Das Espressovölkchen

Gyula Zeke: Ich hatte einen Schwarzen - Die Geschichte der Espressos in Budapest. Budapest, Balassi Kiadó, 2014, 3400 HUF

vorgestellt von György Szerbhorváth

Gyula Zeke ist nicht nur in der literarischen Szene bekannt, auch als Privatperson und Historiker ist er ein oft gesehener Gast der Budapester Kaffeehäuser und Espressos. Er fühlt sich seinem Forschungsgebiet persönlich eng verbunden, ist ständiger teilnehmender Beobachter. Persönliche Beobachtungen finden sich jedoch nur im letzten Abschnitt dieses Buches, das sich mit der Geschichte der Espressos zwischen 1973 und 1992 befasst. Er wollte weder „volkstümlich, populärwissenschaftlich“ noch „wissenschaftlich“ sein; seine Methode war Folgende: Er stöberte in Archiven, Bibliotheken, Fotoarchiven, sah die Fach- und schöne Literatur durch und führte Interviews.

„Ich bin leidenschaftlich an den verschiedenen Zeitaltern der mit Kaffeeduft geschwängerten Öffentlichkeit, ihrer Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit interessiert“, schreibt Zeke und diese Leidenschaft paar sich nicht nur mit dem Anspruch auf die Wissenschaftlichkeit eines Historikers, sondern auch mit Witz. Wir dürfen dieses Buch also nicht mit dem Grundsatzwerk von Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, vergleichen, Parallelen gibt es jedoch zweifelsohne. Die Öffentlichkeit der Kaffeehäuser entstand auch in diesen Breiten bereits zur Türkenzeit, damals aber waren es noch nicht die Ungarn, die in der Budaer Burg, im öffentlichen Raum, verbal die Welt retteten. Diese Kultur formte sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so richtig, als nicht mehr die heruntergekommenen, saufenden und Karten spielenden Vertreter der Gentry die omnipräsenten Gäste im Kaffeehaus waren, sondern Bürger bei einer Schale Kaffee plauderten, Informationen austauschten, diskutierten. Der Großteil der Orte, an denen Kaffee ausgeschenkt wurde, waren jedoch Kneipen, die gern Kaffeehäuser sein wollten. Dieser Tatsache entsprang auch zur Jahrhundertwende der Mythos, Budapest sei eine Stadt mit 500 Kaffeehäusern.

Zeke beginnt in den 20er Jahren; das Wort „Espresso“ als Synonym für Café, Kaffeehaus wurde wohl von Dezső Kosztolányi das erste Mal im Jahr 1924 niedergeschrieben. Sein Vorteil gegenüber den Kaffeesiedereien: der Kaffee war besser. Doch während im Kaffeehaus die Herren gemütlich Zeitung lasen, war das Espresso in erste Linie zum Weitergeben von Nachrichten und Tratsch gedacht. Auch die räumliche Ausgestaltung war eine andere: es war kleiner, enger; hier saßen nicht Männer mit Spazierstock und Zylinder, sondern Freunde, Kollegen, einsame Seelen, doch auch tuschelnde Paare beim ersten Rendezvous.

Die allgemeine Krise in der Zwischenkriegszeit führte auch zu einer Krise der Kaffeehäuser und des Bürgertums. Es war die Zeit nach Trianon, nach dem Zusammenbruch, das Land hatte mehr als die Hälfte seiner Bevölkerung und zwei Drittel seiner Fläche verloren. Dann brachen jedoch neue Zeiten an: die Zeiten der geschäftigen Jugend. Die Espressos nach italienischem Stil waren auch billiger. Die weibliche Präsenz nahm ständig zu und unter den Besitzern, den Bedienungen wurde ihre Zahl auch immer größer. Aus der Kassiererin wurde auch die Aufschreiberin; die Frauen sangen nicht mehr und animierten nicht mehr zum Konsum... Frauen, die in Espressos arbeiteten, wurden fortan nicht mehr für Prostituierte gehalten; und die neue Frauengeneration gab sich nicht mehr mit der Untergebenenrolle zufrieden, auch nicht bei der Anbahnung von Partnerschaften. Gerade diese rund fünfzig Espressos waren jene Orte, an denen sie unverkrampfter Bekanntschaften schließen konnten, nachdem die bigotte Welt der Monarchie zerfallen war.

