Doch nicht kaputt

Zuger Notizbuch 2

„Doch nicht kaputt“ – seufzte ich vor mich hin, denn es gab niemand anderen, dem mein Seufzer gelten konnte: der Heizkörper im Badezimmer ist doch nicht kaputt! Man musste nur einen versteckten Knopf drücken, schon leuchtete ein anderer, größerer Knopf rot auf und die Rohre begannen sich wieder zu wärmen. Dieser Seufzer der Erleichterung galt aber keineswegs nur dem Heizkörper im Badezimmer, sondern so im Allgemeinen allem, das doch nicht kaputt geht, das in Begriff ist kaputtzugehen, aber dann doch wieder funktioniert, wir machen es wieder funktionstüchtig, jemand repariert es, wir finden zufällig den richtigen Mann dafür oder den entsprechenden Knopf, beheben den Fehler mit Aberglaube oder auf dem Weg rationaler Berechnungen. Meist muss man etwas dafür tun, es auszubessern, wenigstens so viel wie ich: blind an einer Wand herumtasten und das Rätsel mit einer Hand lösen.

Hier in der Schweiz gibt es mehr Knöpfe als in meiner Heimat, in Ungarn und in Serbien. Hier gibt es manchmal so viele Knöpfe, dass es keine Menschen gibt. Es ist zwar nicht in Zürich, sondern in Leipzig passiert, aber einmal war ich unfähig am Bahnhof eine Fahrkarte zu kaufen, weil ausschließlich Automaten zur Verfügung standen, es gab auf dem ganzen riesigen Bahnhof nicht einen einzigen Fahrkartenverkäufer in Form eines Menschen, und ich konnte den deutschen Automaten nicht bedienen. In Zürich gibt es auch lebendige Schalter, allerdings verschließen die Toiletten komplizierte Automaten. Weiß man hier denn gar nicht mehr, was eine Klofrau ist?

Die Klofrau ist eine Gattung. Sie wie auch die hinter der Scheibe sitzenden, kräftigen, matten oder hochmütigen Kassiererinnen, die die Fahrkarten mit der Hand ausfüllen oder mit künstlichen Fingernägeln auf den veralteten Computern tippen, sind bei uns Teile der couleur locale, ebenso das vor Nervosität zitternde Schlangestehen vor den Schaltern, oder die Schauder erregend leeren Bahnstationen auf dem Land, wo die Kassiererin zum Versauern verurteilt ist, sich aber doch erbost, wenn du sie ansprichst. In größeren Städten, wie zum Beispiel in Novi Sad, ist es nicht leicht, einen Platz im Bus zu bekommen, man muss sich am Fahrkartenschalter drängeln, danach am Tor des Bahnsteigwärters mit der extra zu zahlenden „Bahnsteigkarte“, und dann, nun bereits zum dritten Mal, an der schmalen Tür des Busses; die Aufregung, ob man hineingelangt, der allmächtige Schaffner einen hineinlässt, es einen Sitzplatz gibt, man nicht hinausgeworfen wird.

Wir sind zu Hause immer sehr aufgeregt, damit ein Vorgang gelingt, damit die Dinge stimmen, wir das Ganze nicht verpatzen, wir oder andere nicht etwas kaputt machen, und noch eher, damit das Ganze nicht von selbst kaputt geht. Bei uns kann immer alles kaputt gehen. Wir leben in dem Bewusstsein, dass ab morgen unser Leben, unsere Waschmaschine oder unsere Beziehung kaputt gehen können. Ob es wohl einen Handwerker gibt, und wenn wir einen finden, wie viel der dann kostet. Und was ist, wenn er sagt, diesen Gasboiler kann man nicht mehr reparieren, und wir einen neuen kaufen müssen?! Das sind nicht nur neurotische Vorstellungen, denn es passiert wirklich, dass der Heizkörper gerade in der grimmigsten Kälte irreparabel ausfällt,  wenn der Handwerker erst nach Weihnachten kommen kann; dass man an einem Feiertag Zahnschmerzen bekommt oder die Ehe gerade an Silvester kaputt geht; dass am dreiundzwanzigsten Dezember bereits die letzte Zahlungsaufforderung aus dem Briefkasten fällt.

