Eine Psychologie der Armut

Eine Rezension von Andrea Hajnalka Meisel

Der in Ungarn mittlerweile berühmte Autor Ferenc Barnás hat mit dem Roman Der Neunte eine außergewöhnliche Hommage an das Kindsein geschrieben, der nun nach neun Jahren auch auf deutscher Sprache im Nischen Verlag erschienen ist. Die vom Hunger geprägte Sicht des Erzählers zeigt sich hier als ein genialer Kunstgriff: Sie führt dem Leser die psychologischen Folgen der Armut vor Augen, ohne sich ihrer selbst bewusst zu sein. Die Geschichte eines armen Kindes für Erwachsene.

 Der junge Erzähler ist das neunte Kind einer Familie, die im kommunistischen Ungarn der 60er Jahre lebt. Die Mittellosigkeit prägt seinen Alltag. Doch wie jedes Kind, das seine Umgebung als etwas Selbstverständliches annimmt, so ist auch ihm der morgendliche Hunger so vertraut wie das Zur-Schule-Gehen, das Aufstehen und die Schläge des Vaters. Die zwölfköpfige Familie lebt auf fünfundzwanzig Quadratmetern, die Betten dicht gestellt, man kann weder gehen, noch stehen. Je nach Größe drängen sich zwei bis vier Geschwister auf einen Schlafplatz. Sie alle arbeiten für den Traum von einem größeren Haus. Unter der Fürsorge der Mutter und der tyrannischen Kontrolle des Vaters fertigen sie in Akkord Hunderte von Rosenkränzen und Heiligenbildern an, um den Traum von einem Haus wahr werden zu lassen. Die körperliche Schwäche des Jungen, seine  Sprachlosigkeit und die Scham über seine verkrüppelte Hand erzeugen ein Außenseitertum, das gleichzeitig seine Wahrnehmungsfähigkeit schärft. Barnás malt das skurrile Bild einer Provinz zwischen Elend, verzerrter Religiosität und Familienalltag mit so viel Liebe und Detailreichtum, dass es ein Genuss ist, daran teil zu nehmen.

 Als das Haus endlich steht und die Familie einzieht, ändert sich das Leben des Erzählers. Er entdeckt die Macht der Ökonomie, die ihm die Schande der Armut nimmt, ihm die Aussicht auf einen gefüllten Bauch und auf Ansehen in der Gesellschaft verheißt. Doch auch diese Entdeckungen sind nicht Teil seines Bewusstseins, sondern unterbewusste Motive, die ihn beeinflussen: So entwendet er aus dem Portemonnaie seiner Lehrerin Geld und kauft sich dafür etwas richtig Gutes zu essen. Natürlich muss auch dieser Versuch, sich für einen Moment aus der Armut zu befreien, scheitern. Und dennoch, trotz der physischen Gebrechlichkeit des Jungen und den ernsten Konsequenzen dieser Tat, kämpft sich zusammen mit seiner feinen Wahrnehmungsfähigkeit der eiserne Wille an die Oberfläche seines Bewusstseins, in Würde leben zu wollen.

Und so ist die Geschichte eines Jungen, der stiehlt, auch eine Erzählung vom Erwachsenwerden. Denn sie erzählt von dem Versuch neue Freiräume der Selbstentfaltung zu erobern, die, auch wenn sie riskant, so doch eroberungswürdig sind.

 Ähnlich wie in Imre Kertész‘ Roman eines Schicksallosen entspricht der Erzählstil einem einfachen, nüchternen Berichtstonus. Umso schockierender wirken die äußeren Lebensbedingungen des kleinen Neunjährigen auf den Leser: Die Härte des Landlebens während der kommunistischen Ära in Ungarn, die physische und psychologische Gewalt der Erwachsenen gegenüber den Kindern, die knappe Nahrung, der Mangel an Hygiene und ärztlicher Versorgung und der fehlende Arbeitsschutz offenbaren schonungslos die folgenschwere Tatsache, dass ein Kind nicht um seine eigene Schutzbedürftigkeit weiß.  Und dennoch gibt es in dieser harten Lebenswelt Liebe: die große Schwester, die zärtlich die „Kleine Mama“ genannt wird und an die man sich abends ankuscheln kann, der Pater, der die Geschwister als Messdiener anstellt um ihnen Geld zuzustecken oder die Lehrerin Frau Vera, die dem jungen Erzähler über den Kopf streicht. Es ist keine gnadenlose Welt. Aber sie scheint im Licht der Armut gesetzlos, denn das Kind versteht nicht, warum die Dinge so sind, wie sie sind.

 Aus der Erzählperspektive, ist die Sicht des Außenseiters auf die Handlung eine Bereicherung. Denn die einfachen, aber so wahren Erkenntnisse des kindlichen Denkens sind mehr als rührend. Zum Beispiel das Staunen über die Unfähigkeit in dem neuen Haus einzuschlafen, obwohl er sich doch so sehr darauf gefreut hat: „Wenn wir das Dreierbett nicht auseinander geschoben hätten und jetzt wenigstens zu zweit darauf schlafen würden, dann könnte ich vielleicht eher damit zurechtkommen, dass wir in einem so großen Zimmer sind. Ich habe so lange auf diesen Abend gewartet, dass ich jetzt am Ende unfähig bin, ihn richtig zu erleben; im Laufe der Nacht bin ich unter der Decke zu diesem Schluss gekommen. [...] Es scheint, wir müssen einen Zustand, wenn wir nicht in ihn hineingeboren werden, erst extra erlernen.“

 Ferenc Barnás gelingt es, der Einfachheit und gleichzeitig auch der Komplexität der kindlichen Gedankenwelt authentisch Ausdruck zu verleihen. Er vereint die Souveränität eines Erzählers mit der Naivität eines Kindes zu einer originellen Erzählerstimme. Das macht dieses Buch zu einer liebevollen Hommage an das Kind in uns und zugleich an das Erwachsenwerden.

 

Barnás, Ferenc: Der Neunte. Aus dem Ungarischen von Eva Zador. Wien: Nischen Verlag, 2015. 224 Seiten, 21,00 €. ISBN 978-3-9503906-0-5