György Dragomán:

Scheiterhaufen

(Ausschnitt)

Ich gehe aus der Schule nach Hause, schlenkere mit meiner Tasche. Ganz leise klingeln die Silberglöckchen an meinem Haargummi aus Perlen. Bei jedem Schritt erklingen sie und bei jedem Schritt anders. Als ich aus dem Schultor getreten bin, habe ich sofort den Hanf aus ihnen herausgekratzt, weil ich ihren Klang hören wollte. Mein Zopf ist vorn, zwischen meinen beiden Brüsten, wenn ich hinunterschaue, sehe ich die Glöckchen daran.

Die Promenade ist leer, nur auf der Bank neben der Skulptur sitzt auch jetzt der Fotograf. Jeden Nachmittag setzt er sich auf die Bank, auch dann, wenn schlechtes Wetter ist, auch dann, wenn es regnet, er betrachtet die  zweihundert Jahre alte Linde am Ende der Promenade. Jeden Tag fotografiert er sie einmal, aber jeden Tag nur ein einziges Mal, deshalb betrachtet er sie vorher lange, wartet, bis das Licht gut ist. Das weiß ich, weil er es mir einmal erzählt hat. Ich hatte ihn gebeten, mir wenigstens eins von seinen Bildern zu zeigen, aber er meinte, das ginge nicht. Die Mädchen aus der Klasse sagen über ihn, er sei verrückt und habe gar keinen Film in der Kamera.

Ich grüße den Fotografen, er grüßt mich auch. Er lächelt mich an und ich lächele zurück. Ich gehe an ihm vorbei, schlenkere mit meiner Tasche. Ich nehme meinen Zopf, werfe ihn über die Schulter, damit er hinter mir ist, so ist der Klang der Glocken ein anderer, ein wenig tiefer.

Ich bin schon etwa zehn Schritte von dem Fotografen entfernt, als er mit hinterherruft, meinen Namen sagt.

Ich drehe mich um, er ist von der Bank aufgestanden, die Kamera hält er schon in der Hand, ein großer schwarzer Kasten, daran zwei Objektive übereinander. Er hält sie in meine Richtung, fertig, schon hat er mich fotografiert.

Er sagt, ich solle für einen Moment stehen bleiben, dabei fotografiert er mich wieder.

Ich bleibe stehen, wieder fotografiert er mich.

Er sagt, ich solle näher kommen, an ihm vorbeischauen, nach hinten zur Linde, wieder fotografiert er mich.

Ich schaue nicht zur Linde, mache einen Schritt auf den Fotografen zu, sage ihm, er soll aufhören, halte meine Tasche in seine Richtung, um mich zu verdecken, auch das fotografiert er. Ich nehme die Tasche herunter, sage so, nein, bitte nicht.

Der Fotograf nimmt die Kamera herunter.

Er sagt, ich solle ihm nicht böse sein, er könne nichts dafür, er hätte mich einfach fotografieren müssen. Er sagt, weil ich sehr schön sei. Davon wird mein Gesicht heiß, ich sage, stimmt gar nicht.

Der Fotograf sagt, aber sicher. Er sagt, ich würde schon sehen, wenn er mir die Bilder zeigte. In ein, zwei Tagen, wenn er den Film entwickelt hätte und die Bilder vergrößert, dann würde ich sehen.

Ich sage, er hätte gar keinen Film in der Kamera, das wisse jeder.

Der Fotograf sagt, ich solle mich nicht bewegen, er hebt die Kamera, fotografiert mich.

Er sagt, mein Gesicht sei sehr hübsch. Sehr hübsch, wie meine Augen blitzten. Das müsse verewigt werden.

Er sagt, ich solle ihm glauben, später würde ich mich freuen, wenn ich alt bin, würde ich mich freuen, ein Bild von mir zu haben, als ich ein kleines Mädchen war.

Ich sage, ich sei dreizehn, ich sei kein kleines Mädchen mehr. Ich sage es laut, ich schreie fast, meine Hand klammert sich an den Griff der Tasche, mir fällt ein, ich könnte seine Kamera zerbrechen, ihm mit der Tasche aus der Hand schlagen.

Der Fotograf sagt, so habe er das nicht gemeint. Natürlich sei ich kein kleines Mädchen mehr. Natürlich nicht. Wieder fotografiert er mich.

