Das Kloster, in dem ich wohne

Zuger Notizbuch 3

Bald muss ich das Verb in die Vergangenheit setzen, aber noch zögere ich die Zeit hinaus, will die grammatische Formel bezaubern, damit die Veränderung nicht eintritt, der jedes Verb immer und zu jeder Zeit unterworfen ist. Der jeder von uns unterworfen ist. Die Zeit beruht nicht auf unserem Willen, und wie der barocke Todestanz-Zyklus auf den Bildern der Spreuerbrücke, der überdachten Holzbrücke in Luzern, seit Jahrhunderten – als ewige Uhr – zeigt:  Für sie sind wir vollkommen gleichwertig, die Zeit trifft keine Wahl nach Personen und kennt keine Gnade. Sie kommt, vergeht und verfliegt nach ihren eigenen unbekannten Gesetzen – wir können höchstens intervenieren. Unsere subjektiven Sinnestäuschungen – die Täuschungen unser selbst und anderer – machen uns glauben, dass wir es sind, die sie bemessen und zuschneiden, dabei nähren wir nur unsere Illusionen, so wie unseren Bauch, Tag für Tag, denn auch von der Zeit wollen wir mehr erhaschen, als uns gegeben ist. Der eine erweitert den Augenblick, der andere verlängert sie oder bittet um Aufschub, und es gibt auch solche, die nicht mehr von ihr haben wollen, die mit ihr brechen. Die tausendfache Manipulation mit der Zeit ist unsere anthropologische Besonderheit. Wir sind unserem Menschsein restlos ausgeliefert, Nietzsche hätte dies vergebens überschreiten wollen, der Rückfall ist umso verblüffender.

In diesem alten Kloster, in dem ich wohne, habe ich viel über unsere anthropologischen Besonderheiten gelernt, wenn auch weniger über die Transzendenz. Als wäre Letzteres im Grunde genommen gar nicht zu erlernen, die Lektionen kommen aus einem unbekannten Bereich, oder sie unterbleiben. Von außen ist nicht zu sehen, was dieser Ort alles in sich birgt; wie im Falle so vieler Schweizer Häuser haben sich die Jahrhunderte als Palimpsest aufeinander geschichtet, und die vielfache, sorgsame Renovierung, Restaurierung hat die Spuren der Zeit nicht nur konserviert, sondern verschweißt und aufgefrischt. Blut und Schweiß abgewischt, die Falten geglättet: Das Alte ist hier neu und das Neue alt. Die Geschichte ist für das Auge unermesslich, der Weg führt zwar sichtlich durch sie, doch sie haust im Unsichtbaren, durch das der Weg uns bereits ins Nichts bringt. Können wir jenen Atopos vielleicht als Tod bezeichnen, in dem die Perspektive erlischt? In einem Leben von vierhundert Jahren wohne ich für kurze Zeit – sieh da, ich bezeichne fünf Monate als kurze Zeit −, schlafe über einem mit weißen Mauern gesäumten Nonnenfriedhof, esse, lese und schreibe, auch in diesen Minuten neigt sich mein Kopf über gleichförmig schwarze, eiserne Grabkreuze. Aus meinem Schlafzimmer öffnet sich eine neue weiße Tür zu der 1621 gegossenen Glocke, oder umgekehrt, die alte Glocke grüßt mich durch die neue, weiße Tür.

