Károly Méhes


Echte Berliner Märchen


Ich komme zum Schreiben hierher.
Diese Zeilen sind Schauen und Hören und Fühlen. Egal was hier entsteht, egal, wovon es handelt, es wird berlinerisch sein.
Der Ort, genauer: Literarisches Colloquium, am Ufer des Wannsees. Gegenüber die Villa, in der 1942 die Nazi-Führungsriege eine Konferenz zur „Lösung“ der Judenfrage einberief.
Überall Villen, im Garten fleißige Gärtner.
Alle unsere Bekannten kommen aus dem Osten. Mit hängenden Mundwinkeln nicken sie zustimmend; Ja, so schlecht ist es dann wohl nicht, Schriftsteller zu sein. Sie waren noch nie hier. Im westlichsten Zipfel von Westberlin, fast in Potsdam.
Seit der Wende sind dreiundzwanzig Jahre vergangen. Egal, wen wir treffen, egal aus welchem Anlass, jedes Mal bekommen wir sicher einmal zu hören: „Ich bin im Osten aufgewachsen.“, „Ich wurde in der DDR geboren.“ Das ist eine Sache, die man festhalten, klarstellen muss, nicht dass sich später dadurch irgendein Missverständnis ergibt.

Die Ostler sind eher linke Wähler. Es weiß aber auch der linkste Linke, dass nach der Krise gerade die deutsche Wirtschaft wieder auf die Beine kam. Der DAX hat einen historischen Höchststand erreicht, mindestens 5000 syrische Flüchtlinge werden aufgenommen. Aber der kleine Mann in den überhaupt nicht mehr neuen Bundesländern fühlt sich bis heute so, als hätte man ihn vergessen. Merkel hat die Ihrigen verraten.
Dennoch: Kann man sich vorstellen, dass bei uns ein „durchschnittlicher“ Wähler sagt:
„Ich zahle gerne ein wenig mehr Steuern, weil ich nicht in einer asozialen Gesellschaft leben will.“
Da kann man wirklich sagen: Die halten zusammen.
Wenn es jemand nicht glauben könnte, können wir uns einer Sache hier sicher sein: Man hat Geld. Vom Bau. Als ich nach 2001 öfter in Berlin war - mein jüngerer Bruder arbeitete hier -, standen die wirklich großen Werke schon kurz vor dem Abschluss: der Potsdamerplatz, das neue Bundeskanzleramt und dann auch noch der Hauptbahnhof. Und dazu Brücken, Straßen, U-Bahnen, S-Bahnen.
Dennoch ist Berlin auch heute eine Großbaustelle. Es gibt kaum eine Gasse, die nicht ein wenig abgesperrt wäre, verengt, oder in der nicht wenigstens ein Kran in die Höhe ragen würde. Eine Weltstadt, die niemals fertig ist, die ständig ein wenig ihr Gesicht verändert. Man kann nicht zweimal ins gleiche Berlin fahren. Ja nicht einmal verlassen kannst du das gleiche Berlin, in das du angekommen bist.
Mein Weib und Vergil begleitet mich, sie lebte hier, in der DDR damals, fünf Jahre als Studentin. Sie kennt alles - und kennt nichts. Es ist grenzenlos (der Ausdruck passt hier perfekt!) amüsant, wie sie verschiedene Orte wiedererkennt, Gerüche, wie sie plötzlich Gusto auf eine Bockwurst hat, auf Kohlrouladen, wie sie die bunten Häuser betrachtet, „hier war doch alles grau und braun“, sagt sie. Wenn wir außerhalb Berlins herumstreunen, zeigt sie in Dorfgassen fast frohlockend auf die noch nicht renovierten Häuser: „Na, das ist sehr ostdeutsch!“ Und wirklich sind sie alle in der Einheitsfarbe gestrichen.
Wenn in verschiedenen Tönen von Grau die Vergangenheit aufblitzt!

Ich entdecke die Namen mit großer Wollust: Ruhesitz, Greifzu, Gutgeist, Wohlleben.

Und noch so viele andere Märchenfiguren.

Der Ruhesitz Johann, Greifzu Josef, Gutgeist Margit und Wohlleben Hendrik.

Irgendwie ist es beruhigend, sich in so einer Gesellschaft zu tummeln.

Als Marcel Reich-Ranicki starb, war das drei Tage lang die wichtigste Nachricht in den Medien, obwohl die Wahlen kurz bevor standen. Der Bundespräsident, die Kanzlerin, Minister würdigten ihn.
Die Werte liegen hier noch irgendwie richtig. Zumindest bemüht man sich, ihnen eine Stimme zu geben.
Das Kennzeichen jedes dritten BMW schaut folgendermaßen aus: B (Wappen) MW - und die Nummer.
Deshalb ist es gut, Berliner Autofahrer zu sein, hier hast du‘s gut, wenn du als steifer Preuße ein verderbtes bayerisches Auto wie dieses pflegst.
Die Schriftstellerin Maike Wetzel lebt in jenem Haus, das als einziges Berliner Gebäude von Oscar Niemeyer geplant worden war. Es handelt sich um eines der eigenartigen Betonbauwerke auf der Altonaer Straße; es ist so einzigartig, dass sich der Lift abseits des Treppenhauses befindet, in einem eigenen Betonturm - und der Meister hatte ab und zu eine Etage, bestimmte Höhen, als Schauplatz des gesellschaftlichen Lebens vorgesehen.
Niemeyers Haus war eine Antwort auf die Wohnmoderne, die man in der Karl-Marx-Allee hochgezogen hatte. Dort beabsichtigte man ebenfalls, das glückliche, aus dem Volk handverlesene Volk mit aller Bequemlichkeit unterzubringen, deshalb wurden viel breitere Flure als üblich gebaut. Die Arbeiterklasse, müde von der Arbeit, aber noch voller Lust zum Gesellschaftsleben (ausschließlich Obergenossen erhielten hier eine Wohnung...), hätten hier bequem ihre freie Zeit verbringen können. Man erinnert sich daran, dass aber nur die Kinder in diesen breiten Volksfluren manches anstellten und manchmal auch beim Fußballspielen die Fenster zerschossen.
Im Niemeyer-Haus (genau heißt es Interbau Apartment House) ist es heute hipp zu wohnen. Wie es die Bierkästen und Kinderwägen in den 7. Stock schaffen? Mit entschuldigendem Lächeln sagt der Gastgeber, sie würden das immer irgendwie lösen.
Denn so ist das halt im Leben. In Berlin und auch anderswo auf der Welt.
An der Hauptmauer der Wohnung hängt eine riesige Vergrößerung des zerbombten Reichstags, davor pflegen im Park Berliner Frauen Gemüsegärten.

