Szilárd Borbély:

Die Mittellosen. Ist der Messias schon weg?

In einem Interview aus dem Jahr 2011 sagte Szilárd Borbély, es gäbe keine Hoffnung. Wie radikal das Ausmaß dieser Hoffnungslosigkeit sowohl auf der physischen als auch auf der psychischen Ebene ist, drückt sein seit 2006 geschriebener, schließlich 2013 veröffentlichter Roman Die Mittellosen. Ist der Messias schon weg? eindeutig aus. Diese stark autobiographische Geschichte, basierend auf den Kindheitserlebnissen des Autors in einem kleinen, abgeschotteten ungarischen Dorf in den späten 60er-Jahren, entzieht dem Leser fortlaufend die Hoffnung auf eine Wende zum Positiven. Borbélys große Erzählung ist wie der Treibsand unter dem Wasser, der in der Tiefe die unvorsichtigen Brunnenreiniger plötzlich mitreißt. Auf einem solchen Boden wurde das Dorf errichtet und vegetiert zwischen Überschwemmung und Dürre vor dem Hintergrund einer zunehmend tragischen Historie.

Sie wird für das Leben des ungefähr zehnjährigen Icherzählers zum Verhängnis, denn seine unmittelbare Familie ist es, die unter den Konsequenzen der historischen Ereignisse leidet und der allmählich eine kosmische Hoffnungslosigkeit bewusst wird. Mütterlicherseits die zwangskonvertierten Rumänen und der verheimlichte griechisch-orthodoxe Glaube, väterlicherseits der im Dorf kursierende Verdacht, unehelich von dem deportierten und ermordeten Juden abzustammen, die Kulaken unter den Vorfahren, weshalb es im Kommunismus für den technisch ausgebildeten Vater keine Arbeit gibt, und die praktizierten religiösen Bräuche, die aufgrund der neuen Ideologie Gefahr bedeuten.

Die Familie des erzählenden Jungen ist nicht das, was sie sein sollte – nämlich ungarische Bauern –, und kann gleichzeitig nicht sein, was sie gerne wäre – nämlich frei. Es scheint, als würde sie zwischen diesen beiden Polen hin und her schwanken, in Wirklichkeit aber verharrt sie in einer verzweifelten und hilflosen Reglosigkeit. Die Mutter gebietet, jedem Fragenden zu sagen, man sei ungarisch, gleichzeitig verachtet sie den Schmutz und die Anspruchslosigkeit der Umgebung zutiefst und betont wiederholt, nicht dazuzugehören, etwas Besseres zu sein. Als Disktinktionsmerkmal putzt und wäscht sie unentwegt, schlägt aber ihre Kinder mit derselben sinnlosen und blinden Wut, wie es die Bauern tun.

Die Naturnähe und die bäuerliche Umgebung sind kein romantisches Zusammenleben von Mensch und Tier, sondern die Vervielfältigung des Animalischen. Kleine Kätzchen zu ermorden ist ein Zeichen erlangter Männlichkeit, die wachsende Sexualität der Jungen findet ihr Ventil an Tieren. Der Geschlechtsverkehr der Eltern ist keine Liebesbekundung, sondern simples Ficken und der Tod des kleineren Bruders ebenso Teil eines natürlichen Kreislaufes, wie der aus dem Nest gefallenen Vöglein.

Die meisten Dorfbewohner verschmelzen durch den Schmutz, die Gewalt, die Vulgarität und den Alkohol mit dem gnadenlosen Stumpfsinn der Natur; sie treiben ihren Kleinkindern durch widerliche Prozesse das Träumen und das Denken aus. Nur die Familie des Erzählers bewahrt etwas: eine Sehnsucht nach Mehr, die aber zur zusätzlichen Last wird, denn immer wieder aufs Neue wird sie enttäuscht. Die rituelle Frage der Mutter am Ende des Fastentages – ist der Messias schon gekommen? – kippt ebenfalls ins Lächerliche: Der geistig behinderte Zigeuner, der die überquellenden Plumpsklos reinigt, heißt auch Messias. Jeglicher eschatologischer Bedeutung beraubt fragen die Bauern einander vor der Kneipe stehend, ob der Messias schon gekommen sei, man hätte einen Auftrag für ihn. So versinkt der Erlöser in den menschlichen Fäkalien.

Was beschrieben wird bzw. wie es beschrieben wird – nämlich genau und karg – dreht dem Lesenden den Magen um. Zwar sickert die moderne Welt immer wieder durch, doch wird sogar das Erscheinen des Fernsehers durch die vulgäre Umgebung ins archaisch Animalische zurückgezogen. Wegzugehen – die permanente große Hoffnung der depressiven Mutter – ist unmöglich bis zu dem Punkt, als der Vater von seiner eigenen Familie verleugnet und endgültig ausgestoßen wird. Ob das Leben danach besser wird, erfährt der Leser am knappen Ende des Romans nicht – eines wird aber deutlich: Es ist nicht das Leben, für welches das Kommen des Messias hätte sorgen sollen, es ist kein Leben in Freiheit, sondern ein Leben des Verjagten und jeder Hoffnung Beraubten.

Borbélys grandiose sprachliche Leistung wurzelt in seinem lyrischen Sprachgebrauch – der Text hat seine eigene Melodie, ebenso wie die Gedichte des Autors. Wie eine wiederkehrende Reimformel fungieren die Motive des Romans, so das wiederholte Erwähnen der Primzahlen beispielsweise im Altersunterschied zwischen Vater und Sohn, – aber auch die Ausdrucksformen. Paradigmatisch ist die Benennung der Dinge, vom erzählenden Kind immer durch eine alternative Bezeichnung ergänzt, denn in seiner Familie heißt vieles  anders. Die deutsche Übersetzung kann diese Besonderheit des Borbélyschen Textes nur bedingt wiedergeben. Die Leichtigkeit des Romans, die im ungarischen Original einzig und allein auf der sprachlichen Ebene erscheint, die Ausdrücke verwendet, die von der Sprachgemeinschaft augenzwinkernd benutzt werden, verschwindet in der deutschen Fassung und wird eher zu einer Schwere.

Obwohl keine leichte Kost, bleibt der Text auch auf Deutsch ein literarischer Genuss. Die große Leistung des Romans, weitreichende historische Ereignisse im Karpatenbecken durch die persönliche Erzählerstimme plastisch zu vermitteln, ohne belehrend zu wirken, bzw. trotz der rauen Thematik eine schwierige metaphysische Lage zu schildern, ohne dabei gekünstelt zu sein, wurde von Heike Flemming und Lacy Kornitzer mit viel Sprachgefühl ins Deutsche übertragen. Die Hoffnungslosigkeit der Mittellosen bleibt greifbar.

 

Suhrkamp, 2014.

                                                                                                         Héla Hecker