Wir vertragen uns gut. Ich mag meine Nachbarin, den Klang der Glocke und ihre unbeirrbare Gegenwart; in dieser fremden Geschichte lege ich meinen Kopf vertrauensvoll zum Schlaf nieder. Hier, in der Schweiz fügt mir die Geschichte keinen Schmerz zu. Ich könnte den aufmerksamen Umgang mit der Geschichte auch als geschichtliches Taktgefühl bezeichnen, und darüber wundere ich mich Tag für Tag beim Aussteigen aus den schlechten Zügen Osteuropas und des Balkans (was sich jeden Morgen wiederholt, denn dieser Zug ist mein Körper!). Ist diese äußere Erscheinung echt? Dieses Wohlwollen? Das lange, friedvolle Leben der Stoffe? Bei uns wird auf die blutige Geschichte mit blutigen Gesten geantwortet, und unser geschichtliches Bewusstsein ist übersät mit Wunden. So wie die kreuz und quer eingeschnittenen Tafeln von Georg Baselitz aus rohem Holz. Die Wunden seiner Bretter leuchten von Weitem golden, aus der Nähe sind sie faserig, stechend. Bei uns hat jeder ein Familienmitglied, das einen gewaltsamen Tod gestorben ist oder aus den Reihen der Lebenden vertrieben wurde, oder in ein fernes Land emigrierte. Hier aber gibt es etwas anderes: Behutsamkeit, Aufmerksamkeit, Samthandschuhe. Eher ein Schweigen als einen Schlachtruf. Ein Bewahren, Behüten, Sichkümmern; eher einen Neuanstrich, eine Sanierung als den Verfall. Darüber wundere ich mich, denn in der Batschka verwendet man das Wort der Sanierung im Sinne von „Liquidierung“.

Es scheint grotesk und dramatisch, dass wir Osteuropäer das Blut unserer Geschichte trinken, Helden und Schlachten feiern, indem wir den märchenhaften Heroismus gewollt oder ungewollt verspotten… das Grauen preisen, die kurzen Friedenszeiten aber verschachern oder in ihnen die Vorbereitungen zum Krieg sehen. Diese Inversion, der Beleg der Zerstörung, der Liquidierung ist statt zur Ehrfurcht des Friedens zu unserem Blut geworden, wir bemerken nicht einmal, wie das Pech in unseren Adern dahinplätschert. Die kognitive Dissonanz führt dahin, dass in Ungarn immer neue schändliche Denkmäler und gut finanzierte Institutionen ihr Festhalten an einer Geschichtsanschauung ausdrücken, die Böses gebiert.

Das Kloster, in dem ich wohne, besteht seit vierhundert Jahren, doch nie war es ein leeres Baudenkmal, es durchlief immer wieder neue Sanierungen, Erweiterungen, Modernisierungen. Das Gebäude und der Orden der Kapuzinerinnen wollten am Leben bleiben, deshalb entstanden daneben die Mädchenschule, der Hühnerhof, der Schweinestall, der Gemüsegarten, der Bauernhof, den seit Jahrhunderten dieselbe Familie führt (bei ihr, der Familie Horat, kaufe ich Äpfel und Eier), die Obstdörrerei, der Wintergarten, der Gartenpavillon… Früher stand in der Nähe des Hühnerstalls eine Kopie von der Höhle der Jungfrau von Lourdes, und der Gemüsegarten (der zum Teil auch heute noch existiert, ich sehe im Frühlingswind bereits das Grün der Zwiebeln) wurde aus dem eigenen Brunnen des Klosters bewässert. Dieser Brunnen plätschert bis zum heutigen Tage im inneren Hof des Gebäudes, mit dem kalten Wasser des Baches nährt er das Nichts, denn er hat keine Funktion mehr, und es gibt auch fast niemanden, der ihn bewundert.

Das Kloster wird bald ganz leer sein.

Die Quelle des Brunnens – will sagen: der Vorgänger des heutigen Brunnens – wurde 1628 erbaut, beziehungsweise hat Jost Knopfli, der Baumeister von Zug, einen Bach von seinem eigenen Grundstück am Berg hier herunter geleitet, damit die Nonnen, unter denen sich auch seine Tochter Benedikta befand, zum Wasserholen nicht auf den Berg hinauf mussten. Sechzig, siebzig Jahre später versah ein anderer namhafter Bewohner Zugs, der Steinmetzmeister Wickart, den Brunnen mit einem sechseckigen Becken und einer Marienskulptur, die hundertfünfzig Jahre später auf eine anmutige Säule gestellt wurde. Mit diesem Brunnenwasser wurde gekocht, in diesem wurde Wäsche gewaschen, wuschen sich die Nonnen, damit schrubbten und gossen sie.