Man kann nie wissen. Die Menschen in Osteuropa sind auf die Schicksalsschläge zwar vorbereitet, empfinden es aber als brutal, wenn etwas einen Defekt bekommt, und ahnen eine Katastrophe, wenn ein Schaden entsteht. Sie betrachten die Dinge, die das Leben bedeuten, das Dasein an sich als zerbrechlich und fürchten sich vor dem Morgen. Ob ausschweifend oder asketisch – sie bereiten sich auf den Tod vor. Haben sie nicht Recht? Oder übertreiben wir alles?

Der Heizkörper würde zu Hause bestimmt den Geist aufgeben, obwohl ich zu Hause keinen Heizkörper in Form eines Handtuchhalters habe, ich habe einen Gaskonvektor, den man hockend oder kniend jedes Mal mit einem Streichholz anzünden muss. Zu Hause ginge – während hier ganz Zug erstrahlt – sicher die chinesische Lichterkette am Heiligabend kaputt und würden Ehefrau und Ehemann sich zerstreiten. Aber das ist nicht alles: Die Unsicherheit des Menschen aus Osteuropa ist nicht allein technischer, sondern metaphysischer Art. Das Dasein lenken Zufall und Glück, wie die Empfängnis, die Geburt, den Tod und die Liebe. Alles liegt an einer Haaresbreite. Du bewegst dich auf Messers Schneide. Ein wahrer Eiertanz. Du wirst dir noch die Finger verbrennen! Die selbsterfüllenden Prophezeiungen nehmen bei uns meist ein böses Ende.

In Osteuropa bildet der Staat um seine Bürger keine Insel, um ihre Todesangst, ihre Beklemmung möglichst zu verringern und ihnen kleinere Gewissheiten vorzugaukeln. „Du bist ausgeliefert!“ – das brüllt man den Menschen in unseren Gesellschaften ins Ohr, und den Mächtigen schwillt von dem Gegenteil dessen die Brust:   von der vorab gesicherten reichen Vergütung. Der schöne Volksinstinkt des Ausbesserns, Reparierens, Instandsetzens scheitert an Shakespearschen Machtintrigen. Bei uns wird etwas, wenn es schlecht ist, noch schlechter und ist eine Pechsträhne zu erwarten. Wenn der Föhn kaputtgeht, dann wird auch die Waschmaschine kaputt gehen, und gut, wenn du nicht im dunklen Treppenhaus stolperst. Innerhalb von Augenblicken verlässt dich die Gnade Fortunas, sollte sie dir einst zuteil geworden sein.

Bei uns betrachten sich die Menschen meist als Pechvögel. Die gesellschaftliche und metaphysische Wirklichkeit von Gefährdung und Schutzlosigkeit beleben einander, die Unsicherheit ist keine Philosophie, sondern die Wirklichkeit des Alltags − und des Feiertags. Die Menschen aus Osteuropa sind trotz allem nicht vorsichtig und schonungsvoll, sondern nervös und brutal, und der chronische Mangel an Ordnung macht sie häufig zu Zwangsneurotikern. Wir haben in einem fort Angst und sind erleichtert, wenn nur das kleinere Übel eintritt.

Ohne Rausch- oder Aufputschmittel können wir kaum vergessen, am Rande des Abgrunds zu tanzen und dass es im Leben, in unserem Leben, keine Gewissheit gibt. Während ich diese Zeilen schreibe, stürzt mein Computer natürlich ab und ich verliere den Faden; ich muss mich zusammenreißen, um zu retten, was zu retten ist. Das Wichtigste vergisst man dann aber, und mit dem Vergehen der Zeit wird die Chance zur Korrektur geringer, bis der Sterbliche an den Punkt der Irreversibilität gelangt. „Zerstöre, was du zerstören kannst“ – es gibt Menschen, die so denken, andere aber rufen mit einem Seufzer nach dem Meister, der die Dämonen vertreiben kann.

Die dritte Lösung ist die graue Politik, die es bei uns nicht gibt; jene Politik, die die Bürger leid sind, während sie im Hintergrund allerlei Angelegenheiten regelt. In ihr steckt nichts Mystisches, sie funktioniert nur entsprechend im Reich der Korrektion.

Aus dem Ungarischen von Eva Zador