István Kemény: Liebe Unbekannte - eine Rezension von Karlheinz Schweitzer

Du Esel, streng dich an!
Bekannt wurde István Kemény als Dichter. Liebe Unbekannte ist sein erster Roman. Alles ist wahr, und natürlich auch dessen Gegenteil, vor allem aber alles. Diese Aussage stellt er als Motto voran, dann gießt er langsam sein Füllhorn aus und wir bekommen nach und nach Puzzleteile. Ratlos hören wir zunächst die Anekdoten aus der Lebensgeschichte seiner Familie, verwoben mit den Erläuterungen und Konklusionen des Erzählers. Manche hätten das Zeug zu Sentenzen und zeigen die Meisterschaft des Dichters. Aus den Bruchstücken der Großen Geschichte, wie er die Ereignisse nennt, die später in die Geschichtsbücher eingehen werden, erfahren wir, dass wir ins Ungarn der 70-er Jahre zurückversetzt wurden, in die Erinnerungen von Tamás Krizsán. Wir lesen von seiner Jugend, einer Generation, die sich selbst sucht, ihren Verrücktheiten, Freiheit und Liebe und der Vergangenheit. Wir erfahren auch, wie die Große Geschichte den Vertretern der alten Generation mitgespielt hat, wie und warum wer in seine Position geriet, wenigstens in Mutmaßungen des Erzählers. Narrator und Autor entstammen der gleichen Generation, sind Anfang der 60-er Jahre geboren. Das bestimmt ihren Blickwinkel. Es geht also um die Lebenserfahrungen, die Biografie der Generation die im Stillstand des Nach-56-er-Kádár-Konsens-Kommunismus aufwächst, als intellektuelle Taugenichtse, Tagediebe, die kleinen Freiheiten genießend, die großen ersehnend. Fast-Stillstand, auch die Erzählung rückt nur langsam voran, behäbig fließen all die Geschichten ineinander. Manchmal möchten wir die Puzzleteile schneller zurechtrücken. Überall präsent sind die Familienbande, die Familie als Nukleus und das Geflecht der Freundschaften, Bekanntschaften und Seilschaften. Die "Große Geschichte" gibt den Hintergrund ab, vor dem die Akteure posieren. Das Große spiegelt sich im Kleinen wider, oder umgekehrt? Nicht weit von der geografischen Mitte des Landes, die wissenschaftliche, geistige Mitte, die Bibliothek auf dem Burgberg, mit der alle irgendwie in Verbindung stehen. Aber auch die Donau, die Stadt Budapest und das winzige Nest Nyék werden mystifiziert. Die Menschen haben ihre Geheimnisse und sogar Dämonen. Krizsáns Motto lautet: 
Du Esel, streng dich an! Wir geben uns Mühe. Erst am Ende des Buches, begreifen wir dann, wer die Liebe Unbekannte ist. Hier soll es nicht verraten werden, das möge der Leser selbst entschlüsseln.

István Kemény
Liebe Unbekannte
Braumüller, 2013
Roman, 876 Seiten
28, 90 Euro