Abschied und Ankunft

Im Alter von 92 Jahren ist am 31. Januar der ungarische Regisseur Miklós Jancsó verstorben – ein Nachruf von Tibor Keresztury

Eine der letzten großen Persönlichkeiten war er jener Generation, die einen geschmacklichen Rückstand von mehreren Jahrzehnten überspringend die Uhr der ungarischen Kunst in der Weise nach der europäischen Zeitzone richtete, indem sie die ausländischen Trends nicht einfach synchronisierte, sondern sie selbst auch gestaltete. Sein Wirken, seine Sichtweise – und vor allem sein Format – waren in jenem Umfeld vollkommen unverständlich und unbegründet, in welchem dem Genie aus Routine und Gewohnheit, aus Reflex und aus der Lamäng Missachtung zuteil wurden; es kann dankbar sein, wenn sie es – sie könnten es ja auch kaltmachen – nur auslachen. In der Kunst der Nachkriegszeit machte man sich vielleicht über keinen so viel lustig wie im Zusammenhang mit seinen Filmen: Es spotteten Kritiker und Humoristen, Ideologen, Kurskritiker, Federfuchser, politische Niemande stellten ihm ein Bein. Seine menschliche Größe und Würde zeigt nichts besser, als dass er dies alles abschütteln konnte, wie ein Hund das Wasser, denn er arbeitete an einer größeren Sache, die diese Hände, die ihm Nasenstüber versetzten, nicht zu beeinflussen vermochten.
An der Erneuerung der ungarischen Filmkunst, der europäischen Filmsprache, nämlich. Während ein halbes Land sich das Maul über unverhüllte Frauenbrüste zerriss, gelangte das sich entfaltende Lebenswerk in den Strom der europäischen Kultur, und Jancsó wurde zu einem der bestimmenden Regisseure der universalen Filmgeschichte. Von seiner Arbeit konnte man ab den sechziger, siebziger Jahren nicht absehen: Er ging seinen Weg ohne jeglichen Kompromiss, stur und konsequent. Als denkender, selbstreflexiver Intellektueller erstarrte er auch da nicht in der Pose seiner eigenen Skulptur, als er in Ungarn bereits Kult war und sein Name überall auf der Welt bekannt. Er hat seinen Handabdruck auf dieser Epoche hinterlassen, ohne sich angestrengt zu haben, erfolgreich zu sein. Sein die Anschauung mehrerer Altersklassen formendes Werk ist rund, lückenlos, beendet.
Sein Beispiel gibt Hoffnung, dass die originale, große Kunst auch in Zeiten des Niedrigflugs die Mauer zu durchbrechen vermag, wenn es genügend Glauben, Ausdauer, eine große Portion Humor und sich erneuernde geistig-künstlerische Munition gibt. Dass man vielleicht nicht jung daran sterben muss – dass es auch so schön geht. Ohne Unterwerfung, als freier Mensch, würdevoll.

(in ungarischer Sprache erschienen auf litera.hu)

Aus dem Ungarischen von Éva Zádor