Verschiebungen

 

László DarvasiBlumenfresser, eine Rezension von Héla Hecker

Wie nennt man den Anblick des Wassers, das von Sonne und Wind bewegt wird? »Schimmern« und »glänzen« greifen zu kurz, es dürfte dafür kein einziges Wort´geben. Aber eine Beschreibung, wie diese,
„[…] der Fluss […] schien aus brennendem Honig zu bestehen […] der Wind ging und lief auf dem Wasser wie die Menschen auf der Erde, er zeichnete Rüschen und Wege auf den Rücken des Flusses, anderorts strich er ihn spiegelglatt. [Der Duft des Wassers] war ein tiefer und reicher Duft, er beunruhigte, indem er zwar Freundschaft bot, doch seine Geheimnisse nicht verriet. Im Duft des Wassers mischten sich friedliche Fäulnis, wildes und begieriges Leben und zerfließende Traurigkeit ebenso wie Hass.“
könnte der Wahrnehmung wohl nahe kommen. Wird der verspielte Fluss aber übergroß, überschreitet er seine Grenzen und vernichtet die südliche Stadt der Österreich-Ungarischen Monarchie, Szeged, durch eine Jahrhundertflut, so bleiben nur Angst übrig und Hoffnung: „Vielleicht kommt ein Moment, wo mich die Angst vergisst.“
Einen anderen Ausweg aus der Umarmung der Furcht gibt es für die Protagonisten der Blumenfresser nicht. Sie brüllen und schlagen, betrinken sich schon am Frühmorgen und gehen fremd, trotzdem lockert sich die Beklemmung nicht. Um (über)leben zu können, entsteht eine Parallelwelt, in der Schlaf und Tod ineinander fließen, eine Gegenwart möglich ist, in der ein Leben schon fünfhundert Jahre alt ist, aus Wunden Blumen herauswachsen und eine einzige Person die Weltgeschichte der Zigeuner erzählt. Die Zeit gewinnt eine Fülle, denn es gibt kein Vergessen, nur Erinnern – ganz im Sinne Hauptfigur, Klara Pelsőczy:
„Ich will mich an alles erinnern. […] Und das, woran ich mich erinnern kann, soll mir helfen! Und auch was nicht wichtig ist, soll morgen wichtig sein! Alles soll wichtig sein!“
Ihr Wunsch geht in Erfüllung. Jeder, dem sie begegnet, wird für ihr Leben bedeutsam. Es gibt kein beiläufiges Zusammentreffen, es werden überall Spuren hinterlassen, die erst in der Endkatastrophe des Hochwassers verwischen. Klara elektrisiert ihre Umgebung und lässt sich selbst aufgrund ihres durchlässigen, offenen Wesens berühren, sogar verletzen. So entsteht ein Kreis, der die Männer in ihrem Leben miteinander verbindet – diejenigen, die in sie verliebt waren, die, die ihre Liebhaber waren, ihren Vater und die mythische Figur des deutschen Doktors, Herrn Schütz. Zwar will sie sich an alles erinnern, ihre Erinnerungen können aber nur ihre Perspektive der Ereignisse wiedergeben. Daher werden Kapitel des Romans auch aus dem Blickwinkel des Ehemannes Ivan Schön und der zwei Liebhaber – (Halb)brüder von Ivan – Peter Schön und Adam Pallagi beschrieben.
Der 850 Seiten umfassende Roman von László Darvasi lässt der Erzählung Zeit. Es wird viel gewartet – auf die Freilassung von Gefangenen, auf eine Begegnung, die die Einsamkeit durchbricht, auf die Entstehung einer zusammenhängenden, großen Geschichte, auf den betrunkenen Ehemann, auf die Theiß, dass sie endlich die Dämme durchbricht, die Stadt überflutet und damit der permanenten Befürchtung ein Ende setzt. Dem Warten wird auch eine symbolische Bedeutung beigemessen, so etwa durch die Worte von Klaras Vater:
„Merk dir, das Schöne am Warten kann man lernen. Nichts gehört dir so sehr wie das, worauf du wartest. Du wartest darauf, weil du nichts damit zu schaffen hast. Es wird schön sein, darauf zu warten, wenn du ihm, einem versprochenen Ereignis oder einem Menschen, der dir fehlt, dankbar sein kannst, dass du auf ihn warten darfst. Dann verstehst du, dass auch er dein ist.“
