Die Vergangenheit als eine phantastische Version der Gegenwart

Vom Umgang mit der eigenen Geschichte und was wir daraus lernen können

Geht es in Peter Esterházys neuen Roman um den Doppelspion Paul Nyáry, der sowohl für Ludwig III. als auch für Kaiser Leopold arbeitete?
Oder geht es um Péter Esterházys Familiengeschichte selbst, in der Paul Nyáry nur die symbolische Verkörperung seines Vaters ist, der sowohl Opfer als auch Täter im Kommunismus war?
Im jüngsten Roman des ungarischen Schriftstellers gibt es zwei Erzähler: einen, der durch die fiktive Geschichte einer Intrige im 17. Jahrhundert führt und einen, der das alles kommentiert und die Initiale P.E. mit sich führt.
Die Methode ist Programm. Denn bereits nach den ersten Seiten wird klar, dass die Fußnoten nicht nur Fußnoten sind. Sondern wesentlich die Handlung beeinflussen. „P.E.“, der sich nicht als Péter Esterházy verstanden wissen will, kommentiert den Haupttext in den Fußnoten mit Querverweisen, Gedanken oder Zitaten anderer Autoren. Zusätzlich fügt eine gewisse „H.F.“ (die Übersetzerin Heike Flemming?) ihre Anmerkungen hinzu. Außerdem hat der Autor seine eigene Reihenfolge von Buchseiten eingefügt. Man kann ihr folgen oder auch nicht, in beiden Fällen ist es schwer der Handlung zu folgen. Gekrönt wird das Verwirrspiel durch die irritierende Namensverwendung. Der historische Paul Nyáry war beispielsweise ein Revolutionär im 19. Jahrhundert, an den in Budapest ein Straßenname erinnert, kein Spion im 17. Jahrhundert. Auch Ludwig III. gehört historisch gesehen nicht ins 17. Jahrhundert. Esterházy verweigert sich konsequent den Lesererwartungen nach historischer Authentizität, Wahrheit und Logik. Ohne Zweifel kann er sich dies als bekanntester ungarische Autor der Gegenwart erlauben. So verflicht er Historie und fiktive Geschichte mithilfe der Gattung Roman in- und miteinander.
Auffällig ist, dass sich die Handlung zu einem Zeitpunkt abspielt, die für die ungarische Geschichtsschreibung ein wichtiger Moment ist. Es handelt sich um die Zeit nach der zweiten Türkenbelagerung, in der sich das Schicksal der Ungarn entscheidend wendet. Auf der fiktiven Burg Ged
őcs treffen sich die großen Akteure der Geschichte um zu verhandeln: wem gehört Ungarn? Eine hoch politische Frage im Selbstverständnis der Ungarn. Doch es kommt, wie es kommen muss: statt diese Frage entscheidend zu klären, verfangen sich die Figuren der Handlung in ihre persönlichen Eskapaden. Spionagen, Liebesäffären und Ermordungen stehen auf dem Tagesplan und zum Schluss weiß keiner mehr, worum es eigentlich geht. Péter Esterházy macht so ziemlich das Gegenteil von dem, was die ungarischen Geschichtsschreiber verzweifelt versuchen: das Trauma der ungarischen Niederlage in einen Triumph zu verwandeln.
Dabei hätte Péter Esterházy allen Grund die ungarische Geschichte des 17. Jahrhunderts als seine eigene Heldengeschichte zu erzählen. Er entstammt einem Adelsgeschlecht, das während der Türkenkriege zum Habsburger Kaiserhaus hielt. Die Esterházys sandten ihre eigenen Truppen gegen die Türken und waren erfolgreiche Feldherren. Als Dank wurden sie 1687 vom Habsburger Hof in den Fürstenstand erhoben.
Es ist bemerkenswert, dass sich Esterházy bewusst von seinem erzählenden Ich distanziert, das er in diesen Zeitraum verortet. 
Lieber kommentiert er die eigene Phantasie aus der Sicht des Autors aus dem 21. Jahrhundert. Hinterfragend, zum Teil deutlich widersprechend und immer mit einer Prise Ironie.
Imre Kertész‘ Aussage, der Roman sei ein Prozess, in dessen Verlauf der Mensch sein Leben zurückgewinne, beschreibt treffend das Prinzip der Mantel-und-Degen-Version. Der Hinweis auf dieses Zitat in einer Fußnote zeigt, dass Esterházy die Fiktion als Chance versteht die eigene Geschichte zurückzuerobern. Mit einer ungeheuer großen Assoziationsfähigkeit und einem riesigen Erfahrungs-, Wissens-, und Lektürereichtum, das seine Gedankenwelt auszeichnet, kultiviert er eine kreative Erinnerungsmethode, die die Aufarbeitung der Vergangenheit und die Bewältigung der Gegenwart miteinander vereint. Nicht nur deshalb ist die Lektüre äußerst komplex, historisch verdichtet und intertextuell hochkonzentriert.
„Die Mantel- und-Degen-Version“ ist seine ganz persönliche Version der Vergangenheit. Und sie impliziert neue Möglichkeiten des Erinnerns: die der kreativen Verbindung zwischen damals und heute. Kein Uminterpretieren und gewaltvolles Verschleiern der Wahrheit, wie wir sie aktuell im Umgang mit dem armenischen Genozid in der Türkei wahrnehmen. Und auch keine Überhöhung und Heroisierung der eigenen Herkunft, wie wir sie zu genüge aus fast allen nationalen Erzählungen kennen. Sondern eine phantasievolle Suche nach Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart mit Mut zur Selbstironie. Daraus können wir noch viel lernen.

                                                                                       Andrea Hajnalka Meisel

Péter Esterházy: Die Mantel- und-Degen-Version. Einfache Geschichte Komma hundert Seiten. Aus dem Ungarischen von Heike Flemming. Hanser-Verlag Berlin, 2015, 240 S., ISBN 978-3446-24778-9, 19,90 Euro, E-Book 15,99 Euro