Die zu jener Zeit, im siebzehnten Jahrhundert nur wenige waren, zu zwanzigst, wenn überhaupt. Schon zu Beginn des vierzehnten Jahrhunderts lebte hier, neben der einstigen St. Michael-Kirche eine religiöse Laiengemeinschaft, vier Beginen; 1400 mochten auf diesem Gebiet in kleinen Holzhäusern etwa zwanzig Schwestern und Brüder gelebt haben. Später wurde unter der Leitung des bereits erwähnten Jost Knopfli das Fundament des Klosters erbaut, der, da sieh her, kein Schwerter schwingender Held gewesen war (mit seinem Beil verletzte er sich nur einmal bei der Arbeit am Bein). Im Laufe der Zeit nahm die Zahl der Nonnen mal ab, mal stieg sie an, am meisten waren sie 1929, 63 an der Zahl, doch auch 1957 lebten noch 59 Nonnen und – das ist wohl wahr – insgesamt eine Novizin in den damals bereits geräumigen Flügeln des Klosters. Von da an sank ihre Zahl rapide, und heute zählt sie wieder so viel wie zu Beginn ihrer Geschichte: In dem riesigen Gebäude wohnen sechs Nonnen, sie sind allesamt achtzig, neunzig Jahre alt. Schwester Fidelis, die ihr Gelübde 1945 abgelegt hat, ist genau 95. Bei jedem Gebet sitzt sie da, tief gebeugt; stehen, knien kann sie nicht mehr.

Als ich aus Budapest in das Kloster kam, schloss ich das beeindruckende Gebälk meiner kleinen Wohnung sogleich in mein Herz. Ich könnte auch sagen, ich sehe das Brett vor meinem Kopf. Die Zeit hat sich in Form von Holzwürmern in das Holz gefressen, das Tausende von Poren mit ihren Punkten übersäen und Labyrinthgänge ädern: Runzeln und Risse. Die Farbe brennt von Hellbraun bis Dunkelbraun in allen Nuancen des Gelb, schwarze Narben prangen hässlich darauf – es ist, als könne man von dem Gebälk sagen, dass es lebt und verletzt ist, gleich einem Lebewesen. Das Holz ist mit seinem Schorf, seinen offenen Wunden gesund und lebendig, es hat Poren, atmet. Wenn ich es anfasse, ist es warm. Schön. Für mich ein Kunstwerk. Der Künstler ist die Geschichte. Wie ich herausgefunden habe, gibt es hier gemäß den dendrochronologischen Untersuchungen Balken, deren Holz auf das Jahr 1571 zu datieren ist! Mein kleines Zimmer befindet sich unmittelbar neben dem alten Turm, der als Dachreiter bezeichneten Spitze, auf der ein ziseliertes Kreuz über mir prangt, jenes, das auch auf einem Holzschnitt aus dem Jahr 1700 zu sehen ist.

„Ich habe es in mein Herz geschlossen“ ist für mich deshalb eine starke Metapher, weil ich im Kunsthaus Zürich mehrmals vor der riesigen, die ganze Wand bedeckenden Leinwand von Anselm Kiefer, dem „Parsifal“, gestanden habe, auf der ein geschlossener, fensterloser Dachboden zu sehen ist, mit ebensolchen Balken, Brettern wie bei mir  („eines jeden Bretter“), in der Mitte mit einer Schüssel Blut und der Aufschrift „Höchsten Heiles Wunder! Erlösung dem Erlöser!“. Das Gemälde hält mich gefangen; Figuren und Fenster stellt es nicht dar, es hebt mich wahrhaft  in den Schauplatz des Dachbodens hinein, dessen Gerüst auch auf ein Schafott alludiert und den Betrachter zur blutigen Schüssel führt. Wer das Bild betrachtet, ist eingeladen, darf eintreten. Auch dieses Werk ist voll Adern und Äderungen, Wurmstichen und Verwerfungen, schwarz nachgezogen, die Schüssel voller Blut aber wartet auf einem Hocker auf uns.

