Werkstattgespräche – Timea Tankó


Dieses Interview findet im Rahmen einer Serie statt, die Werkstattgespräche heißt, und wir befinden uns hier tatsächlich in einer Werkstatt. Ich möchte dich als erstes darum bitten, über deinen Arbeitsplatz zu sprechen. Wo arbeitest du?

Timea: Ja, dieser Ort ist im Laufe der letzten Monate tatsächlich meine private Übersetzungswerkstatt geworden. Eigentlich befinden wir uns im Atelier meines Mannes. Da ich aber ziemlich viel zu tun habe, reicht die Zeit vormittags oft nicht und dann komme ich am Nachmittag oder Wochenende hierher. Das ist sehr gut. Es ist ein besonderer Raum. Um mich herum sind nichts als weiße Wände und Bilder, und ich glaube, das hat auch einen gewissen Einfluss auf die Arbeit. Jedes Buch, das ich übersetze, ist für mich mit einem bestimmten Bild verbunden. Das war schon immer so, aber seitdem ich hier arbeite, ist diese Verbindung noch viel stärker, gleichzeitig nicht mehr an ein Bild gebunden. Es ist zwar meist ein Bild, das die Grundstimmung für eine Übersetzung schafft, manchmal kommt es aber auch vor, dass dieses Bild, während ich an einem Buch arbeite, ausgestellt oder verkauft wird. Ich glaube, mein innerer Übersetzungsraumausstatter wusste von Anfang an instinktiv, dass er den Gefahren, die aus diesen Veränderungen für das zu übersetzende Buch resultieren könnten, nur vorbeugen kann, indem er mich dazu bringt, in dieser Hinsicht ein bisschen flexibler zu werden. In letzter Zeit begleiten mich also meist mehrere Bilder durch ein Buch.

Du wirst also bei der Übersetzungsarbeit von deiner Umgebung inspiriert, beeinflusst?

Timea: Ja, auf jeden Fall. Aber es sind nicht nur die Bilder, sondern auch, dass der Raum von diesen abgesehen, fast leer ist. Hier kann ich mich immer sofort aufs Übersetzen einstellen. Wahrscheinlich liegt das auch daran, dass ich vorher 20 Minuten Rad fahre. Das ist genügend Zeit, um den Kopf sich leeren zu lassen. Diese Leere des Kopfes ist wichtig, denn in den folgenden Stunden, füllt er sich ja mit so vielen Worten. Und die Leere des Raumes ist wichtig, weil er nur dadurch ein wirklich geschlossener Raum wird, einer in dem ich mit dem Text allein bin. Ich mag es auch, zu Hause zu arbeiten, aber um besonders sensible Stellen kümmere ich mich doch lieber hier.

Ich wollte dich fragen, wie es für dich ist, zweisprachig zu sein, und ob es auch irgendwelche Nachteile hat.

Timea: Grundsätzlich, also fürs Leben, hat es eher Vorteile, aber bei der Übersetzung hat es für mich eine ganze Weile tatsächlich eher Nachteile gehabt. Durch die Zweisprachigkeit stellte die Frage der Texttreue ein großes Dilemma für mich dar, ich konnte mich schwer davon lösen, was alles in dem ungarischen Text steckte. Ich glaube, das Loslösen vom Original, fällt einem tatsächlich leichter, wenn man eine Sprache später gelernt hat und vielleicht nicht immer sofort unzählige Aspekte eines Begriffs im Kopf hat.

Vielleicht ist es für dich, wenn du etwas liest, nicht mehr so eindeutig. Ich meine, vielleicht hat alles schon mehrere Bedeutungen.

Timea: Ja, man hat immer so eine riesige Wolke von Konnotationen, und anfangs fiel es mir schwer, mit dieser umzugehen, Ich dachte, alles sei so kostbar, dass man es unbedingt bewahren müsse und habe ständig um den Verlust getrauert. Heute habe ich viel mehr den deutschen Text im Blick als früher. Gleichzeitig bemerke ich aber auch eine gegenläufige Tendenz: Da ich nun viel klarer sehe, was transportierbar ist und ich außerdem über eine größere Palette an Transportmitteln verfüge, traue ich mich wieder an die zerbrechlicheren Elemente des Originaltextes und versuche, diese ins Deutsche herüberzuretten. Wahrscheinlich ist das im Grunde der ganz normale Weg, den jeder Literaturübersetzer geht. Ich habe mich damit durch die Verbundenheit mit der Ausgangssprache vielleicht nur einfach ein bisschen schwerer getan.

