Schmerz kann auch schön sein

 

Preisträger des Stipendiums für die junge ungarische Literatur 2013 ist Dénes Krusovszky

Der Gründer des Stuttgarter Unternehmens Horváth & Partners, Professor Péter Horváth, hat ein Stipendium für die junge ungarische Literatur zur Förderung von Schriftstellern und Dichtern unter fünfunddreißig Jahren ins Leben gerufen, das 2013 nun zum ersten Mal der Lyriker, Redakteur und Literaturübersetzer Dénes Krusovszky erhalten hat. Die Auszeichnung umfasst ein Stipendium in Höhe von 6.000 Euro sowie einen einmonatigen Aufenthalt im Schloss Solitude in Stuttgart. Die Entscheidung traf ein dreiköpfiges Kuratorium bestehend aus Tibor Keresztury, Péter Esterházy und László Szilasi, die Partnerinstitutionen des Stipendiums sind die Akademie Schloss Solitude und das Online-Portal Litera.hu.
Ein Dichter hat hier die Auszeichnung erhalten „der auf außergewöhnliche Weise in der Lage ist, den Leser reflexiv schonend vom Objekt fern zu halten und ihn zugleich mit Haut und Haar einzuverleiben. Dem (…) der Mund nicht stillstehen will, obwohl er über noch so vieles zu schweigen hätte. Der sich nach einem Leben ohne Lehren sehnt, aber schon vieles von jener Leinwand weiß, die über unserem demütigenden Alltag mit unbeschreiblicher Schlichtheit schwebt, von der Einsamkeit der glänzend leeren Morgen, die uns dazu veranlassen, alles hinter uns zu lassen. Und doch gibt seine Lyrik nicht mit alldem an, was sie unter ihrer Oberfläche trägt, denn sie weiß: Schmerz kann auch schön sein, und zwischen Leidenschaft und Leid gibt es einen unmittelbaren Durchgang. So macht er sich von Gedicht zu Gedicht jedes Mal aufs Neue daran, diese ergreifende lyrische Erfahrung auf seine ganz eigene konzentriert zurückhaltende Weise zu bearbeiten und dem Leser zu überreichen.” – heißt es in der Laudatio von Tibor Keresztury.
HuBook.de gratuliert ganz herzlich!

(Bild: Gábor Valuska / Litera.hu)

Von Dénes Krusovszky ist in deutscher Sprache 2011 der Band Wie schön das Kaputtgehen ist in der Übersetzung von István Orbán erschienen. Lesen Sie hier zwei Gedichte daraus:

 

Gebrochenweiß

Denk nicht an die langen Schatten,
der Abend hat keine Farbe,
die Dämmerung verglüht nicht rot,
wie ich auch keine Ausflucht habe,
die mir aber auch nicht fehlt,
nur Wohnanlage gibt es,
Betongrautrübnis,
es ist festlich gedeckt für dich
auf dem Seziertisch.

*
Im Haus gibt’s keinen Lift,
ich hab mich aber so daran gewöhnt,
auch jetzt noch hör ich
nächtens sein Geräusch.

*
Diese Zeilen meinen’s
wirklich böse,
auch dafür fällt mir keine Ausflucht ein,
ich betrachte ein
auf eine Gabel aufgespießtes Hühnerherz,
die anderen Organe
sind noch dort auf dem Tisch,
aber das Ganze
läuft doch nicht zwischen uns.
Auf deiner Wange war ein Leberfleck,
das weiß ich ganz bestimmt.
*
So wie ein alter Teller
ist diese Liebe gebrochenweiß.

 

Hineinschauen in einen Mund

Wie viele Möglichkeiten doch in einer
einzigen Handbewegung stecken, für nichts
ist aber Zeit, fortwährend muss man antworten,
oder während des Sprechens wenigstens


hineinschauen in einen Mund und auf den
Schwall der dunklen, feuchten Wörter achten,
als ob wir gar nichts zu verlieren hätten.
Die mich gestreichelt hat, an ihrer Hand hab ich gespürt,


dass sie davor Gummihandschuhe getragen hatte,
und was ich tatsächlich sagen wollte,
das versinkt jetzt strampelnd
in einen festen Sack genäht.

 

Dénes Krusovszky: Wie schön das Kaputtgehen ist
Aus dem Ungarischen von István Orbán
merz & solitude, Stuttgart 2011