Doch vor dem nächsten Weltenbrand konnte nicht von Idylle gesprochen werden. Der Konkurrenzkampf tobte: Die Kaffeehäuser waren feindselig, man zeigte sich gegenseitig an, weil die Espressos beispielsweise fremde Namen trugen (New York ist natürlich ein absolut ungarischer Name...). Oder man fand die ungarischen Wörter hässlich, selbst das „Espresso Magyar“ war jemandem eine Anzeige wert. Die Kaffeehäusler beschwerten sich, dass der „Kaffeehausmarmor den Dichtern nicht mehr länger Schreibtisch ist, die ihre Zeilen, Romane und Theaterstücke nun wohl in Espressos schreiben“.

Es ist ein Brauch von alters her, der heute auch noch existiert: nicht aufrichtig zu konkurrieren, sondern sich gegenseitig anzuschwärzen, einander Kontrolleure an den Hals zu schicken bzw. an den der Espressobesitzer, weil diese auch Schweinebraten verkauften (damals schrieb man schon das Jahr 1942) – blöd nur, dass man über die entsprechenden Genehmigungen verfügte. Und bevor wir beginnen, in den Goldenen Zeiten zu schwelgen (ich habe noch niemals einen Gastwirt getroffen, der sich nicht über Kontrolleure oder Steuern beschwert hätte), sei hier ein Beispiel angeführt, wie der Vorsitzende der Kaffeehäuserinnung gegen die Espressobesitzer argumentierte: „Es ist zu erwähnen, dass der Kaffeehausbetreiber um 27 Steuern mehr bezahlt als der Besitzer eines Espressobetriebs.“ Leider erfahren wir nicht mehr, wie viele Steuerarten zu bezahlen waren.

Dann kam die deutsche Besatzung – kurios ist, dass man in Italien schon 1939 den Kaffee verboten hatte, in Budapest gab es dazumal in den Espressos noch Schwarzen und natürlich Schwarzhandel. Juden durften nur in zwei bestimmte Lokale gehen und es gibt Daten, die darauf hinweisen, dass die Hälfte der Espressos in ihren Händen waren (zumindest durch Strohmänner, von denen viele sie betrogen). Und während die ungarischen Juden vergast wurden, machte immer noch der „Witz“ die Runde: Herr Schwarz magyarisiert seinen Namen auf Fekete, um leichter eine Gewerbeberechtigung zu bekommen. Der Kommunismus spielt dann auch auf dieses antisemitische „Sprachspiel“ an.

Diese Espressos erlebten in den Koalitionszeiten von 1945 bis 1948 ihre Hochzeit. Sie dauerte an, solange es schien, dass die neobarocke Gesellschaft, somit auch ihre Öffentlichkeit, zu einer bürgerlichen würde und die Diskussionen rationaler. Man konnte nicht wissen, dass das Land zur Interessensphäre der Sowjetunion gehören und alles in die Hände der Kommunisten fallen würde, von den Palais über die Espressos bis zum allerletzten Nagel.

Doch schon 1945 wuchsen sich einfache Randale, „dank“ der Hetzkampagne der Tageszeitung Szabad Nép, zu Pogromen gegen Espressos aus! Die Kapitalismus- und Bürgerfeindlichkeit paarte sich mir der weiterhin bestehenden Judenfeindlichkeit. Die primären Zielscheiben der kommunistischen Führungsriege waren in erster Linie die Espressos und weniger die Kaffeehäuser. Der ideologische Kampf brach umgehend aus, die kommunistischen Minister erhoben ihren Zeigefinger: Während sich Frauen um Brot anstellen, kann es doch nicht sein, dass es Lokale und Espressos gibt, wo die Damen und Herren von früher ihren Kaffee schlürfen.

Die Gewerkschaft kämpft aber auch gegen die Arbeitnehmerinnen: Der Mann habe zu arbeiten, hieß es, er sei der „Familienerhalter“, die heimkehrenden Kriegsgefangenen bräuchten die Arbeitsplätze, außerdem würde die Sittlichkeit der Frauen an solchen Orten „leichter gestört“. Neu waren Livemusik, die vor dem Krieg unbekannt gewesen war, und nächtliche Öffnungszeiten. In der Presse verteidigten einige diese Welt, die an die gute alte Zeit erinnerte, andere Meinungsmacher, Journalisten und Parteisoldaten identifizierten die Espressos mit der Tagedieberei, dem Nichtstun, „oberflächlicher Großstädterei“, alles Eigenschaften, die den Aufbau des Sozialismus behindern würden.

