurde. Doch auf meine Frage, worin sich der Unterschied tatsächlich äußere, erhielt ich mangels eines Besseren immer wieder nur die Antwort, das könne man eben sofort spüren. Gleichzeitig fügte sie aber hinzu, dass diese allen bekannte und von allen anerkannte Unterscheidung nur in den seltensten Fällen Ursprung für einen Konflikt sei.

Ich muss gestehen, ich war nicht bloß von selbstlosem Interesse geleitet, als ich meine Potsdamer Bekannte dazu ermunterte, diese unsichtbaren Unterschiede festzumachen. Ich suchte auch nach einem Anhaltspunkt für die Beantwortung meiner alten Frage, warum ich mich als Ungar aus Ex-Jugoslawien manchmal so unglaublich fremd im sogenannten Mutterland fühle und warum ich nichts Ähnliches spüre, wenn ich in ein scheinbar vollkommen anderes Umfeld gelange: wenn ich aus Budapest in eine westliche Großstadt komme, zum Beispiel gerade nach Berlin.

Ich weiß, diese Fragen sind zu komplex, um sie mit einigen Zeilen beantworten zu können, doch der Zufall wollte es so, dass ich dieser Tage ein wichtiges Moment zu ihrer Beleuchtung erhielt. Da ich mich schon seit Jahren mit der Theorie des Schenkens beziehungsweise des symbolischen Tausches beschäftige, worüber ich gerade ein Buch schreibe, richtete ich auch in Berlin besondere Aufmerksamkeit auf die verschiedenen, vor allem von religiösen Institutionen eingerichteten Spendenshops. Ich suchte mehrere von ihnen auf, beobachtete die Verhältnisse, das Verhalten von Spendern und Käufern, ja, kaufte sogar selbst einige Kleinigkeiten. Doch entscheidend und grundlegend bewegt mich eine allgemeine Frage: Inwiefern ist die kapitalistische Marktwirtschaft funktionsfähig, wenn wir – wie es in den modernen Wirtschaftstheorien üblich ist – jedes „fremde“, nicht wirtschaftliche Element jenseits des Marktes ausmerzen? Ist so etwas in der Praxis überhaupt vorstellbar?

Es ist zu beobachten, dass die westlichen Diskussionen und innerhalb dieser ein bedeutender Teil der deutschen intellektuellen Diskussionen immer wieder auf die Frage zurückkommen, wie man aus dem Käfig der „alles“ in sich verschließenden Marktwirtschaft ausbrechen könnte. Demgegenüber ist meine Frage eher die, und darüber kann ich bei meinen Spaziergängen durch die breiten Berliner Straßen lange sinnieren, was alles wohl NICHT das von den gewissen Intellektuellen erwähnte „alles“ ist. Ist es wohl kapitalistisch und marktorientiert, wenn die Kinder selbstvergessen auf dem Spielplatz spielen, etwas weiter entfernt Rentner beim Schach sitzen, der türkische Ladenbesitzer sein Geschäft mit den Worten schließt, er ziehe sich jetzt zum Gebet zurück, ein junger Mann mit einem Rosenstrauß zu seiner Liebsten eilt – und ich schlendere dahin und beobachte all das. Was ist an alldem kapitalistisch? Und was ist daran marktorientiert?

Unter diesem Gesichtspunkt interessiert mich das Schenken und dessen Zwilling, das Spenden, schon seit langem. Ist streng wirtschaftlich betrachtet, da in der strengen Ökonomie jedes „fremde“ Element ausgeschlossen werden muss, eine unsinnigere Entscheidung überhaupt vorstellbar, als einem anderen etwas ohne die Hoffnung auf jegliche Gegenleistung zu geben? Das Geschenk ist deshalb eine komplizierte Frage, weil ungeschriebene Konventionen den Beschenkten zur Erwiderung des Geschenkes „verpflichten“, im Fall der Spenden ist meist jedoch nicht einmal davon die Rede: Auf die Art des tüchtigen Kapitalisten könnte ich diese gewisse Sache verkaufen, entscheide mich aber lieber für die Attitüde des dummen Kapitalisten oder offenen Antikapitalisten und gebe sie einem Spendenshop. Eine Gegenleistung erhalte ich dafür nicht, wenn denn nicht der Dank beziehungsweise das Wissen darum, dass ich gegeben habe, nicht als eine solche zu betrachten ist. Im Spendenshop bringen die ehrenamtlichen Mitarbeiter die erhaltenen Sachen in Ordnung, verkaufen sie für ein paar Cent und verwenden die eingenommene Summe für einen wohltätigen Zweck: zur Unterstützung von Kranken, armen Kinder, Menschen in der Dritten Welt. Und durch den Umstand, die meist kaum benutzten Artikel weit unter Preis zu verkaufen, ermöglichen sie, dass auch weniger wohlhabende Mitbürger sie erstehen können. Mit alldem zögern sie das Ziel des kapitalistischen Systems hinaus, das von Slavoj Žižek als das endgültige betrachtet wird, nämlich, dass jedes Produkt so schnell wie möglich in den Müll wandert.

