Endre Ady:

Mensch in der Unmenschlichkeit

 

Gewehre haben mir das Herz zerfetzt,
Schreck hat mein Auge zum Wahn gehetzt,
Stummheit belagert meine Stimme,
Mein Gehirn ist vom Irrsinn erfaßt.

Und dennoch, mach dich auf, meine Kraft,
Erhebe dich von dieser Erde!
Dämmert es oder ist schwarze Nacht?

Egal, erheb dich todesmutig,
Wie früher, als du handeln konntest.


Mehr kann ein Ungar nicht gewinnen
Aus hundert Höllen, hundert Himmeln:
Mensch in der Unmenschlichkeit zu sein,
Ungar unter gejagten Ungarn,
Neues Leben fließt dem toten zu.


Auf den vom Schreck geplagten Straßen,
Auf Dächern, wie ich immer wollte,
Laß ich das Elend auf mich wirken,
Welch Not hat sich hier aufgestaut,
Gott, wie schwach nur kannst du manchmal sein.

 

Da muß ein Toter neu ins Leben,
Einer, der Leiden wirklich kennt,
Da muß er dann mit krankem Herzen
Große Schätze, fast geraubte,
In seiner Seele bergend sammeln
Und glaubt, er hüte Vergangenheiten.

 

Oh Trauer, wie ich dich begreife,
Oh Zukunft, wie ich um dich fürchte,
(Auch wenn ein Toter das nicht sollte)
wie schmerzt der Blick auf dieses Fliehen.

 

Dann spüre ich in meinem Herzen,
Es kommt voll Sorge mir in den Sinn,
Gewehre haben mir das Herz zerfetzt,
Schreck hat den Blick zum Wahn gehetzt,
Stummheit belagert meine Stimme,
Mein Gehirn ist vom Irrsinn erfaßt.

 

Doch leb ich weiter, schrei für andre:
Mensch in der Unmenschlichkeit.

Aus dem Ungarischen von Wilhelm Droste