Rückblickend kann diese Nachkriegswelt durchaus niedlich erscheinen, z. B. das einzige Espresso, das als literarisches galt, das Darling in der Károlyi-Straße, schräg gegenüber der geisteswissenschaftlichen Fakultät. Darüber schrieb Pongrác Galsai: „Geld hat hier keiner jemals. Eine Summe Geldes halt, die man Geld nennen könnte. Oft bestellt man hier zu zweit einen einfachen Espresso und wartet auf den Dritten, der ihn bezahlt...“ Nach dem überstandenen Weltenbrand steckte in jedem Lebenswille und Lebensfreude, die Freude des Überlebens trotz Trauer und Armut. Und es ist berührend zu lesen, wie die ehemaligen „Bewohner“ der Luftschutzkeller und KZs eng aneinander gedrängt in diesen kleinen Lokalen saßen und das mitunter stundenlang: denn daran hatten sie sich an jenen Orten schon gewöhnt.

Und dann kam die Diktatur, die Verstaatlichung, die den Besitzern „nicht einfach nur das Geschäft wegnahm, von den glänzenden und teuren Kaffeemaschinen bis zum letzten Türnagel, sondern [...] sie auch noch bestrafte, weil sie als Kapitalisten ihre Angestellten ausgebeutet hatten – im Falle von Familienunternehmen offensichtlich sich selbst – und damit die Entwicklung verzögerten, dass ihre Mitarbeiter am Glück der klassenlosen Gesellschaft teilhaben konnten“. Zum neuen „Unternehmenschef“ wurde meistens einer der Angestellten. Ohne Respekt, ohne Kenntnisse, deshalb arbeiteten die Kollegen zu Zeiten der zentralisierten Gastronomie dann oft (auch) in die eigene Tasche. Und die Espressos wurden zu hervorragenden Orten der Überwachung, hier konnten sich auch die offiziellen Geheimdienstoffiziere mit den Spitzeln treffen.

Ab 1957 war es üblich, dass Olympiasieger, erfolgreiche Sportler als Belohnung die Betriebserlaubnis für ein Espresso erhielten. Doch die Frauen waren immer noch weit von der Gleichberechtigung entfernt. Zu Beginn der 60er Jahre alleine in eine Bar zu gehen, war ebenso inakzeptabel, wie es anderswo/zu anderer Zeit für Juden, Schwarze oder Hunde gewesen war. Es tobte ein Kampf um die Gäste und dieser war kein sanfter. Dann ab den 70ern gehörte auch der Autor selbst schon zum „Espressovölkchen“ und ist fortan subjektiv, wie er selber eingesteht.

1952 wurde in einem Ministerialpapier noch geschrieben: „Der sozialistische Alkoholausschank ist völlig anders als seine Vorgänger, die dunklen Spelunken, die schlechte Erinnerungen hervorrufen. Im Alkoholausschank kann der Arbeiter, der in die Arbeit eilt oder auf dem Weg nach Hause ist, das Glas Wein oder ein anderes Getränk konsumieren, das sein Organismus verlangt“. Ab den 1970ern war der Kampf gegen den ausufernden Alkoholkonsum angesagt, mit Kaffee und Kuchen wurde gegen den Alkoholismus vorgegangen. Die Espressos verkneipisierten sich langsam, ihre Zahl ging zur Wende drastisch zurück.

Doch die ausländischen Gäste finden auch heute immer noch ausreichend Orte, um in Budapest Kaffee zu trinken. Besondere Berühmtheit erlangte das ehemalige jüdische Viertel, der siebte Bezirk mit seinen sogenannten Ruinenkneipen, in denen mehrere Hundert Menschen in den Innenhöfen früherer Wohnhäusern und Parterrewohnungen Platz finden und oft auf den Stühlen der früheren Espressos hin- und herrutschen.

Aus dem Ungarischen von Clemens Prinz