Endstation Moszkva-Platz

István Kerékgyártó erzählt in „rückwärts“ vom Leben am Rande der Gesellschaft

Von Frank Riedel

Der 1953 im südungarischen Kaposvár geborene István Kerékgyártó  studierte Jura und Philosophie, arbeitete als Hochschuldozent, danach in der Wirtschaft, und war als stellvertretender Staatssekretär Mitglied der Regierung, bevor er sich seit 1999 dem Schreiben widmete. Er selbst spricht von seinem vierten Leben als Schriftsteller. Sein vierter Roman rückwärts (Originaltitel: rükverc) ist nun beim Nischen Verlag auf Deutsch erschienen und feierte in Ungarn auch als Theaterstück bereits großen Erfolg.

Zsolt Vidra, die Hauptfigur des Romans, kam als Weihnachtskind in den 1950er-Jahren im sozialistischen Ungarn zur Welt. Keine leichte Geburt, denn der Vater wanderte wegen Diebstahls schon vorher ins Gefängnis, während die Mutter mit allen natürlichen Methoden versuchte, ihrem ungeborenen Sohn das Leben zu ersparen. Als der Säugling dennoch dem Mutterleib entschlüpfte und eine schwere Diphterie überlebte, wurde ihm ein gutes, gesundes und erfolgreiches Leben vorausgesagt – welch ein Trugschluss.

Der kriminelle Vater machte schon dem Kind, aber auch dessen Mutter, schwer zu schaffen. Häme, Spott, Anmache und Beschuldigungen waren in der Nachbarschaft und Schule an der Tagesordnung. Als Zwölfjähriger hatte Zsolti dann auf einer Zugfahrt eine zwielichtige Begegnung mit einem schmierigen Pädophilen. Schlecht war er in der Schule nicht, aber er schwänzte zu viel, rauchte, trank Alkohol und forcierte seine sexuelle Aufklärung mit schweinischen Heften und Anschauungsunterricht bei der eigenen Mutter, die die Haftstrafen des Vaters nicht asketisch verlebte. Der erste Job, Verlader im Fleischkombinat, brachte erste eigene, ausschweifende Erfahrungen mit dem wunderschönen Zigeunermädchen Zsuzsi. Schon da bestand das Berufsleben für ihn aus Tricksen, Betrügen und Abstauben. Unter den Fleisch-, Milch- und Brotwagen gab es einen regen Austausch von „Gemopstem“ und die Frauen und Mädchen der belieferten Dörfer waren Zielscheibe männlicher Lust.

Das „Bescheißen“ und „Bumsen“ steigerte sich noch, als es Zsolt Vidra in Siófok am Plattensee als Kellner mit reichen Schnöseln, deutschen Touristen und Nutten zu tun bekam. Diese „Karriere“ wurde jäh von der Einberufung zur Armee abgebrochen. Aber auch die Tage als Sanitätssoldat haben ihm selten Schönes beschert. Einen Lichtblick erhoffte er sich, als ihn sein nach Singapur ausgewanderter jüdischer Schulfreund Tamás mit Frau, Kind und Oma zu einer Tour ins endlich bereisbare Österreich einlud.

Der Besuch im Konzentrationslager Mauthausen ist ein selten so ergreifend ausgedachtes Horrorszenario. Vidra wollte mit Tamás´ zweijährigem Sohn auf dem Arm draußen warten. Als der Kleine nach der chinesischen Mutter schrie und sein Aufpasser deshalb mit ihm, den Eltern hinterher, in die grausamen Folterräume, Gaskammern und Krematorien hinabstieg, steigerte das Unbehagen des Beschützers und die Angst, die jeden Besucher solcher Orte befällt, das Geschrei ins Unermessliche. „Das Kind […] brüllte wie am Spieß“ und „mit Todesschreien“, bis es endlich wieder bei der Mutter war.