Ein Freund fragt uns, was wir für die restlichen Tage noch vorhätten? Mit unschuldiger Miene antworten wir, dass wir noch nach Sachsenhausen fahren würden, um das Konzentrationslager zu besichtigen, und aufs Stasimuseum seien wir auch neugierig.
Die immer lächelnde Frau explodiert fast vor Wut.
Na, bitte! Nazis und Stasi, das sind wir, die Deutschen!
Mit blitzenden Augen erklärt sie dann, wie sehr sie die Nase voll davon hätten, dass den Leuten zu Berlin nur diese Dinge einfielen. Eine richtige Hollywood-Erlebniswelt inmitten der vielen Kriegs- und Judendenkmäler und der DDR-Vergangenheit. Sie geht mit schnellen Schritten zum Bücherregal und wirft mir ein Buch hin, das - so lässt sich aus dem Titel schließen - 111 Orte und Dinge vorstellt, die der Berlinbesucher gesehen haben muss. Eine Art alternativer, ein wenig possierlicher Reiseführer. Leere Sitzbänke, Bäume, Strommasten, Orte, an denen Häuser standen, Mülleimer, Brücken - solcherlei ist auf den Fotos zu sehen, umrahmt von einem Geschichtchen, aber mit genauer Adresse und Ortsbeschreibung. Zweifellos fällt darin kein Wort über Nazis, Juden, Stasi-Verliese.
Berliner Märchen, Zeit der Träume.
Am Wochenende am Wannsee-Ufer: die Autowunder werden aus den Garagen geholt. Zum Arbeitfahren reicht der normale Mercedes, für die Ehegattin ein SLK, für die bescheideneren die A-Klasse. Samstag und Sonntag sind aber anders.
Man muss dem Autofahren schon den richtigen Rahmen geben. Dann sind sie erlaubt: die Ferraris, Jaguars, Aston Martins, Maseratis. Denn hier kann man Gas geben. Als ich in der ADAC-Sportabteilung war in Sachen AVUS, wurde ich aufgeklärt: Es stimmt. Wenn es keinerlei Beschränkung gibt, kann man dahinbrausen, bis die Tachonadel anschlägt. Und es gibt Menschen, die so ihren Dampf, der sich die Woche über aufstaut, ablassen...
Die andere Art der Wochenendspritztour ist das genaue Gegenteil der wahnsinnigen Raserei. Die wunderbar polierten, ästhetischen Gustostücke, vom Ford Taunus über den Opel Rekord bis zu den echten, froschförmigen kleinen Porsches, den cremefarbigen Mercedes-Cabrios aus den Sechziger- und Siebzigerjahren. Karierte Jacken und Sportkappen, flatternde Schals.
Von Montag bis Freitag gaben sie dem Kaiser, was des Kaisers gebührt. Jetzt kriegt Gott, was Gott gebührt.
Die Lesung ist vorüber. Ich war auf vier solchen Veranstaltungen innerhalb eines Monats und muss sagen, wir müssen uns in Ungarn mit einem Publikum von 40-50 Personen nicht schämen. Auch hier kommt man nicht zahlreicher. Egal, ob Ingo Schulze liest oder meine Wenigkeit, unterstützt von zwei deutschen Schriftstellerkolleginnen. Das Lesen ging gut, beim Gespräch erzählte ich von Pécs, über den Ertrag des Kulturhauptstadtjahres, über das Autorenprogramm. All das hat mich müde gemacht, auf Cordula und Katharina konnte ich mich nicht mehr gut konzentrieren. Und dann gab‘s Rheinischen Riesling von der guten Sorte... Mit Bekannten und Unbekannten an einem Tisch, das war das wirklich Gute. Jemand erzählte von einem Freund, der Adolf Abraham hieß und der Unglückspilz hatte eine gespaltene Persönlichkeit. Zwei konnten Russisch, das ist immer eine dankbare Sache, auch ich trug das obligatorische Lied vor, das ich seit der 8. Klasse kann: Sudba Tscholeka... die ersten drei Sätze.
Vorsichtig fragten sie irgendwann, wie das mit dem Literaturstipendium sei, ob ich nichts anderes zu tun hätte, als zu schreiben? Dann schreibe ich also wirklich? Ich stehe in der Früh auf und schreibe? Und das auch immer? Brauche ich keine Inspiration?
Ich versuche, eine akzeptable Antwort zu geben.
Kann ich denn das überhaupt? Wage ich es zu können? Und es wäre gut, endlich zu wissen, wie das Ganze funktioniert.
Nein, lieber noch nicht. Es soll eine Überraschung bleiben.


Aus dem Ungarischen von Clemens Prinz