Du übersetzt ja hin und wieder auch ins Ungarische, aber vor diesem Gespräch hast du zu mir gesagt, dass du lieber ins Deutsche übersetzt.

Timea: Ja, ich übersetze mehr ins Deutsche, und wahrscheinlich auch lieber. Irgendwann habe ich gemerkt, dass Ungarisch meine mündliche Sprache und Deutsch meine schriftliche Sprache ist. Ganz so klar kann man das natürlich nicht trennen, und ich übersetze ja auch ins Ungarische. Doch eigentlich nur Texte, die mir sehr nahe stehen.

Aber ansonsten übersetzt du alles, was du als Auftrag bekommst?

Timea: Nein, nicht alles. Man muss es schon mögen. Wenn das nicht der Fall ist, fühlt man sich gefangen. Und selbst bei einem eher schmalen Buch von 200 Seiten würde das eine Gefangenschaft von ungefähr drei Monaten bedeuten. Wenn das Buch aber gut ist, ist man einfach in einer Welt, in der man sich gerne aufhält. Beim Übersetzen ist man in einer intimen Beziehung zu einem Buch und, ebenso wie bei Menschen, will man diese nur dann, wenn man sein Gegenüber mag.

Hast Du deinen eigenen Stil auf Deutsch? Könntest du ihn beschreiben, oder hängt es vom Original ab?

Timea: Das hängt natürlich vor allem vom Original ab. Meinen eigenen Stil kann ich nicht beschreiben, auch wenn es den vielleicht gibt. Überraschenderweise haben mir Freunde, die verschiedene Übersetzungen von mir gelesen haben, gerade bei den Büchern gesagt, beim Lesen hätten sie das Gefühl gehabt, mich aus dem Text herauszuhören, bei denen ich das Gefühl hatte, besonders nah am Original geblieben zu sein.

Dann wäre meine Frage, ob es dir schwer fällt, immer den Stil des Originals zu finden?

Timea: Schwer fällt es mir nicht. Es dauert zwar manchmal eine Weile, aber ich habe nie die Angst, den Ton überhaupt nicht zu finden. Wenn ich die Erzählstimme nicht in mir höre, nehme ich den Auftrag nicht an. Aber wie gesagt, manchmal ist zu Beginn nur die Gewissheit da, dass man den Ton finden wird und dann sucht man eine ganze Weile. Suchen ist vielleicht gar nicht das richtige Wort. Man arbeitet an dem Text und lauscht eher, wartet. Und wenn es dann so weit ist, dass man den Ton gefunden hat, ist das einer der schönsten Momente beim Übersetzen. Der, in dem man sich mit dem Autor die Hand reicht. Das klingt ein bisschen pathetisch, fühlt sich aber so an. Am Anfang findet man den Text vielleicht gut, ist aber noch nicht richtig Teil dieser Welt geworden und dann traut man sich auch nicht so richtig, seine eigene Stimme herauszulassen. Wenn man aber diesen Punkt erreicht hat, funktioniert es plötzlich sehr gut, dann spricht man in seiner eigene Stimme und ist trotzdem nah am Original. Ich glaube, der Einklang mit dem Text ist das Entscheidende. Solange der Text bei einem aus irgendeinem Grund Widerwillen auslöst, kann die Übersetzung nicht glücken.

Welcher Text hat dir in letzter Zeit am besten gefallen?

Timea: Am besten gefällt mir jetzt das Buch, das vor kurzem bei Braumüller erschienen ist: Liebe Unbekannte von István Kemény. Es ist einer der ungewöhnlichsten Romane der zeitgenössischen ungarischen Literatur. Ungewöhnlich, dabei ist er in gewisser Hinsicht sehr klassisch. Kemény hat sich vorgenommen, eine große Geschichte zu schreiben und ich finde, das ist ihm gelungen. Und aus übersetzerischer Sicht war es für mich die bisher größte Herausforderung. Außerdem mag ich „Mutterbild in amerikanischem Rahmen“ sehr. Ich habe diesen Roman vor anderthalb Jahren übersetzt, aber er beschäftigt mich immer noch. Am Anfang habe ich dem Autor geschrieben und angekündigt, dass ich sicherlich Fragen haben werde und mich dann melde. Und dann war ich fertig mit der Übersetzung und dachte, oh, ich müsste mich ja mal bei ihm melden. Es war so präzise geschrieben, dass einfach keine Fragen aufgetaucht sind. Das Interessante war, dass es sich dabei um einen Debütroman handelte. Allerdings um einen Debütroman eines 78 Jahre alten Autors, der sein ganzes Leben lang als Lektor, Literaturübersetzer, Rezensent und Herausgeber gearbeitet hat.