Dieses im Warten-Geübtsein ermöglicht auch Klaras Erkenntnisse: „Von Kindheit an war sie darauf gefasst, Adam Pallagi zu erkennen, und als dieser Moment gekommen war, durchströmte eine tiefe Ruhe ihr Inneres.“
Die Zeitlücke zwischen den Ereignissen, der Fluss des Wartens, wird mit Träumen gefüllt. Mit Erzählungen über Personen, denen mythische Züge verliehen werden. Bei deren Sterben der Todesfisch erscheint, der „rot [war] wie eine Tulpe, der Tod hatte eine rote Mütze und rote Stiefel.“ Deren Gesprächspartner Bäume, Gräser und der Wind sind. Vor deren Augen der Alltag wie ein Fiebertraum vorbeizieht, der tragische und tödliche Unfall eines Sechsjährigen, dessen Tod durch die Tatsache besiegelt wird, dass „sein Mund voller Blumen, Rosenblüten und Kelchblätter [war]!“ um gleichzeitig vom einem „plötzlichen Windstoß, […] wie ein riesiges Laken“ weggefächelt zu werden. Dem Leser verschleiern diese fiebrigen Beschreibungen die Tatsachen, man ahnt nur, was geschehen sein mochte. Das Bedeutende verläuft sowieso nicht auf der Ebene der Fakten, sondern in der Auseinandersetzung mit dem Möglichen, mit den Optionen der Wahrnehmung:
„Vergiss nie: Auch wenn ich genau wüsste, wie es geschehen ist, würde ich es anders erzählen! […] Wir erzählen es immer anders.“
Mit der Technik und den Möglichkeiten des Erzählens spielt dieser Roman nicht nur auf der Ebene der Geschichte, sondern auch in der Narration. Der 1962 in Törökszentmiklós geborene ungarische Autor Darvasi hat hier eine ein knappes Jahrhundert übergreifende Geschichte im Stil vom Gabriel García Márquez geschrieben. Nicht nur der erzählte Zeitraum oder die bei Todesfällen auftauchenden Blüten sind aus Hundert Jahre Einsamkeit bekannt. Vor allem der zwischen den Fakten (wie die ungarische Revolution 1848/49) und dem Surrealen schwebende Ton, die zur Wirklichkeit gewordene Erdichtung bzw. zur Einbildung gewordene Realität erinnern an den sogenannten magischen Realismus. Ob ein Roman von 850 Seiten mit dieser Narration nicht allzu erschöpfend und verwirrend wirkt, liegt beim Leser zur Entscheidung.
Tatsache ist, dass die ursprünglich 2009 in ungarischer Sprache veröffentlichten und im August 2013 beim Suhrkamp Verlag auf Deutsch erschienenen Blumenfresser dank der Übersetzungsleistung von Heinrich Eisterer eine Nähe zum Originaltext bewahrt haben, die man sich nur wünschen kann. Durch die deutschen Sätze bleibt der ungarische Erzählstil hörbar, durch die Gedankenführung und die Entfaltung der Geschichte wird die melancholische Schönheit dieser osteuropäischen Literatur erkennbar. Sie wurde durch die gedanklich und poetisch so andere deutsche Sprache nicht verstellt oder verbogen, ist sensibel und verletzbar geblieben.
Dass diese zerbrechliche Geschichte nur durch eine Katastrophe beendet werden kann, verrät schon der Auftakt. Die spannende Frage betrifft also gar nicht das Endereignis, sondern den Weg, der dahin führt. Es ist keine gerade Strecke, kein zielgerichtetes Durchlaufen – ganz im Sinne der Protagonisten:
„Hin und wieder mache ich es schon auch zu kompliziert, sagte das Mädchen.
Imre schien es gar nicht zu hören, er starrte vor sich hin, ein leerer, durchnässter Platz lag vor ihnen.
Wir machen es alle zu kompliziert, sagte er schließlich und fügte hinzu, es ist absolut unmöglich, einfach nur zu leben, Klara.“