Die Darstellung des Erlösers ist im Kloster ewig gegenwärtig. Ich weiß, dass hier unter meinen Sohlen die Kirche mit dem Kreuz ist, auch der Glockenklang lässt es mich nicht vergessen, und über der Eingangstür erwartet mich die neobarocke Nischenskulptur des auferstandenen Christus. Im Klosterhof erhebt sich ein großes Steinkreuz zwischen den immergrünen Baumwipfeln. Ich betrachte es, sehe, wie Schnee und Regen darauf niederprasseln. Die greisen Nonnen heften ihren Blick viele Male am Tag an das zeitlose Kreuz in der Kapelle. Auch im Refektorium hängt der Korpus, darunter brennt eine Kerze. Ich kann nicht umhin, daran zu denken, dass der blutig gemarterte, agonierende Körper im Fokus einer verborgenen Welt hängt. Überall! Diese Art der Gegenwart ist heute latent, bis zur Unkenntlichkeit vervielfältigt, im Mittelalter war sie manifest und konzentriert.

Damals, doch auch noch im 18. Jahrhundert, waren die Nonnen von den als Reliquien verehrten, toten Knochen begeistert, die spürbar den Tod „beinhalteten“. Noch dazu den Martertod. Im Kloster gibt es auch heute noch das in Samt und Seide, in Gold und Silber gekleidete Skelett mit dem roten Umhang, dessen Kleidung die Nonnen genäht und bestickt hatten, in Zuneigung zu den kleinen gelblichen Märtyrerknochen. Zeichentheoretisch waren diese Knochen Zeichen, Bezeichnendes und Bezeichnetes zugleich, da sie gleichermaßen immanent und transzendent waren – sie vergegenwärtigten die Sakralität zwischen den Menschen, daher schrieb man ihnen glaubwürdige Wahrheitskraft und Heilkraft zu. Höchsten Heiles Wunder! Auch die berühmte Oper dreht sich um Reliquien. Die Reliquie ist nichts anderes als eine Sensation in der Zeichenwelt, der Garant der Glaubwürdigkeit. Und was glaubwürdig ist, das dient, demnach, auch gleich der Heilung.

Die Glaubwürdigkeit der Reliquien ist höchst zweifelhaft  – wenn wir ungeschichtlich denken und wenn wir in der Geschichte denken, gleichermaßen; längst haben wir die Welt verloren, in der das Maß der Glaubwürdigkeit etwas ganz anderes war und die kleinen Knochen Gold wert waren.

Zug, Luzern und Umgebung leisteten der Reformation Widerstand. Wer weiß, zu welchen Zusammenstößen es hier, an diesem Ort gekommen ist. Auch den alten Glaubenskriegen habe ich zu verdanken, dass ich eine kurze Zeit in diesem Kloster wohnen darf, in dem die Verfolgten der Reformation Unterschlupf fanden – denn die Stadt unterstützte die Kapuziner, damit sie die katholische Schutzmauer verstärkten. Im benachbarten Zürich trug bereits die Reformation den Sieg davon.

Der Kapuzinerorden ist die reformierte Variante des Franziskaner- beziehungsweise Klarissenordens; seine sadomasochistische Strenge, deren Geistigkeit ein barockes Phänomen ist, traf auf Widerstand, und doch hielten sie die Klausur von 1744 ganz bis 1967 aufrecht. Die Nonnen durften selbst in jüngster Vergangenheit nur durch ein Gitter mit den Besuchern sprechen, sie durften das Kloster nicht verlassen, sogar zur Beerdigung ihrer Eltern ließ man sie nicht, höchstens in die Schule konnten sie gehen – sie unterrichteten ganz bis 1994. Bis Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts besuchten die Mädchen von Zug bei ihnen die Schule oder wohnten in ihrer Anstalt. In den Klöstern wurden die Mädchen zu Demut und Gehorsam erzogen, die hier jedoch lernen und zusammen oder allein sein konnten. Die in der braunen Kutte, dem schwarzen Skapulier, mit dem Strick um die Taille und dem Rosenkranz an ihrer Seite erscheinenden Lehrerinnen gehörten lange Zeit zum Leben der Schulen und der Stadt. Früher trugen sie viel geschlossenere Hauben und Wollkutten, unter denen sie kaum Luft bekamen und schwitzten. Es war sicherlich nicht leicht, in diesem schweren Stoff und dem unter dem Schleier hochgewickelten Tuch Hostien zu backen. Denn nach den Jahrhunderten des Bettelns war neben dem Umwickeln der Reliquien das Backen der Hostien die andere Beschäftigung der Schwestern, mit der sie Geld verdienten.