Als ich in einer Budapester Institution für Kunst vor kurzem eine Vortragsreihe über das Schenken hielt, ging ich in einen dortigen neu eröffneten Spendenshop, um mir einen Eindruck zu verschaffen. Von der sympathischen Geschäftsführerin erfuhr ich unter anderem, mit welch riesigen Kraftanstrengungen sie bestehen könnten, es fehle an gesetzlicher Regulierung, aber in erster Linie an Vertrauen: Permanent bestünde vonseiten der Behörden der Verdacht, dass sowohl sie als auch die anderen drei in Budapest existierenden ähnlichen Einrichtungen sicherlich stehlen, betrügen, lügen würden. Der erwähnte Spendenshop wurde seitdem aus mir unbekannten Gründen geschlossen. Dabei verfolgten sie, wie ich erfuhr, haargenau dieselbe Strategie, mit der andere in London mehrere Tausende (!) ähnlicher Läden reibungslos betreiben. In London, und nicht in Budapest.

Der Zufall wollte es so, dass ich dieser Tage in Berlin Bekanntschaft mit einem jungen Mann machte, der aus den Vereinigten Staaten hierher übergesiedelt war und von dem sich bald herausstellte, dass er in der deutschen Führung eines internationalen Netzwerks von Spendenshops mit Sitz in Oxford arbeitet. Praktisch erzählte er mir über ihr Wirken das, was ich ohnehin schon wusste, und noch etwas, das ich mir selbst nicht hätte vorstellen können: Jeder der etwa vierzig Shops in Deutschland befindet sich im westlichen Teil des Landes. Sie hätten versucht, ihr Netz auch auf das jetzige Gebiet der ehemaligen DDR auszuweiten, denn dort gäbe es dazu sicherlich einen noch größeren Bedarf, doch sei jeder ihrer Versuche gescheitert. Jenes typisch antikapitalistische Spendenverhalten, welches in dem das Heiligtum des Privatbesitzes verkündenden ur-kapitalistischen System seine Blüte erlebt (in sozusagen allen Ländern Westeuropas), vermag in dem einstigen sozialistischen deutschen Boden selbst nahezu ein Vierteljahrhundert nach der Wende nicht einmal einen Spross zu treiben. Nach den Misserfolgen beschlossen sie, sich in den übrigen ehemaligen sozialistischen Ländern gar nicht mehr damit zu versuchen.

Der Spendenshop ist allerdings nur ein Beispiel – jedoch ein überaus anschauliches – dafür, dass der Kapitalismus sich nicht einfach so in einem Vakuum befindet und man ihn überall erfolgreich betreiben kann, sondern in gegebenem Fall auf einer ganzen Vielzahl von Schichten aufbaut, ohne die er entweder nicht funktioniert, oder das Leben darin, selbst wenn er mehr schlecht als recht funktioniert, als sinnlos zu bezeichnen ist. Denn sinnvoll kann ein wirtschaftliches System nur durch sein eigenes Gegenteil werden, durch das, was die Wirtschaftswissenschaftler versuchen, außer Acht zu lassen.

Das Gegenteil der kapitalistischen Wirtschaft ist jedoch nicht das Nichts oder der Sozialismus, sondern eine auf vollkommen anderen Prinzipien funktionierende Ökonomie, deren Schlüsselbegriff im Gegensatz zur Anhäufung der Verzicht ist, die wichtigsten Beispiele dessen sind aber jenseits des Spendenshops am ehesten an den sakralen Orten und in der sakralen Zeit zu suchen: in den feierlichen Riten, den großzügigen Gesten des Schenkens, im selbstvergessenen Spiel (inbegriffen der Liebesspiele) und teils in der Kunst. In all den Dingen also, die vollkommen antikapitalistisch sind, da sie ursprünglich und entscheidend des Nutzens entbehren. Dort, wo es einen Reichtum an solchen Nutzlosigkeiten gibt, wie beispielsweise in Berlin, ist es gut zu sein.

Aus dem Ungarischen von Eva Zador

Zoltán Sebők wurde 1958 im ehemaligen Jugoslawien geboren, wo er Literatur, Kunstgeschichte und Philosophie studierte. Nach dem Ausbruch des Krieges emigrierte er 1991 nach Ungarn und seitdem lebt und lehrt er in Budapest. Seine Artikel und Bücher verschafften ihm ein hohes Ansehen im zeitgenössischen Kunstleben Ungarns.
2008 erschien im Kadmos Verlag sein Buch "Parasitäre Kultur".