György Dragomán:

Scheiterhaufen
[Máglya, Magvető Kiadó, 2014, 448 Seiten]

Eine Buchvorstellung von Levente Király

Was geschieht, wenn ein Land befreit wird? Sind plötzlich alle erleichtert oder schleppen wir die Last unserer Vergangenheit  mit uns?

Kurz vor Beginn der Geschichte wird der Diktator erschossen, die Requisiten der Unterdrückung werden rituell verbrannt, eine neue Welt wird aufgebaut oder wartet eher darauf, aufgebaut zu werden, denn alles ist unsicher, sogar die Leichen der Opfer, die in der Revolution umgekommen sind, werden gestohlen. Bedrückende Ängste, mörderische Wut, begrabene Verletzungen: die Schatten der unbegrabenen Vergangenheit  liegen in der Luft. Das in Scheiterhaufen dargestellte Land gleicht gespenstisch Rumänien,  ist aber nicht mit ihm identisch, so wie die Stadt auch am ehesten an Târgu Mureş (ung. Marosvásárhely) erinnert, sich aber doch in Vielem von der Wirklichkeit unterscheidet, sie ist wilder, roher, barbarischer und wie der Autor selbst formuliert hat: auf jeden Fall fiktiver.

In dieser Welt versucht die Protagonistin des Romans, die dreizehnjährige Emma, als eine seltsame Fremde Halt zu finden, denn sie hat ihr Zuhause und ihre Eltern auf einmal verloren, unerwartet nimmt sie ihre Großmutter aus dem Heim zu sich. Eine neue Stadt, ein neues Zuhause, eine neue Schule, neue Freunde und Feinde erwarten sie. Jedes ihrer Worte und jede ihrer Taten sind von großer Bedeutung: die Trauer, die Freundschaft, die erste große Liebe, doch trägt zugleich auch jeder Augenblick die Möglichkeit der Katharsis in sich, und mit der Zeit kann auch aus dem meistgehassten Gegner ein guter Freund werden. Emma lernt die Magie des Alltags und die Zeremonien, mit denen sich das Schicksal wenden lässt, von ihrer Großmutter, obwohl anfangs auch ihre persönliche Vergangenheit ebenso wie jene der Außenwelt von Schweigen belastet ist. Dennoch entwickelt sich zwischen den beiden Frauen, dem jungen Mädchen und der alten Frau, allmählich eine enge Beziehung. Emma und die Großmutter zaubern mit Mehl und Schnee, mit Brot und Feuer, formen aus Lehm einen Golem, doch ist nicht dies die größte und schwerste Zauberei, sondern die Versöhnung. Emmas Kraft wird im Laufe der Geschichte immer größer, sie erreicht derartige Höhen der Freiheit, dass wir von ihr glauben: Sie wird vielleicht in der Lage sein, nein zu den Verbrechen der Geschichte zu sagen, sie wird vielleicht die seit Generationen aufeinander gehäuften Geheimnisschichten aufreißen und aus dem tragischen Kreis, in dem es keine Vergebung gibt, austreten können.

Der Roman ist eine Familiengeschichte und ein historisches Tableau zugleich. Seine Sprache ist kompakt und doch einfach, die einzelnen Abschnitte formen sich mit einer überwältigenden Intensität zu einer spannenden Geschichte, die den Leser gefangen nimmt und nicht ruhen lässt. Das alles sehende Auge des Kindes, die gierige Körperlichkeit des Teenagers und die nüchterne Aufmerksamkeit der Erwachsenen verflechten sich in dem Roman zu einem sinnlichen und empfindsamen Text. Er hinterfragt die Geheimnisse und weckt das geheime Wissen.

Aus dem Ungarischen von Eva Zador