„Lamm Gottes“ – ich lasse mir diese besonderen deutschen Worte mit der an meinem Gaumen klebenden Hostie auf der Zunge zergehen. Die Sprache, das Papier, denn die Hostie schmeckt nach Papier, und das Fleisch, das dieses Papierstück bedeutet, sogar repräsentiert, essen wir zusammen, sie verschmelzen weich mit unserem Speichel. Die runde Hostie lässt wie der im Spiegel eingefangene Sonnenstrahl die verschiedenen Bedeutungen, Zeichen und Zeiten miteinander eins werden. Dieser Vorgang, den ich hier und jetzt erlebe, ist derselbe, den beispielsweise Viktoria Wickart – die offensichtlich ein Nachkomme der erwähnten Bildhauerfamilie war – in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erlebte. Sie ist im Professbuch unter der Nummer 107 als Schwester eingetragen. 1693 starb sie, im Alter von 55 Jahren, wir sind also „gleichalt“; stets gleichalt. Ihre Gebeine liegen nicht mehr auf dem Klosterfriedhof.

Die Barockkirche wurde 1964 durch die Nonnen von ihren Verzierungen „gesäubert“ und durch moderne, puritanische, kantige Formen, bloße Steine ersetzt. Die Kapelle ist farblos, ihr reiner Charakter macht uns nachdenklich; sie ist wie eine Kritik am katholischen Mystizismus. Gebietet Stille, Bescheidenheit, Rückzug. Demut bis zum Selbstverlust. Nachwuchs gibt es nicht, der Orden wird bald aussterben. Die Kapuzinermönche haben bereits vor achtundzwanzig Jahren ihre Tore geschlossen. Die Säle meines Klosters sind von oben bis unten mit Holz verkleidet, wundervolles, starkes Holz knarrt unter den Sohlen, lauter als die Hostie in meinem Mund knirscht. Der warme Glanz und Duft des edlen Materials erfüllt einen mit dem Gefühl des Glücks, bietet Zuflucht. Die geheimnisvollen Treppen und Zellen, die schlichten und doch prunkvollen gemeinsamen Räume, die Intarsien, der dunkelbraune Glanz, all das wird dem Weltall übergeben werden, oder das Ganze wird einen Funktionswandel durchlaufen, vielleicht dem Tourismus dienen.

Der Klostergarten war voller Schneeglöckchen, jetzt haben Primeln und Märzbecher ihren Platz eingenommen. Unter meinem Fenster durchläuft der Friedhof einen Blumenwechsel.

Ich konnte mit den Nonnen in der Kapelle beten. Das Deutsche vermischte ich manchmal mit dem Ungarischen, doch der deutschsprachige Text der Liturgie bezauberte mich. Es bezauberten mich die Worte, denn in dieser fremden Sprache, die mir doch bekannt ist, war es, als würden sie neu geboren. Ich konnte mich nicht immer konzentrieren, oft hörte ich nur die Geräusche, das stockende Schnaufen des Alters, das Knarren und Seufzen der alten Knochen, oder das Rumoren meiner eigenen zivilen Unbeholfenheit. Die Kerze flackert stumm, sie tropft nicht. Eines hat sich in mir während der hier verbrachten Zeit ganz sicher formuliert: Gott ist keine Garantie, keine Gewähr, ganz im Gegenteil: Er ist der Geist, das Zeichen jenes Geistes, der alles, was in der gegenwärtigen Welt herrscht, in Frage stellt, und die Welt sogar als Ganzes hinterfragt. Er setzt aufflammende Fragezeichen. Er ist ein Zeichen, dem widersprochen wird, genau so, wie es in der Bibel steht (Lk, 2).

Im Kreise der sieben greisen Nonnen ist es, als hörte ich mit einem Ohr gar nicht die deutsche, sondern eine längst vergessene Sprache, während ich mit dem anderen den Geräuschen ihrer Körper und meines eigenen lausche, dem leisen Knarren der Holzbänke.

                                                                Aus dem Ungarischen von Eva Zador