Zur Erinnerung an Árpád Göncz

 

Árpád Göncz war ein Intellektueller mit dem Format eines großen Politikers. Voller Wohlwollen und Hingabe, mit leiser Entschlossenheit und naivem Engagement, in weißem Hemd und reinen Herzens. – Mit den Zeilen Lajos Jánossys zum 90. Geburtstag von Árpád Göncz verabschieden wir uns von dem Schriftsteller.

 

Was ohne ihn wäre, wir wissen es nicht. Was ohne ihn gewesen wäre. Allmählich wissen wir nicht einmal mehr, was wir mit ihm sind. Was ist? Was wird sein? Jetzt ist er neunzig Jahre alt. Zu Árpád Göncz wurde er über Nacht durch das Jahr 1989. Kaum einer kannte ihn – die breitere Öffentlichkeit jedenfalls ganz sicher nicht.

 

Aber wen kannte er, mochte er gekannt haben? Seinen verträumten Blick richtete er am ehesten auf das Ufer des Balaton, später träumte er von den Gegenden jenseits von Hegyeshalom. Nur fort von hier – uns vergessen!

Auch von Göncz wusste fast niemand etwas, von seinen jungen Jahren vor fünfundvierzig, in denen er bereits politisierte, dann von seinen Aktivitäten als Kleiner Landwirt nach dem Krieg, seinem Charakter 1956, seiner Treue zu Bibó. Von seiner prinzipiellen und praktischen Unerbittlichkeit während der Zeit der sog. Kádárschen Konsolidierung. Auch von einem der ausdauernsten Wächter der Erinnerung an die Revolution und ihrer Tradition, der Idee eines unabhängigen und stolzen Ungarn wusste kaum jemand etwas.

Und natürlich wusste man auch von dem Übersetzer nichts, von dem Mann, der Lowry, Faulkner, Hemingway, Updike und Tolkien in Ungarn heimisch machte. Und auch von dem Autoren des Romans Sarusok wusste kaum einer.

Doch es kam der Augenblick, in dem plötzlich jeder von ihm wusste. Und die Mehrheit wusste nicht nur um ihn, sondern liebte ihn.

Die Mehrheit – hm. Liebte ihn – hm. Was für Worte kommen dem Gratulanten da an die Spitze der Feder?! Wer weiß heute schon noch, was diese Mehrheit war, ob es sie überhaupt gab. Liebe? Gab es das Ungarn, das, wenn auch schon damals in Gefechte bis aufs Blut verstrickt, mit so vielen Fehlern vonseiten der Politiker, mit Fehltritten, hier und da aufkommenden Hassattacken, trotz allem so schien, als behaupte es das Feld? Als behaupte es sich?

Mag sein, auch das ist ein Irrtum, Selbsttäuschung, Illusionismus, sind Ausflüchte; die falsche Vorstellung von dem Beginn der ungarischen Demokratie zur Zeit unserer zarten Jugend.

Etwas lässt sich aber vielleicht mit Bestimmtheit sagen:

Árpád Göncz war ein Intellektueller mit dem Format eines großen Politikers. Voller Wohlwollen und Hingabe, mit leiser Entschlossenheit und naivem Engagement, in weißem Hemd und reinen Herzens; ein Patriot, der darauf hoffte, die ungarische Progression und Tradition miteinander zu versöhnen, bereit, die ungarische Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts im Spiegel des persönlichen Gewissens abzuwägen. Auch heute ist er das.

 

Er war der bessere Teil von uns, als wir uns auf den Weg machten. Diesen besseren Teil feiern wir in ihm.

 

Aus dem Ungarischen von Eva Zador

 

2012 erschienen auf litera.hu, zum 90. Geburtstag von Árpád Göncz.