Viktória Radics

Zuger Notizblock

Die Wüstenrose

Es fehlte nur noch der Wanderstab auf meiner Schulter, mit dem Bündel an seinem Ende, der Stock der Armen. Doch den imaginären Filzhut hatte ich mir aufgesetzt und so schlenderte ich in der Adventszeit durch die Zuger Gassen. Riesentannen glänzten erleuchtet, so groß, dass ich ihre Spitze, selbst wenn ich den Kopf in den Nacken legte, nicht sehen konnte. Ich fühlte mich wie ein Däumling. Aber das Gefühl war keineswegs schlecht, viel eher märchenhaft. Mir blieb der Mund offen stehen.
Noch nie war ich längere Zeit in einem solch reichen Land gewesen, und schon gar nicht zur Weihnachtszeit. Was das Wort „glanzvoll“, das heißt der Luxus bedeutet, kann ich jetzt mit eigenen Augen sehen, das Verhältnis von Wort und Referenz inbegriffen. Der Reichtum an Dingen rinnt mir beinahe aus den Augenwinkeln, so viel Glanz kann ich gar nicht aufnehmen, die das Auge verzaubernden Lichter und Farben, das viele Gold, Rot und Weiß, die hübschen geschmackvollen kleinen Gegenstände; so vielerlei Obst und Gemüse, tausende Sorten von Käse und Fleischwaren. Ich würde sogar die Metapher des „Mädchens mit den Schwefelhölzern“ riskieren, aber wenn schon „sch“, dann: Schierling. Wie ein Unkraut an einem Straßenrand in Zug.

Alles ist derart teuer, dass ich mir kaum Papier und Stifte kaufen kann. Aber schließlich kaufte ich nach langem Überlegen doch pastellfarbene Blätter, einen ganzen Block sogar. Und einen schwarzen Filzschreiber für einige Franken, er schreibt schön. Und einen Weichkäse im Sonderangebot („Vacherin Mont D’Or“), dessen Geruch jetzt meine Küche füllt.
Er stinkt gewaltig.
Wie meine Laufschuhe, die ich vor dem Eingang habe stehen lassen.
Aber beim Einkaufen ist doch ein Wunder geschehen. In einem Blumenladen bemerkte ich eine bescheidene Schachtel, in der sich eine Wüstenrose verbarg. „Rose von Jericho“ ist ihr korrekter Name. Ottó Tolnai hat mir eine solche das erste Mal in seinem „Sandburg“ genannten Haus in Palić gezeigt: Er legte sie auf den Tisch, goss sie, und wir betrachteten das graue Knäuel so lange, bis es sein Fäustchen enthüllte.
Die Araber nennen sie „kufefe“, was so viel wie Händchen bedeutet, beziehungsweise bezeichnen sie sie auch als „die Zange des Propheten“ oder andernorts als „die Hand der Tochter des Propheten“. Aber diese Faust hat auch einen biologischen Namen: „Anastatica hierochuntica“, anastasis bedeutet Auferstehung , und Hiericho ist der griechische Name Jerichos. Für die Christen ist diese Pflanze die „Rosa sanctae Mariae“, aber ich stieß auf einen weiteren Namen, bei dem ich lachen musste: „Odontospermum pygmaeum“.
Auch diese Namen waren jetzt hier vor mir in Form dieses einzigen, schon ein wenig grünenden, doch noch trockenen, aufgehenden Pflanzenwunders. Bis ich diese Pflanze schließlich fest in mein Herz schloss und mir das Adjektiv durch den Kopf schwirrte, „unsterblich“. Man kann unsterblich lieben.  
Was eigentlich eine ganz logische Assoziation ist, denn diese Blume ist scheintot.
Das letzte Mal habe ich in Jerusalaim, den Reise-Essays des Polyhistors János Géczi, über sie gelesen; das Subjekt, dessen Gegenstand die Stadt Jerusalem ist, ist ihr in Natura begegnet – und hat sie am Rande der Wüste vollgepinkelt. Ein sehr interessanter Teil in dem auch ansonsten sehr interessanten Buch, das ich vor Kurzem voller Staunen gelesen habe. Mit einem genau gegenteiligen, doch dazu proportionalen Gefühl wie jenes, das dieser Zuger Zauber in mir hervorruft. Bei Géczi habe ich nämlich die Euphorie der Profanität gelesen und ich vibrierte nicht mit, sondern war zur Deutung gezwungen, auch zu einer gewissen Ablehnung, denn ich kann nicht so atheistisch sein, wie er es ist.
Aber auch nicht ausschließlich. Nach einer katholischen Legende erblüht die Rose von Jericho in der Heiligen Nacht erneut, aber nur, wenn kein Calvinist im Hause ist. Darüber musste ich ebenso wie über das „Odontospermum“ lachen, das heißt… über das sich öffnende Fäustchen eines Mannes…
Die Schweiz ist im Advent voller Luxus, vom Winzigen bis zum Riesigen, von kleinen Lämpchen bis zu himmelstürmenden, leuchtenden Tannen. Es ist gar nicht so schlecht, als armer Bursche durch die im Lichterstrom badenden Gassen zu schwimmen, in dem Saus und Braus, mehr oder weniger ohnmächtig und dem Glockengeläut aus den alten und neueren Kirchen zu lauschen. Blumen und Pastellpapier konnte ich doch kaufen, im Gegensatz zu vielen meiner Landsleute und Menschen in meiner Heimat; deshalb denke ich jetzt an sie.

 

                                                                   Aus dem Ungarischen von Eva Zador