Die eigene Familie erlebt wie die Hauptfigur selbst einen unaufhaltsamen Niedergang. Der Vater landete nach insgesamt 22 Jahren Knast für seine lausigen Panzerschrankknackereien in erbärmlichem Zustand in einem Heim für psychisch Kranke, Erzsi, die Ehefrau, war am 15. Hochzeitstag in seinen Augen „eine fette Sau geworden“, die er rausschmiss, als er sie mit dem Metzger im Bett erwischte. Zu der einzigen Tochter baute er zeitlebens keine richtige Beziehung auf und seine Mutter, die aufs Land gezogen war, starb später, aus Bosheit verstummt, im gleichen Heim wie sein Vater.

Als Nachtwächter in einer Fabrik war Vidra zwar nur „einen Ameisenfurz über den Putzfrauen“, fühlte sich aber als Gigolo und stellte, nachdem seine Frau ihm untreu geworden war, jedem Rockzipfel nach. Als ihm die hübsche Sekretärin und ihr halbseidener Freund ein Unternehmerleben wie in seiner Lieblingsfernsehserie Das Leben der Guldenburgs versprachen, ging er der Versuchung und den Drahtziehern auf den Leim. Neben der Gesundheit kostete ihn das Abenteuer auch seinen Job.

Was dem geschundenen Mann bleibt, ist die Straße, die Obdachlosenheime rund um den Moszkva-Platz, Jobs als Schläger und Geldeintreiber, als Ladendieb, Versuchskaninchen für Hundefutter, Bettler oder Flaschensammler. So endet das bittere Leben des Zsolt Vidra am 27.12.2011, als er in Budapest erfroren auf der Straße gefunden wird.

Und genau hier fängt der in 18 Geschichten erzählte Roman an. Ja, er wird vom Tod des Protagonisten in der Gegenwart, vom Ende her rückwärts bis zu seiner Geburt erzählt. Mit dieser Idee eröffnet sich der Autor die Möglichkeit, den Leser, der bis zum Schluss hofft, einen tragischen Grund für das grausame Schicksal des als Penner sterbenden Zsolt Vidra genannt zu bekommen, jedes Mal aufs Neue zu enttäuschen. Zusätzlich wird dieser Spannungsbogen auch in den einzelnen Texten aufgebaut und gipfelt stets in einem weiteren Unglück. Kerékgyártó nutzt beeindruckend auch die Überschneidungen der einzelnen Geschichten: Man wird so Stück für Stück klüger und versteht besser, was man bereits gelesen hat. Jedes Gebrechen des Verstorbenen, jeder verlorene Zahn, jede kaputte Autolampe erscheint als Vorfall in der folgenden Vergangenheit.

Die Sprache und der Tonfall sind dem bildungsfernen Milieu angepasst derb, ja vulgär wie bei Charles Bukowski. Schöne Worte passen auch nicht zu den schmutzigen Orten, Gedanken und Erlebnissen, die Kerékgyártó schildert. Dabei ist die Aussichtslosigkeit eines glücklosen Lebens, das hier im sozialistischen und später neokapitalistischen Ungarn am Leser vorbeizieht, andernorts genauso denkbar. Einen geborenen Verlierer, braven Arbeiter, Kellner, Nachtwächter, Tagelöhner und Penner, einen der schummelt, betrügt, der an nicht vorhandene Chancen glaubt, sich unglücklich verliebt oder sich auch nur lüstern auslebt, einen, den man ins Herz schließt, den man bemitleidet – so einen gibt es überall. Kerékgyártó gibt den tristen Schauplätzen und traurigen Gestalten ein Gesicht, fügt schonungslos aber kunstvoll Detail an Detail und gewährt seinen Lesern so einen schrecklich realistischen Einblick in menschlichen Abgründe, über die man hoffentlich nur lesen wird.

István Kerékgyártó: rückwärts.
Übersetzt aus dem Ungarischen von Éva Zádor.

Nischen Verlag, Wien 2014.
176 Seiten, 18,90 EUR.
ISBN-13: 9783950334586