Eva Zador – Die Stimme des Autors hören

Üblicherweise denkt man und spricht man davon, wie klein denn die ungarische Sprache ist. Sie wird von wenigen gesprochen, ihre Außerordentlichkeit, ihre Besonderheit macht es ihrer Literatur unmöglich, in die weite Welt hinaus zu gehen. Das ist ein Mythos. - Eine der Beteiligten der Vermittlung ungarischer Literatur in Deutschland,  Eva Zador, haben wir nicht nur zu ihrem Werdegang befragt, sondern auch über die Situation der Literaturübersetzung und das Prestige ihres Berufs.

Tibor Keresztury: Wie würdest du im Kontext der zeitgenössischen Literatur das Prestige, die Wertschätzung, die Situation der Literaturübersetzer charakterisieren?

Eva Zador: Die Frage ist vielschichtig. Wir können über fachliches Prestige reden, materielle Wertschätzung bzw. davon, inwiefern die Leser den Übersetzer wahrnehmen. Außerdem ist es auch nicht einerlei, von welchen Sprachen wir sprechen. Meine Situation kann eigentlich nicht mit der Situation eines Literaturübersetzers verglichen werden, der ins Ungarische übersetzt, nachdem Deutsch meine Muttersprache ist und ich ausschließlich ins Deutsche übersetze. Normalerweise denkt man und spricht man immer davon, dass die ungarische Sprache eine kleine Sprache ist, von wenigen gesprochen wird, ihre Außerordentlichkeit, ihre Besonderheit auch ihre Literatur für die Welt verschließt, doch das ist ein Mythos. Im deutschen Sprachraum, den ich besten kenne, erfreut sich die ungarische Literatur großer Wertschätzung. Doch kann der deutsche Buchmarkt, was seine Größe angeht, keinesfalls mit dem ungarischen verglichen werden. Der deutsche Leser hat, wenn er auch einen Autor kennt, im Allgemeinen keine Ahnung, wer der Übersetzer dieses Autors ist. Natürlich würde sich der Übersetzer freuen, wenn sich auch das große Publikum seiner bewusst wäre, sich bewusst wäre, wie groß seine Rolle eigentlich dabei ist, dass Literatur, die in einer fremden Sprache geschrieben wurde, für es zugänglich ist. Gut wäre es, würde man dem Übersetzer Anerkennung zukommen lassen, vielleicht nicht unbedingt als Co-Autor, aber doch als Kunstschaffender, der am Prozess der Literatur wesentlich beteiligt ist. Es gibt einige Initiativen, um dies zu ändern, hier sei zum Beispiel der Brücke-Preis erwähnt, bei dem Autor und Übersetzer als gleichwertig behandelt werden und das ist sehr gut. Die Fachwelt, also die deutschsprachigen Literaturzeitschriften und Buchverlage bzw. die ungarischen Autoren, deren Werke ich übersetze, anerkennen mich, so hab ich das Gefühl, als Mitautorin.

Wo kann man, wenn man es sich denn in den Kopf gesetzt hat, Übersetzung lernen, sich Praxis aneignen und Erfahrungen sammeln?