Ich sage, er soll endlich aufhören, hole mit der Tasche aus.

Der Fotograf tritt zur Seite, er sagt, es sei ja schon gut, er höre auf, gleich höre er auf, aber er bitte mich, ich solle doch so lieb sein, nur das eine noch zu tun, nämlich meinen Zopf aufzumachen, er wolle mich auch mit offenem Haar fotografieren.

Ich sage, was er sich überhaupt vorstelle, da könne gar keine Rede davon sein, aber da spüre ich, wie er meinen Zopf nimmt und zu sich zieht, meine Haare durchläuft ein brennender Schmerz, ganz bis unter meine Kopfhaut.

Ich schreie den Fotografen an, es tue weh, sehr weh, er solle ihn sofort loslassen.

Der Fotograf sagt nichts, mit beiden Händen hält er meinen Zopf, seine Finger sind schon bei den Glöckchen, öffnen schon das Haargummi.

Die Kamera hängt an einem Gurt um seinen Hals, die beiden Objektive schauen wie zwei Augen an einem zur Seite geneigten Kopf.

Ich lasse meine Tasche los, nehme mit einer Hand meinen Zopf, packe ihn ganz fest, damit er nicht so daran ziehen kann, mit der anderen halte ich die Hand des Fotografen, versuche, seine Finger von dem Haargummi zu lösen, ich höre, wie die Glöckchen in seiner Faust gegen die Perlen schlagen, er mir das Gummi aus dem Haar zieht. Ich lasse seine Hand und auch den Zopf los, mit allen zehn Nägeln kralle ich mich in seine Hand, so fest ich nur kann. Meine Nägel dringen in seine Haut, der Fotograf schreit auf, reißt die Hand weg, das Haargummi hält er noch in der Faust, es ist mir vom Zopf gerutscht, ein paar Haare hat er mir ausgerissen, heiße Nadelstiche an meinem Scheitel und seitlich über dem Nacken, aber es interessiert mich nicht, denn ich sehe, dass er mein Gummi da in der Hand hält, ich schnappe danach, mein Zeigefinger verfängt sich darin, ich will es an mich reißen, er soll es zurückgeben, schreie ich dabei. Das Gummi zieht sich, die Glöckchen erklingen wieder, dann reißt das Gummi, rutscht dem Fotografen aus den Fingern, schnellt mir vom Zeigefinger und fällt auf den Boden, die Perlen rutschen herunter, sie fallen auf den Asphalt, kullern auseinander.

Da, schau her, was du gemacht hast, rufe ich, springe zu den Perlen, knie mich hin, schnappe mit beiden Händen nach ihnen, fege sie zu mir, die Glöckchen erklingen blechern auf dem Asphalt, und daher weiß ich, dass sie alle vollständig sind, keines verloren gegangen ist.

Der Fotograf hält seine Kamera, er steht neben der Bank, sein Gesicht ist ganz blass. Er sagt, ich solle ihm nicht böse sein, das hätte er nicht gewollt.

Ich stecke das Haargummi in meine Jackentasche, auch die Glöckchen und die Perlen und stehe auf.

Der Fotograf sagt wieder, es täte ihm sehr leid, wirklich sehr. Auf seinem Handrücken, dort wo ich ihn gekratzt habe, sitzen viele kleine Blutperlen.

Ich nehme meinen Zopf, ganz oben, am Ansatz, die Finger der anderen Hand spreize ich zu einem Kamm und kämme die geflochtenen Strähnen aus.

Der Fotograf schaut auf seine Hand, er zischt auf, als würde er erst jetzt die Kratzer bemerken, und steckt sie sich in den Mund.

Ich öffne mein Haar, es geht schnell, die Strähnen gleiten mir kalt durch die Finger.

Ich mache den Zopf ganz auf, schüttele mein Haar,  sehe den Fotografen an. Ich warte.

Der Fotograf nimmt die Hand aus dem Mund, schmiert sie in seine Hose, dann hebt er die Kamera hoch.

Ich sehe an ihm vorbei, zur Krone der großen Linde und werfe den Kopf etwas zurück. Ich lächele.

 

Aus dem Ungarischen von Eva Zador