(Bild: Gábor Valuska / Litera.hu

Réka Mán-Várhegyi

Jugend ade!

„Am Wochenende ist Badewetter“, quäkte unsere Mutter. „Packt die Badesachen zusammen, wir fahren an den See. Vati, hast du dir die Batterien in der Kühlbox angesehen? Funktionieren die noch? Das fehlte gerade noch, dass wir neue kaufen müssen. Wir müssen jeden Groschen zweimal umdrehen.“
Panni starrte auf ihren Teller, ich zählte die Streifen an der faulenden Holzverkleidung. Wir widersprachen nicht, dabei wollten wir gar nicht zum See, und das wussten sie auch. Wir wollten nicht im Badeanzug in der Sonne liegen, wir wollten nicht ins Wasser und vor allem wollten wir nicht den ganzen Tag die Jet-Ski-Fahrer beglotzen. Wenn es Sommer war, rasten sie zwei Monate lang auf dem pfützengroßen See rauf und runter, auf dem Sattel Mädchen und Jungs, die wie Pornostars aussahen, im Übrigen waren das unsere Klassenkameraden, doch in der Schule krischen sie wenigstens nicht den ganzen Tag.
Ich wurde als die Jüngere eines zweieiigen Zwillingspaars in eine dickliche, an Krampfadern leidende Familie geboren. Panni und ich hatten uns als Jugendliche zu plumpen Kartoffelsäcken gewandelt, zu unseren eigenen Eltern in etwas kleinerer Ausführung. Wie sich später herausstellte, ähnelten sich unsere Gesichtszüge nicht allzu sehr, aber die Unterschiede zwischen uns verdeckten die Haare ebenso wie bei unseren Eltern. Mit siebzehn litt ich trotz dessen nicht unter den überflüssigen Pfunden, sondern darunter, dass ich kein besonderes Erkennungsmerkmal hatte. Nach der Schule ging ich mit Panni oft in den kleinen Wald, wir saßen auf unseren Jacken unter den Bäumen und zerkratzten uns zwischen zwei Zigaretten mit Dornen das Gesicht. Auch sie sehnte sich nach einer ordentlichen Wunde. Aber diese zarten Kratzer heilten wie die von einem Kätzchen schon in einem halben Tag. Vor allem auf meiner Haut – die im Gegensatz zu Pannis weißer Haut braun war −, wenn ich das Blut abwischte, war nichts mehr zu sehen.
Die echte Mutprobe wird sein, sagten wir zueinander, wenn wir uns eine brennende Zigarette auf dem Körper ausdrücken. Das wird eine Kriegsverletzung, sagte ich. Ein Brandzeichen, sagte sie. Ich wollte es auf meinem Oberarm ausprobieren, sie im Gesicht.
Damals wusste ich schon ganz genau, dass wir auf einem Müllhaufen lebten. Ich verachtete mein früheres Ich, das vor einigen Monaten noch geglaubt hatte, dies sei ein normaler Ort mit normalen Menschen und alles sei okay. Endlich dachte ich etwas über die Welt. Und auch Panni dachte etwas. Unter anderem, dass unsere Eltern nie Kinder wollten, das nur nicht rechtzeitig erkannt hatten. Wenn sie es sich wirklich hätten aussuchen können, fragte sie mich, wenn sie jemand gefragt hätte, was wollt ihr lieber, aber überlegt es euch gut, ein Kind oder eine Topfpflanze, für was hätten sie sich dann deiner Meinung nach entschieden?
„In der unteren Schublade ist der blaue Rasierer“, fuhr unsere Mutter fort, während sie an einem Hühnerknochen lutschte. „Mädels, rasiert euch schnell die Haare von den Achseln und den Beinen und achtet auf die Bikinizone. So anspruchsvoll sollten wir schon sein.“
„Mutti, wenn du willst rasiere ich mir auch eine Bikinizone“, zwinkerte unser Vater und als hätte man einen Knopf an ihnen gedrückt, fingen sie laut an zu lachen. Ihr Lachen war schon seit langem aufdringlich und aggressiv. Sie versuchten uns zu bezaubern, auch wir sollten mit ihnen lachen, ist das nicht witzig, fragte ihr Blick. Aber damals gaben wir nicht mehr nach. Panni saß mit starrer Miene vor ihrem Teller, ich aber stand, so gut es der enge Raum und meine Fähigkeiten zuließen, mit theatralischer Plötzlichkeit auf.
„Ich muss kotzen“, sagte ich. Neuerdings zeigte ich mich gern hart, ich stellte mir gern vor, eine Filmheldin zu sein, obwohl es statt der Kulissen unser ekelhaft mit Holz verkleidetes Esszimmer war, aus dem ich mich hinauszwängte. Um rauszukriechen mussten meine Schwester und unsere Mutter aufstehen. Den Tisch schoben wir etwas auf Vater drauf, der dümmlich dahockte, auf seinem Gesicht Verwirrung. Er war ein Märtyrertyp von schwachem Willen, der in solchen Situationen Stimmen in seinem Kopf hörte. Diese Stimmen wiederholten, er sei mit seinen eigenen Eltern nie so umgegangen, er hätte uns doch alles auf der Welt gegeben und er verstehe nicht, womit er all das verdient hätte.
Der Platz um den Tisch herum war eng, kein Wunder, dass wir die Gedanken des anderen hörten. Diese Wohnungen hatte man platzsparend geplant. Auch die kleinen Räumlichkeiten waren so angeordnet, zum Beispiel das Klo in unmittelbarer Nachbarschaft des Esszimmers. Obwohl unsere diskreten Eltern die Wand der Toilette mit Schaumstoff verkleidet hatten, war das nur so viel wert, dass man das laute Geplätscher, Gefurze nicht an jedem Punkt der Wohnung hören konnte. Wir hatten gelernt, dass man während des Essens höchstens sein kleines Geschäft verrichten konnte.
Unsere Mutter brach diese Regel im Wesentlichen, als sie mir nach einer Minute hinterherrief:
„Ich kann kein Gereiher hören!“
Ich hörte aber auch durch den Schaumstoff hindurch ihren bösartigen affektierten Ton. Am liebsten hätte ich jemandem eine reingehauen. Ich steckte mir den Finger in den Hals und kotzte, wie versprochen, das Abendessen aus, wobei ich darauf achtete, dass mein Würgen laut genug war. Es war nicht das erste Mal. Zufrieden trat ich aus der Toilette. Unsere Mutter sah mich entsetzt an, das verlieh mir das Gefühl eines siegreichen Heerführers. Ich wusste, es tat ihr weh, wenn das für Geld gekaufte Essen in der Kanalisation endete.
„Sag mal ehrlich, du bist doch nicht normal“, flüsterte sie.
Meine Schwester antwortete an meiner Stelle:
„Wenn sie nicht normal ist, dann bin ich es auch nicht.“
„Dann bist du es auch nicht.“
Unsere Mutter betrachtete uns gewöhnlich mit Argwohn. Ihre fixe Idee war wahrscheinlich, dass wir uns schon in ihrem Bauch gegen sie verschworen hatten. […]

Aus dem Ungarischen von Eva Zador