Und warum übersetzt du?

Timea: Wahrscheinlich, weil ich mich dann genau in dem Zwischenraum befinde, in dem sich mein Leben schon immer abgespielt hat. Irgendwo auf halber Strecke zwischen dem Deutschen und dem Ungarischen. Mal dem einen, mal dem anderen näher. Übersetzen ist wie die meisten Tätigkeiten mit einem bestimmten seelischen Zustand verbunden und mir entspricht eben dieser Zustand. Außerdem verstehe ich täglich so viel durch das Übersetzen. Mir ist zum Beispiel nach fast zehn Jahren Übersetzerpraxis, bewusst geworden, dass es im Deutschen kein Wort für „közvetlen“ gibt. Der Begriff kommt in Liebe Unbekannte vor. „Közvetlen“ könnte man ins Deutsche übersetzen, indem man sagt, jemand sei „direkt“. Das trifft es aber nicht wirklich. Oder er sei „unmittelbar“, das trifft es besser, man sagt es aber nicht. Und dann dachte ich, vielleicht gibt es kein Wort dafür, weil es diese Verhaltensweise in der deutschen Kultur eigentlich nicht gibt. Nach über 20 Jahren, die ich nun in Deutschland lebe, ist mir also bewusst geworden, dass ich gar keine Außerirdische bin, sondern immer nur etwas gesucht habe, das nicht zu dieser Kultur gehört – zu einer Kultur, die ja auch meine ist, das ist das Vertrackte daran. Ich wurde vor allem früher oft damit konfrontiert, dass in Deutschland das, was ich als „közvetlenség“ empfinde und das in Ungarn absolut positiv konnotiert ist, als Aufdringlichkeit oder etwas Ähnliches aufgenommen wurde. Wenn man anfängt, darüber nachzudenken, ist die banale Erkenntnis, dass es sich eben um eine andere Kultur handelt, unheimlich beruhigend. Übersetzen als Psychotherapie, sozusagen. Es muss aber nicht immer so persönlich sein: Es gibt auch einfach nur interessante sprachliche Beobachtungen, wie zum Beispiel, dass die Ungarn ganz anders mit der Zeit umgehen, oder die bekannte, aber immer wieder spannende Tatsache, dass es im Ungarischen kein Wort für haben gibt. Mit diesen Phänomenen kann man sich auch lange beschäftigen.

Denkst du, dass durch das Übersetzen vielleicht die zwei Kulturen zusammenkommen, ja, das klingt ein bisschen klischeehaft, aber kann aus der einen in die andere Kultur etwas vermittelt werden?

Timea: Es ist schon möglich, denke ich, aber es passiert nicht immer und vor allem sollte es bei der Übersetzung nicht das Ziel sein. Wenn wir noch einmal auf das Beispiel „közvetlenség“ zurückkommen: Man kann es vielleicht nicht direkt dort an der Stelle so genau übersetzen, wie man es gerne würde, aber man kann dadurch, wie die Menschen miteinander umgehen, vermitteln, dass dieses aufeinander Zugehen wirklich eine Offenheit, eine Offenherzigkeit sein kann. Aber in erster Linie wird man als Leser wohl auch bei einem übersetzten Buch davon angesprochen, was sich mit dem eigenen Erleben der Welt in gewisser Weise verknüpfen lässt.

Vielen Dank für das Interview!

Das Interview wurde von Viktória Lassú geführt.

Timea Tankó

Literaturübersetzerin, lebt und arbeitet in Berlin. Ins Deutsche hat sie u.a. Antal Szerb, Krisztián Grecsó und Miklós Vajda übertragen. Zuletzt ist in ihrer Übersetzung Liebe Unbekannte von István Kemény beim Braumüller Verlag erschienen.