Das ist eine schwierige Frage, auf die es keine wirkliche Antwort gibt. Oft hängt es vom Glück ab, ob ein Anfänger über genügend Ausdauer verfügt und die notwendige Entschlossenheit, um durchzuhalten, bis er es zu einer Zeitschrift oder gar einem Verlag schafft. Rat kann ich keinen geben, wo man nun anfangen soll, ich hatte auf jeden Fall Glück und ich denke, ich hatte auch die Entschlossenheit, um nicht auf halbem Wege aufzugeben. 1995 bin ich nach Ungarn gezogen, ich kannte auch damals schon viele ungarische Schriftsteller, doch hatte ich zu keinem deutschen Verlag irgendwelche Kontakte. Ich arbeitete als Fachübersetzerin, denn ich hatte gar keine andere Wahl. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich das nicht mochte oder heute nicht mehr machen würde, übersetze ich doch im Allgemeinen geisteswissenschaftliche Texte, was mir auch sehr nahe steht. Bei der Übersetzung von literarischen Texten, am Anfang meiner Laufbahn als Literaturübersetzerin, spielte die Zeitschrift Három Holló/Drei Raben eine große Rolle, die Wilhelm Droste und ich, wenn ich mich richtig erinnere, 1999 gründeten. Für unsere Arbeit erhielten wir nicht wirklich ein Honorar, doch war die Zeitschrift für die Propagierung der ungarischen Literatur wichtig und ich konnte auch notwendige Erfahrungen bei der Literaturübersetzung sammeln. Seitdem hat sich meine Lage natürlich geändert, heute liegt mein Schwerpunkt, zu meiner großen Freude, bereits bei der Übersetzung sogenannter schöner Literatur.
Doch wenn ich der heutigen Jugend etwas raten sollte, dann würde ich jenen, die ungarische Literatur übersetzen, unbedingt das Programm des Balassi-Instituts für Literaturübersetzung ans Herz legen, das von Péter Rácz koordiniert und geleitet wird und an dem ich seit ein paar Jahren auch selbst als deutschsprachige Tutorin teilnehme, weil es hier Möglichkeiten gibt, das eigene Talent in verschiedensten Stilen, mit verschiedenen Texten und auf verschiedenen Sprachebenen mithilfe von Fachleuten weiterzuentwickeln.

Wie viel Arbeit, Aufträge hat jemand Bekannter vom Fach wie du?

Ich bin freiberuflich tätig, das kennst du natürlich auch. Jetzt, wenn du die Frage stellst, kann ich mich nicht beschweren, aber man kann nie wissen, wann es wieder anders wird. Ich freue mich, dass ich einige Monate im Voraus planen kann. Ich habe das Gefühl, dass meine Arbeit nun endlich Früchte trägt, weil bekannte deutschsprachige Zeitschriften und Verlage schon wissen, wer ich bin.

Was ist typischer: dass einen Verlage kontaktieren oder dass der Übersetzer sich an Verlage wendet?

Beides kommt vor. Als Anfänger kommt es natürlich öfter vor, dass der Übersetzer sozusagen hausieren geht, was keine Schande ist, ja ausgesprochen zu empfehlen ist. Ich werde heute schon von Verlagen angeschrieben, trotzdem hausiere ich immer noch, gibt es doch viele ungarische Autoren, die ich für wichtig halte, von denen man aber im deutschsprachigen Raum noch nie gehört hat.

Wird die fertige Übersetzung von einem Lektor, Korrektor durchgesehen?

Normalerweise schon. Ich halte das für besonders wichtig und kann fuchsteufelswild werden, wenn das nicht gemacht wird. Das Übersetzen ist wenigstens eine genauso einsame Profession wie das Schreiben, deshalb braucht auch der Übersetzer ein zweites, fremdes Paar fachkundiger Augen. Es tut dem Text ausgesprochen gut, wenn er vor dem Erscheinen auch noch von einem guten Lektor durchgesehen wird. Die wirklich ideale Situation ist gegeben, wenn der Übersetzer und der Lektor als gutes Team zusammenarbeiten können.

Du hast Endre Kukorelly und Ferenc Barnás übersetzt; selbst wenn wir uns sehr anstrengen, würden wir wohl keine zwei Autoren finden, die unterschiedlicher sind. Wie bist du auf sie gekommen? Mit welchem tatst du dich schwerer?

