György Petri

Zum Tod von Rolf Bossert
 

Ich kannte Dich kaum.

Spontan ging ich an diesem eisigen Abend

ins EinStein. Ich drängelte, steckte meinen Kopf

zwischen andere Köpfe, um Dich zu sehen.

Nur Bruchstücke bekam ich zu hören,

obschon ich wusste: Deiner Sätze.

Doch sehen konnte ich Dich, das zumindest.

Später saßen wir

um einen runden Tisch, Du sprachst mit zwei Herren,

trankst dazu Bier, vielleicht mit Korn, ich beobachtete Dich,

stellte mich vor, sprach

– in meinem englisch-deutschen Pidgin

(nur ab und an eine Rosine,

ein richtiges Wort – tja, das viele Lesen! –

im klumpigen Hefeteig meiner armseligen Syntax).

Aber ich sprach weiter, entschlossen und nervös,

trank einen Wodka nach dem anderen. Ob Du wohl gerne trinkst,

fragte ich mich, man sah es Dir nicht an,

man sieht es einem nicht immer an. Ich studierte Dich.

Und einer Deiner Sätze ging mir durch den Kopf,

auch auf der Heimfahrt im Taxi, das Bekannte bestellten

für mich, den Trottel, den Draußengeborenen,

an einem meiner ersten Tage hier. Einer deiner Sätze,

zu Hause noch, als ich aus dem Fenster starrte, die Stirn ans Glas

gedrückt. Du sagtest (noch im Vortragssaal),

Du habest dich um Reisepapiere bemüht, nur (auch über das "nur" wunderte ich mich)

um ungestört arbeiten zu können, Du hieltest dich nicht –

für einen was noch gleich? Du gebrauchtest das Wort "Dissident".

Das ist auf ungarisch ... ungarisch? Sagen wir in einer realexistierthabenden-sozialistischen

 Sprache

bedeutete es das Verlassen der staatsbürgerlichen Bande aus niederen Beweggründen,

auf illegalem Weg (sei es: auf Fuchsfährten, auf Büffelpfaden).

So hast Du es bestimmt nicht gemeint. Denn in deiner Sprache gibt es das

nicht, und Dein Pass war gültig.

Übergesiedelt bist Du nach Recht und Ordnung

(denn dort ist dies das Recht und die Ordnung),

doch "nicht deshalb, weil ...". Schon gut, lassen wir

die politische "Semantik". Wir wissen, worum es geht.

Aber dass zur Rede kommen musste – und es musste –,

ob aus diesem oder jenem Grund, vor allem, dass nicht deshalb, sondern nur...

Wir und übersiedeln, auswandern!

Welch irreführenden Vorsilben!

Beharrlich ziehen wir

das Möbiussche Band der Rechtfertigung.

Wo ist so viel Freiheit, oder zumindest Arroganz,

wie selbstverständlich zu sagen:

"Ich war dort, jetzt bin ich hier und basta.

Dann gebt euch mit mir zufrieden. Ich zeige mich."

(Und wo hat man die Möglichkeit dafür?)

Ja wofür ich mich nicht halte! Für so vieles

halte ich mich nicht – auch das

geht nur mich etwas an. Ich formulierte vor mich hin,

wie ich Dir all das sagen könnte,

wenn sich (und das war wahrscheinlich)

die Gelegenheit bietet.

Sie bietet sich nicht. Ich betrachte das Telefon.

Einige Tage später schneide ich eine halbe Spalte

des Ressorts Register aus der brillant redigierten,

auf feinem Papier gedruckten Zeitschrift heraus, hefte sie zu zwei früheren Publikationen.

Nehme meine Notizen aus dem Spiralheft, die ich dazu

gemacht habe. All das zusammen kommt in eine Mappe,

wie auch dieser Text, wenn er fertig ist.

Und ich warte auf die Post mit Deinen Gedichten, um sie zu übersetzen.

Das ist es, was Sinn hat, so scheint mir.

 

Aus dem Ungarischen von Éva Zádor