Der Untergang einer Hochkultur

Ernő Szép:

Zerbrochene Welt

Pünktlich zum 70. Jahrestag der Befreiung von Ausschwitz ist Ernő Széps Bericht Drei Wochen 1944 neu erschienen. Nach den düsteren Romanen der ungarischen Gegenwartsliteratur wie Borbélys Die Mittellosen, Kerékgyártos rückwärts oder auch Das Ungeheuer von Terézia Móra überrascht er mit verblüffender Leichtigkeit. Im Kern handelt es sich um die autobiographische Rekonstruktion von drei Wochen im Jahr 1944: Ghettoaufenthalt in Budapest, Deportation nach Veresegyház, Zwangsarbeit und Entlassung. Ernő Szép erzählt von einem blühenden jüdischen Bürgertum, das an der Unmenschlichkeit der Rassenideologie zerbricht.

Es ist der Vormittag eines warmen Herbsttages, als die Männer des jüdischen Hauses in der Pozsonyi-Straße den Befehl zum Deportationsantritt erhalten. Zu diesem Zeitpunkt wohnt der Erzähler schon seit vier Monaten in dem Gebäude, in das er mit anderen Juden zwangsumgesiedelt wurde. Wohnen auf engstem Raum, knappe Essensrationen und Bombenalarm prägen seinen Alltag. An diesem Tag marschieren die Hausbewohner zu einem großen Sammelplatz, wo sich auch andere Menschengruppen einfinden. Die Tatsache, dass fast alle Männer über sechzig sind, erspart ihnen nicht, als arbeitsfähig eingestuft zu werden. So setzt sich eine Kolonne von hunderten Menschen in Richtung Csomád in Gang, begleitet von militärischen Bewachern des Szálasi-Regimes. Nach tagelangem Fußmarsch, ohne Unterkunft, Wasser oder Proviant, erreichen sie schließlich das 30 km nordöstlich gelegene Arbeitslager. Dort werden sie von den Pfeilkreuzlern gezwungen unter inhumanen Bedingungen Schützengräben und Panzerfallen zu bauen. Aufgrund eines schwedischen Schutzpasses, den Szép bei sich trägt, wird er nach drei Wochen, kurz vor Kriegsende entlassen und entgeht so dem sicheren Tod.

Ernő Szép war im Budapest der 20er Jahre ein erfolgreicher Feuilletonist. Und so nimmt auch hier, ganz im feuilletonistischen Sinne, die Lust an der Beobachtung den größten Stellenwert in seinem Schreiben ein. Eine Lust, an der er auch den Leser teilhaben lässt. Höflich bittet er den Leser um die Erlaubnis, seinen Arbeitsalltag zu beschreiben. Distanziert und zugleich mit einer respektvollen Haltung gegenüber seinen Nachbarn, den „stattlichen“ und „liebenswürdigen Herren“, berichtet er galant, aufrichtig und humorvoll von ihrer Einzigartigkeit. Beispielsweise von Dr. Bakonyi, der fast täglich seine Mutter auf den Armen in den Luftschutzkeller hinunterträgt und von Baron D., bei dem man sich allabendlich zum Radiohören versammelt. Wichtig ist ihm auch das tägliche Ritual des Rauchens auf dem Balkon, das er genussvoll zelebriert. Dabei weiß er jedes Detail zu beschreiben: die fast neun Schritte, die er beim Auf- und Ablaufen zählt, und die Sicht auf die Margareteninsel, auf der er früher gelebt hat. Es sind die kurzen Pausen vom Terror des Alltags, die das Leid erträglich machen. Mit viel Fingerspitzengefühl hat der erfahrene Übersetzer Ernő Zeltner diese distinguierte Sprache für den deutschen Leser erschlossen.

Was den Feuilletonisten Ernő Szép jedoch insbesondere auszeichnet, ist ein positives Welt- und Menschenbild, auf dem seine Beschreibungen basieren. Symptomatisch dafür ist die zu Beginn der Deportation gestellte Frage des Erzählers, wo man die Juden wohl einquartiere. In seinen Vorstellungen sind sie in Viehställen auf dem Land untergebracht, wo sie sich mit Stroh zudecken, um am nächsten Morgen weiter zu gehen. Es kommt wie es kommen muss. In der Realität pfercht man sie auf die Tribüne eines Pferderennplatzes, wo sie dicht gedrängt, bei Wind und Wetter, die Nacht zu überstehen versuchen. Und so zerbricht nach und nach der Glaube, dass es irgendjemand gut mit ihnen meinen könnte. Erst zum Schluss, als die jüdischen Zwangsarbeiter selbst im strömenden Regen Schützengraben ausschaufeln müssen und der Widersinn dieses Treibens offensichtlich ist, spricht der Erzähler das so Unfassbare aus: „Jetzt war jedermann klar, dass diese ganze Schanzarbeit keinem anderen Zweck diente, als Juden zu quälen“. Das ist der Moment des endgültigen Bruchs.

Man spürt als Leser die Mühe des Erzählers, die eigene Würde aufrechtzuerhalten. Den Kampf um Hoffnung auf eine Zukunft trotz gegenwärtiger Zumutungen. Je näher die Erzählung unserer Zeit rückt, umso mehr zerfällt die Welt des Schöngeistigen, in der Höflichkeit nicht nur eine Floskel, sondern ein Zeichen des Vertrauens in das Gute im Gegenüber war. Die Welt des ungarischen-jüdischen Bürgertums. Es war die Welt des Bohemiens Ernő Szép.

„Wo bleibt sie denn, die Gerechtigkeit?“ ruft der verzweifelte „hochwohlgeborene Herr G.“. Er ist „seines Zeichens Tafelrichter beim Obersten Gericht im Ruhestand“ und fordert seine Entlassung aus dem Lager aufgrund seines Alters. Ernüchtert kommentiert der Erzähler: „Er will sich nicht daran gewöhnen, kann sich bis heute nicht damit abfinden, dass es keine Gerechtigkeit mehr gibt, dass sie wie die alten Ritterrüstungen ins Museum gewandert ist“.

Nichts könnte treffender beschreiben, was auch Ernő Szép von einer Rückkehr in das literarische Leben der Nachkriegsjahre abgehalten haben mag. Er starb verarmt, krank und nahezu vergessen 1953 in Budapest.

                                                                                        Andrea Hajnalka Meisel

 

Ernő Szép: Zerbrochene Welt. Drei Wochen 1944. Aus dem Ungarischen von Ernő Zeltner. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2014. 238 S., 14,90 €