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Sirbik, Attila
 

Adler auf der Jagd nach hungernden Killer-Kanninchen

Der Roman „St. Euphemia“ von Attila Sirbik vorgestellt von Péter Bozsik.

Der Autor Attila Sirbik ist zwei Jahre alt, als Josip Broz Tito, der allmächtige Herr über das einstige sozialistische Jugoslawien, stirbt, er ist dreizehn, als dieses Staatsgebilde in sich zusammenbricht und den Großteil des Landes in einen Bürgerkrieg reißt, und einundzwanzig, als der Albtraum mit den NATO-Bombardierungen ein Ende findet. Wäre er in den Vereinigten Staaten von Amerika geboren, wäre er gerade dann erwachsen geworden. Aber er ist nicht dort geboren, obwohl die amerikanische minimalistische Prosa sichtlich Einfluss auf ihn hatte. Der Roman, genauer gesagt dessen erste elf Kapitel, enden jedoch nicht mit der NATO-Bombardierung, sondern mit dem Tod von Slobodan Milošević, dem Schlächter vom Balkan. (Auf das zwölfte und letzte Kapitel gehe ich später noch ein.)

Subotica, Rovinj, Pécs, Budapest, Balatonfenyves, Novi Sad, Požarevac, Vranje: das sind die Schauplätze dieses sich aus Bruchstücken zusammensetzenden Romans, den Rahmen aber bilden der Bruderkrieg und dessen Nachklänge. Es ist, als wollte der Autor nicht allein einen Roman schreiben, sondern all den Schmerz, die selbstzerstörerische Wut, die Aussichtslosigkeit, die Gewissensbisse aus sich herausschreiben, die er im Hinterland beziehungsweise in seinen unfreiwilligen Jahren als Gymnasiast (bereits in Ungarn) erfahren musste. Unfreiwillig, weil er deshalb ins ungarische Pécs in die Schule ging, um in größerer Sicherheit zu sein (und hier spreche ich schon nicht mehr vom Autor, sondern von dem Protagonisten des Romans). Und gerade dieses Gefühl der Sicherheit wird trügerisch, schlägt zurück. Denn vergebens die ungarischen Kumpel, die Mädels, der Alkohol und das Gras, die Freunde aus Subotica sind an der Front oder verstecken sich in ihrer Angst, dorthin zu gelangen. Den Protagonisten des Romans aber quälen Gewissensbisse, er wird neurotisch, weil er nicht versteht, dass man nicht versteht, was einige Kilometer weiter im Süden geschieht. Er bekommt einen solchen hysterischen Anfall, dass seine Freunde sich nicht anders zu helfen wissen, als ihn niederzuschlagen. In dieser Welt hauen sich die Kumpel gegenseitig übers Ohr, das Gras geht mit Paranoia einher, der schlechte Alkohol mit einem ewig scheinenden Kater und Depressionen, und auch die Liebe bringt keine Erlösung. Es bleibt die körperliche Lust, die Ekel verursacht, und der Rausch des Alkohols, die Aufnahmezeit, das Einsetzen der Wirkung.

Auch ansonsten sind alle in der Familie des Protagonisten neurotisch, halb oder ganz verrückt. Der sein Kind terrorisierende Vater ist nervlich am Ende, weil er im Jugoslawien Titos sein Gefühl relativer Sicherheit verloren hat, die Mutter ist fanatisch religiös und versucht ihrem Kind den Satan auszutreiben, die Großmutter wird wahnsinnig, da sie aus Rovinj vertrieben wurde, weil sie einen verheirateten Mann verführt hatte. Attila Sirbik springt zwischen den verschiedenen Vergangenheiten seines Helden hin und her, und doch besitzt das Buch eine gewisse Linearität, denn er gelangt von den Ferien seiner Kindheit in Rovinj bis zum Erwachsenenalter.

Und schließlich zum zwölften Kapitel: Im letzten Kapitel kehrt der Autor wieder zu den NATO-Bombardierungen zurück und zu den Wochen davor. Wir befinden uns in Südserbien, wo ein Mann namens Jenki erzählt, wie er jene schrecklichen Monate überlebt hat. (Den Namen des Ich-Erzählers der vorherigen Kapitel kennen wir nicht.) Der ungarischstämmige Jenki ist aus freien Stücken eingerückt; er will sich nicht verstecken, nachdem er von der Liste der „geschützten Tiere“ gelangt ist, denn er hat die Universität verlassen, da er sein Studium nicht weiter finanzieren konnte. Das Grauen, das Jenki erlebt, von der Angst bis zum Hungern, dem Essen von Hundefleisch bis hin zum vollkommenen Abstumpfen, will ich hier nicht weiter ausführen. Dort, wo Adler auf hungernde blutrünstige Killer-Kanninchen jagen.

Das Ganze ist, als hätte ein delirierender Archäologe ein lückenhaftes Mosaik aus der Römerzeit entdeckt, das einen schrecklichen Gott darstellt. Die Details sind gut sichtbar, das Ganze aber setzt sich im Kopf zusammen.

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