Da hat hast du recht, sie unterscheiden sich sehr. Zum Glück. Ich liebe die Vielfalt, außerdem halte ich beide für bedeutende zeitgenössische ungarische Schriftsteller und ich glaube, dass die Werke von beiden das Interesse der deutschsprachigen Leser verdient haben. Ich mag die Stimme Kukorellys, seine Verspieltheit, seine Art, wie er die jüngste ungarische Vergangenheit und die Gegenwart abbildet. In ElfenTal zum Beispiel, das ich für einen bedeutenden zeitgenössischen Roman halte, erscheint die Wiederholung als wichtiges Stilelement, aber nicht unbedingt wortwörtlich, sondern in leicht abgeänderten Variationen. Kukorelly spielt auch in seiner Prosa mit der Sprache wie in einem Gedicht, man muss bei ihm sehr aufmerksam sein, damit das lyrische, dichterische seiner Sprache, die auf den ersten Blick alltäglich erscheint, auch in der Übersetzung durchkommt. Doch ebenso nah steht mir die Welt von Barnás. Als ich den Roman Der Neunte das erste Mal las, spürte ich, dass ich einfach nicht umhin kann, dieses Buch zu übersetzen. Während der Übersetzung musste ich in erster Linie darauf achten, dass ich nicht aus der sprachlichen Welt des kleinen Jungen, der hier der Erzähler ist, herausfalle; die Eigenartigkeiten im Text, die Brüche mussten erhalten bleiben. Obwohl beide völlig unterschiedliche Charaktere sind, halte ich beide für großartige Autoren, außerdem ist für mich als Übersetzer, sie ins Deutsch zu bringen, eine wirkliche Herausforderung und eine schöne Aufgabe. Mit welchem ich mich schwerer tat? Die Schwierigkeiten des Übersetzens liegen meiner Meinung nach in erster Linie darin, die Stimme des Autors zu hören und dann in deiner Muttersprache jene sprachlichen Mittel zu finden, mit denen du sie am glaubhaftesten erklingen lassen, wiedererschaffen kannst. Wenn das gelingt und ich ein Gefühl für den Autor bekomme, dann denke ich nicht darüber nach, ob das jetzt schwierig ist oder nicht.

Die Übersetzung welcher zeitgenössischen literarischen Werke ist außerdem noch mit deinem Namen verbunden? Auf welche größeren Übersetzungen bist du stolz?

Stolz? Ich weiß nicht, ob das das richtige Wort ist. Ich mag jede meiner Arbeiten sehr gern. Zuletzt sind eben Der Neunte von Ferenc Barnás und Schäbiges Schmuckkästchen von Noémi Kiss, davor rückwärts von István Kerékgyártó, im Moment bin ich auf diese stolz. Ich mag aber auch das Buch von László Márton, Das Versteck der Minerva, das Wilhelm Droste und ich gemeinsam übersetzt haben. Oder meine Ottlik-Übersetzung. Ich habe die Interviews, die mit László Krasznahorkai gemacht wurden, gerne verdeutscht, die Erzählungen von Pál Ficsku, die Gedichte von Dénes Krusovszky oder Texte, um auch jemand jungen zu erwähnen, von Orsolya Bencsik. Ich übersetze gerne Drehbücher, die erscheinen natürlich nicht und die Übersetzung ist nur ein Teil eines Arbeitsprozesses und scheint keine literarische Aufgabe zu sein, doch die Übersetzung von György Pálfis Texten und der von Ildikó Enyedi ist dennoch nicht einfach „Arbeit“. Ich habe noch eine große Liebe, die Übersetzung von Theaterstücken, in diesem Zusammenhang möchte ich János Háy erwähnen.

Was hast du für langfristige Pläne, hast du Übersetzungsträume?

Wirklich langfristig kann ich, das ergibt sich aus meiner Situation, nicht planen, da ich nicht wissen kann, ob sich meine Wünsche mit den Absichten der Verlage decken. Deshalb spreche ich auch nicht gerne über meine Träume, da es nicht an mir liegt, ob sie Wirklichkeit werden, außerdem hatte ich auch schon Träume, die dann von anderen verwirklicht wurden. Aber wenn wir schon von Träumen sprechen: einer davon ist jetzt dennoch Wirklichkeit geworden. Beim Wiener Nischen Verlag ist im Frühjahr zur Leipziger Buchmesse Der Neunte von Ferenc Barnás erschienen, ebenso wie das literarische Reisebuch Schäbiges Schmuckkästchen von Noémi Kiss beim Europa Verlag Berlin. Derzeit arbeite ich noch an dem Werk Der kalte Dämon von Tamás Miklós. Es handelt sich zwar um keine schöne Literatur, aber als philosophischer Text ist er eine riesige Herausforderung, sehr spannend und eine schöne Aufgabe. Am intensivsten beschäftigt mich aber jetzt der Roman Die dritte Brücke von László Szilasi, der im Herbst beim Nischen Verlag erscheinen wird, und ich habe noch viele andere Pläne, aber verzeih mir, wenn ich darüber aus Aberglauben nicht spreche.

 

                                                          Aus dem Ungarischen von Clemens Prinz

 

Das Interview ist erstmals auf litera.hu erschienen.