András Gerevich

Als Dichter unter Politikern

Meine Gedichte sind Geständnisse, sie sind persönlich, die politische Dichtung ist nicht mein Terrain. In diesem Irrglauben lebe ich. Im Mittelpunkt meiner Lyrik steht die Suche nach der Identität. Was für mich jedoch persönlich, häufig eine emotionale Entdeckung des Ichs ist, erhält offensichtlich einen politischen Akzent, wenn man die traditionellen Grenzen überschreitet und dies öffentlich macht. Man begeht eine Tat im öffentlichen Raum, da die Grundlage der Identität die persönliche Definition der Beziehung von Individuum und Gesellschaft ist.
Aus Anlass des Welttages der Poesie hatte ich am 20. März eine Lesung im Berliner Kanzleramt. Sechs Dichter aus sechs Ländern, eine Lesung in sechs Sprachen. Wie können sich die persönlichen Gedichte in einem politischen Raum zu politischen Äußerungen wandeln? Wie wird ein Dichter ohne sein Wissen Teil des tagespolitischen Dialogs?
Vier Gedichte habe ich gelesen, unter anderem Teiresias. Meine Wahl fiel aus jenem Grund auf dieses Gedicht, da dies bislang in die meisten ausländischen Anthologien aufgenommen wurde, es in zahlreichen Sprachen erschienen ist. Die Gestalt des Teiresias ist unser gemeinsames Erbe, seine Geschichte ist unabhängig von unserer sprachlichen Kultur. Er ist eine spannende Figur, der erste Transsexuelle, der im Laufe seines Lebens sowohl Mann als auch Frau war, somit fesselt das Gedicht im Publikum auch denjenigen, den die Mythologie im Übrigen nicht interessiert. Die Schlusszeile meines Gedichtes lautet: hätte ich empfangen, hätte ich Frau und Mutter sein können – sagt traurig der kinderlose Mann.

Nach der Lesung spricht mich eine Abgeordnete der Grünen beim Empfang sofort an und bedankt sich für das Teiresias-Gedicht. An dem Tag habe es, erklärt sie, in demselben Gebäude eine heftige Debatte zum Adoptionsrecht für Homosexuelle gegeben – das von der Regierung nicht unterstützt wird. Sie erzählt lange, führt die Situation detailliert aus. Ich verfolge die deutsche Innenpolitik nicht, die aktuellen Kämpfe der Emanzipation der Homosexuellen, und das lege ich ihr auch dar, ich hatte gar keine derartige Absicht mit dem Gedicht. Ich habe bei dem Empfang eigentlich überhaupt keine Lust zu politisieren. Dies spürt sie, bedankt sich erneut, dass der Tag im Kanzleramt mit diesem Gedicht geschlossen habe, und nach ihrem sich in die Länge ziehenden Vortrag wechseln wir auch das Thema, und ich unterhalte mich im Laufe des Abends mit noch hundert anderen Menschen. Unter anderem auch mit der Staatsministerin für Kultur, die das Protokoll mit freundlichen Worten, einem aufmunternden Lächeln und professionellem diplomatischem Gespür beherrscht.
Ich freue mich, dass dieses Gedicht gelesen wurde. Die deutsche Übersetzung trug der Leiter der Berliner Literaturwerkstatt vor. Im Nachhinein dachte ich doch darüber nach, ob sie wohl glaubten, ich sei ein eingeschleuster Mann und hätte den Teiresias bewusst, als politische Geste gewählt. Diese Aktivistin der Grünen LGBT hatte so viel mit mir gesprochen, dass auch ein Außenstehender meinen konnte, wir seien gute alte Freunde. Vielleicht freue ich mich auch, dass mein Gedicht ohne mein Wissen und ohne mein Wollen aktuelle Gesetzgebungsfragen reflektiert, so muss Lyrik funktionieren. Und dies ist Deutschland, wen interessiert hier, dass ich schwul bin. Und die Adoption unterstütze ich prinzipiell.

Aus dem Ungarischen von Eva Zador

Teiresias

Aus dem Schlaf schreckend,
bin ich unsicher, was ich bin,
alt oder jung, Mann oder Frau.

Dann muss ich mich berühren:
schweißgebadet im nassen Bett.
den Körper als einzige Gewissheit.

Teiresias sitzt neben mir, er führte
seinen Hund im Taban-Park spazieren,
wir ruhten uns aus auf einer Bank.

Ob dunkel oder hell, spielt lange
keine Rolle mehr. Stehengeblieben ist
die innere Uhr, die Tageszeiten kannte.

Längst lebe ich nicht mehr in der Gegenwart,
sondern in Prophezeiungen und Mythen;
verirre mich ständig, selbst auf den Straßen.

Er zündet sich eine Zigarette an
und krault den Hund am Ohr. András,

könnt ich es doch einmal richtig erzählen . . .

Denn im Traum bin ich immer eine Frau,
eine wilde, unnahbare Schönheit,
der die Männer hinterherschauen.

Im Traum spiele ich mit meinen
Brüsten, meine Haut ist weich und zart.
Im Traum pulsieren die Lichter um mich her.

Mit seinem weißen Stock kratzt er sich am Knöchel.
An Händen und Gesicht pellt sich die Haut.
Der Hund stöberte einen Igel auf.

Nur noch eine Erinnerung von Minuten,
die schönste Zeit meines Lebens,
als mich die Männer noch begehrten.

Er seufzt, spuckt aus, schaut weg.
Wenn du es liebst, ein Mann zu sein,
sei auf der Hut, du wirst vielleicht zur Frau,

so dünn ist die Grenze zwischen beiden.
Ich wusste dies nicht, hätte ich empfangen,
hätte ich Frau und Mutter sein können
.

Aus dem Ungarischen von Orsolya Kalász und Monika Rinck

Der Band "Teiresias' Geständnisse" ist bei Akademie Schloss Solitude erschienen.

www.akademie-solitude.de/de/publikationen/literatur/teiresias-gestaendnisse~no3586/